Deutsche Zuschauer zeigen den Hitlergruß, die Fans beschießen sich mit Pyro-Raketen und Böllern – ein Anhänger wird schwer verletzt: Die grausamen Bilder von den Rängen lagen wie ein schweres Gewitter über dem Erfolg von Eintracht Frankfurt in der Champions League. „Es ist schon sehr befremdlich, welches Ausmaß an Aggressivität und Hass uns entgegenschlug“, klagte Vorstand Philipp Reschke.

Nach einem sportlich erfolgreichen Abend in Marseille gehe es einzig und allein darum, „dass wir alle gesund und sicher nach Hause kommen“. Dass dies nicht gelingen würde, war jedoch schnell nach Abpfiff klar. Ein Eintracht-Fan war beim Pyro-Inferno von einer Rakete am Hals getroffen worden. Er stürzte eine Treppe hinunter und brach sich einen Halswirbel und drei Rippen. „Er ist stabil und außer Lebensgefahr“, sagte Reschke.

Trainer Oliver Glasner zeigte keinerlei Verständnis für die Ausschreitungen. Aber auch er spielte die übliche Karte, dass es nur ein paar wenige seien, die den Fußball in Verruf bringen: „Ein paar Chaoten missbrauchen den Fußball, um ihre Gewaltaggressionen auszuleben.“

Die Lage hatte sich schon weit vor dem Hochrisikospiel in der Stadt zugespitzt. Am Montagabend waren bereits acht Personen nach einer Schlägerei festgenommen worden, laut örtlicher Präfektur kamen am Dienstag 17 weitere Personen in Gewahrsam. Vor dem Stadion wurden Busse der Eintracht-Fans mit Gegenständen beworfen, im Velodrome kam es zur Eskalation. Neben den gegenseitigen Raketenbeschüssen zeigten deutsche Anhänger den Hitlergruß.

Die Eintracht distanzierte sich „in aller Deutlichkeit“ von dem auf einem im Internet kursierenden Video zu sehenden Vorfall. Er könne sich in dieser Hinsicht „nicht vorstellen, dass es einen Verein gibt, der eine klarere Haltung hat“, betonte Reschke. Insgesamt sah der Vorstand für Fanbetreuung, Sicherheit und Recht auf Seiten von Marseille „bedeutend mehr“ Täter.

Das sei keine Entschuldigung und solle keinen in Schutz nehmen, betonte Reschke: „Das war ein Tag, den wir in dieser Form noch nicht erlebt haben und wie wir ihn nicht für möglich gehalten hätten.“ Jetzt droht auch der Eintracht ein Geisterspiel, denn beide Klubs spielen derzeit in Europa auf Bewährung.

Gerade mal eine Woche ist es her, dass deutsche und französische Fußball-Fans schon einmal aufeinander eingeschlagen haben. In der Conference League spielte der 1. FC Köln in Nizza Unentschieden, bei den Krawallen gab es keinen Sieger. Inzwischen wollen die Kölner nichts mehr darüber hören. Es sei „von allen Seiten genug“ über die Ausschreitungen gesprochen worden, sagte Verteidiger Benno Schmitz am Mittwoch. „Wir haben super Fans, gerade im eigenen Stadion“, so der 27-Jährige: „Dass es immer ein paar gibt, die rausfallen, das ist leider so.“

Risikospiel gegen Tschechen

Das Spiel am Donnerstagabend gegen den 1. FC Slovacko aus Tschechien wurde unter den Eindrücken von Nizza inzwischen zum Risikospiel hochgestuft. „Es ist zur Zeit leider so, dass es wirkt, als würde es immer mehr in den Stadien, auch ohne deutsche Beteiligung“, sagte FC-Trainer Steffen Baumgart auch mit Blick auf das Spiel in Marseille. „Ich habe kein Rezept dafür, aber alle zusammen müssen daran arbeiten, dass man diese Elemente Schritt für Schritt aus dem Stadion bekommt.“ Auch dort seien 99 Prozent vernünftig gewesen: „Man muss aber trotzdem über dieses eine Prozent sprechen“, fordert Baumgart. sid/dpa

Gewaltbereit im Stadion


Verfahren 3627 Strafverfahren wurden im vergangenen Jahr nach Vorfällen in den vier höchsten deutschen Fußballligen eingeleitet. Das geht aus dem Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze hervor. Ausgewertet wurden knapp 3000 Partien.

Verletzungen Aktuell werden 12 734 Fußball-Fans als gewaltbereit eingestuft. Insgesamt wurden bei den Einsätzen 700 Menschen verletzt, darunter 123 Polizeibeamtinnen und -beamte. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zahlen deutlich gestiegen, was an aber daran liegt, dass wegen der Corona-Pandemie die Fans verbannt waren.

Bayern In der Münchner Allianz Arena ist grundsätzlich mindestens ein Staatsanwalt vor Ort, gleiches gilt bei Spielen mit erhöhtem Sicherheitsrisiko auch in anderen Stadien.