Hamburg/Ulm / Carsten Muth Taekwondo 2016 gewann Kimia Alizadeh als erste iranische Frau eine Medaille bei Olympischen Spielen. Nun will sie für Deutschland starten. Von Carsten Muth

Kimia Alizadeh will ein Leben in Sicherheit und Freiheit leben, nicht mehr ausgenutzt und gedemütigt werden, wie sie sagt. Deshalb hat die 21-Jährige ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Ihre Heimat ist der Iran, Alizadeh eine populäre Sportlerin in der islamischen Republik am Persischen Golf. 2016 gewann die Taekwondo-Kämpferin als erste iranische Frau eine Medaille bei Olympischen Spielen. Die Bronzemedaille in ihrer Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm widmete die damals 18-Jährige „allen Mädchen des Landes“. Die Mächtigen jubilierten und schmückten sich mit der Vorzeige-Athletin. Präsident Hassan Rohani twitterte im Sommer vor vier Jahren: „Du hast ganz Iran glücklich gemacht.“

Inzwischen ist Alizadeh zudem Zweite bei der WM 2017 geworden – und trotzdem nicht mehr wohl gelitten in ihrem Land. Alizadeh befindet sich auf der Flucht. Vor einigen Wochen hat die Sportlerin den Iran verlassen – aus Protest gegen das Regime, die „Korruption und Lügen“ im Iran, wie Alizadeh bei Instagram schreibt. Sie hält sich derzeit in Hamburg auf und nimmt kein Blatt vor den Mund. Alizadeh betont: Ein Zurück in ihre Heimat gibt es für sie nicht mehr.

Den Offiziellen dort wirft die 21-Jährige Ausbeutung und Sexismus vor. Athletinnen würden nicht nur schamlos ausgenutzt, sondern auch gedemütigt. Kimia Alizadeh schreibt: „Ich bin eine von Millionen unterdrückter Frauen im Iran, mit denen sie seit Jahren spielen.“ Das Leben unter der Regentschaft der Mullahs? Ist für sie schlicht unerträglich geworden.

Auch deshalb, weil an der Spitze vieler Sportverbände im Iran immer mehr Religionsgelehrte stehen, deren Einfluss und Druck wachse stetig. Heißt: Die Sportler und vor allem Sportlerinnen müssen mitunter strenge Verhaltensregeln befolgen. Was wiederum dazu führt, dass immer mehr Athleten ob der penetranten Einmischung von Politik und Religion in den Sport von Wettkämpfen aus dem Ausland nicht mehr zurückkehren. Auch sie gehen auf Konfrontationskurs mit dem Regime (siehe Info-Kasten).

Unter anderem hatten kürzlich im Schach zwei Fälle für Aufmerksamkeit gesorgt. Ende Dezember trat der erst 16 Jahre alte Großmeister Alireza Firouzja bei der Schnell- und Blitzschach-Weltmeisterschaft unter der Flagge des Weltverbandes Fide an. Damit widersetzte er sich dem Turnier-Boykott des iranischen Verbandes.

Die iranische Schach-Schiedsrichterin Shohreh Bayat wurde während der Frauen-WM in Shanghai in ihrem Heimatland massiv angefeindet. Der Vorwurf lautete: Sie habe ihr Kopftuch zu leger getragen und zu viel Kopfhaar gezeigt. Die Schiedsrichterin war empört, verzichtete kurzerhand in der Folge ganz auf das Kleidungsstück. Was im Iran wiederum als eindeutiges Zeichen des politischen Protests gewertet wurde. Die Aufregung war groß. Medienberichten zufolge fürchtet Shohreh Bayat nun Repressalien. Auch sie will nicht mehr in den Iran zurückkehren.

Wie genau es mit Taekwondo-Kämpferin Kimia Alizadeh weitergeht, ist offen. Derzeit hält sich die 21-Jährige mit einem Schengen-Visum in Deutschland auf, nachdem sie zunächst Zuflucht in den Niederlanden gesucht hatte. Anfang der Woche trainierte sie noch in Eindhoven. Nun befindet sich die junge Kampfsportlerin in Deutschland. Alizadehs Aufenthaltsstatus ist noch nicht geklärt. Schon Ende dieser Woche läuft das Visum der Taekwondo-Kämpferin ab, dann müssten sie und ihr Mann, der sie begleitet, nach Lage der Dinge ihren Aufenthaltsort Hamburg verlassen.

Die 21-Jährige aber möchte unbedingt bleiben und künftig für Deutschland an den Start gehen. Bei der Deutschen Taekwondo Union (DTU) rennt sie mit ihrem Wunsch offene Türen ein. Die DTU unterstützt die Olympiadritte von Rio. Es gab bereits ein Treffen, an dem Vertreter des Verbands, Kimia Alizadeh, ihr Mann und ein Berater teilgenommen haben, wie der Sportinformationsdienst berichtet. Anschließend ließ der Verband verlauten: „Die DTU würde es begrüßen, wenn Kimia für Deutschland starten könnte und hat ihr bereits ein Befürwortungsschreiben ausgestellt, mit dem sie zu den zuständigen Behörden gehen kann.“

In Tokio schon für Deutschland?

Doch ob Alizadeh tatsächlich Deutsche werden kann, ist ungewiss. Ungeachtet einer Klärung aller Fragen zur Einbürgerung: Ein möglicher Start für Deutschland schon bei den Ende Juli beginnenden Sommerspielen in Tokio gilt als unwahrscheinlich. Sollte der Iran eine Freigabe verweigern, könnte sich der Prozess des Nationalitätenwechsels verzögern, heißt es.  (mit sid)

 Judoka soll Kampf gegen Israeli meiden

Flucht Der ehemalige Judo-Weltmeister Saeid Mollaei ist im vergangenen Jahr ebenfalls aus dem Iran geflüchtet. Der 28-Jährige hatte öffentlich gemacht, dass er vom iranischen Verband gezwungen worden war, im Halbfinale absichtlich dem Belgier Matthias Casse zu unterliegen, um im Finale nicht gegen den Israeli Sagi Muki antreten zu müssen. Inzwischen hat der Weltverband IJF den Iran komplett gesperrt. Für das judobegeisterte Land war der verhängte Ausschluss ein harter Schlag.

Fußball Im Oktober 2019 durften im Iran Frauen erstmals ein Fußballspiel besuchen. Tausende Frauen machten aus dem Besuch im Teheraner Stadion ein Fest. Die Fifa hatte zuvor die Aufhebung des Fußballspiel-Besuchsverbots gefordert.