Griff um Griff zieht sich Hannah Meul die steile Kletterwand nach oben. Mit jedem festen Halt der 21-Jährigen im EM-Finale der Boulder-Spezialistinnen kreischen die rund 2000 Zuschauer in der engen Münchner Kletter-Arena ein bisschen lauter. Elektro-Musik wummert im Takt der klatschenden Masse. Dann, an der zu überwindenden Schwelle für Gewinn der Goldmedaille, rutscht die Kölnerin ab, das Klatschen verwandelt sich in ein tausendfaches Raunen. Doch die Stimmung auf dem Königsplatz ist nur kurz getrübt, sofort wird die Silbermedaillengewinnerin vom Publikum für ihre Leistung gefeiert. „Ich bin unendlich dankbar für dieses Publikum, es hat mir Flügel gegeben“, sagt die kraxelnde Studentin.

Wahrlich muss es ein unvergesslicher Moment für die Sportler sein, über diesem Hexenkessel in schwindelnder Höhe zu thronen. Eingerahmt von beeindruckenden Bauwerken im Stil der Akropolis von Athen, zwischen Propyläen, Glyptothek und Staatlicher Antikensammlung im Herzen der Stadt eine Art Festivalatmosphäre. Die Sportkletter-Wettbewerbe, seit Tokio 2021 olympisch, sind der Publikumsmagnet am ersten Wettkampfwochenende der European Championships und bilden zugleich den vorläufigen Stimmungshöhepunkt. Die Sitz- und Stehplätze waren am Samstag und Sonntag schon frühzeitig ausverkauft, was viele sportbegeisterte Münchner nicht davon abhält, trotzdem zu kommen.

Besucher kommen auf Verdacht

„Wir schauen, ob wir vielleicht trotzdem einen Blick erhaschen können“, erklärt ein Vater, der mit seiner fünfjährigen Tochter aus der U-Bahn steigt. Ein paar Schritte später steht er mit hunderten Schaulustigen vor dem Haupteingang und nutzt den freien Blick auf die herausragende Kletterwand.

Da stehen Papas, die ihre Kinder auf die Schultern nehmen, und Mamas mit Kraxe auf dem Rücken. Aber auch interessierte Senioren wollen dem Spektakel beiwohnen. Der Andrang der Extra-Besucher wird bis zum Lead-Finale der Männer am Sonntagabend so groß, dass eine Schar Ordner den Massenandrang in geordnete Bahnen lenken muss.

Auch wenn die Kletter-EM schon am Donnerstag zu Ende geht, wird es bis zum Ende der European Championships am 21. August auf dem Königsplatz laut bleiben. Bis Sonntag werden im 5000 Zuschauer fassenden Beachvolleyball-Stadion direkt nebenan ebenfalls Europameister gekürt. Und wen das Kraxelfieber gepackt hat, der kann sich am letzten Wettkampfwochenende noch selbst an den originalen Königsplatz-Kletterwänden versuchen. Manuela Harant