Torben Johannesen rang vor den Medienvertretern noch um Erklärungsversuche, als sich die Niederländer und Italiener auf dem Bootssteg dahinter für das beglückwünschten, was eigentlich das Ziel des deutschen Ruder-Achters gewesen war: eine Medaille hinter den seit Jahren dominanten Briten. Doch das Flaggschiff des Deutschen Ruderverbands (DRV) musste sich, wie auch die zweite große Medaillenhoffnung bei der EM in München, Oliver Zeidler im Einer, mit Rang vier begnügen. „Wir haben einen übergebrezelt bekommen, anders kann man es nicht sagen“, erklärte Schlagmann Johannesen. Einzig Überraschungsfrau Alexandra Föster, als U23-Weltmeisterin kurzfristig ins A-Nationalteam aufgerückt, wusste in einem packenden Einer-Finale zu überzeugen und sicherte mit einem starken Schlussspurt Bronze.

Die deutschen Mannschaftsboote blieben allerdings erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt ohne EM-Medaille. Und bei der WM in fünf Wochen in Racice wird es noch schwerer. „Jetzt hilft nur trainieren, trainieren, trainieren“, erklärte DRV-Cheftrainerin Brigitte Bielig. Ähnliches war von Achter-Coach Uwe Bender zu hören: „Die Mannschaft weiß, dass wir viel Arbeit haben.“

Zeidler kritisiert Verband

Wie diese Arbeit aussehen soll, damit die deutsche Elite ihren Umbruch bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris erfolgreich gestaltet, darüber gehen die Meinungen aber auseinander. Insbesondere Oliver Zeidler, der aufgrund seiner Zusammenarbeit mit seinem Vater und Trainer Heino Zeidler, hatte im Vorfeld der EM mit Pauschalkritik am DRV für Aufsehen gesorgt. „Wir haben im Deutschen Ruderverband niemanden, der diese Ahnung hat vom Leistungssport. Es wird Zeit, dass da jetzt Verantwortung übernommen wird“, sagte er in mehreren Medien. Ins selbe Horn bließ am Sonntag Bronze-Gewinnerin Föster: „Ich  möchte mir nicht anmaßen, irgendwelche Strukturen zu kritisieren. Aber dass irgendetwas schief läuft, ist offensichtlich“, sagte die 20-Jährige vom Ruderclub Meschede.

Achter-Trainer Bender machte auch mentale Aspekte für das kollektive Versagen verantwortlich. Gerade bei den jüngeren Athleten seien manche vor dem Rennen „grenzwertig angespannt“ gewesen. Allerdings ist auch das Trainingssystem des Deutschen Ruder-Verbands umstritten. Die Mannschaftsboote werden an den zentralen Standorten in Dortmund, Hamburg und Berlin ausgebildet, eine dezentrale Förderung gibt es kaum noch. Doch das kann für die Athleten zu Konflikten bei der Vereinbarkeit von Berufsausbildung und Leistungssport führen. So müssen alle Athleten, die am Dortmunder Bundesstützpunkt um einen Platz im Deutschlandachter kämpfen, ihr Studium alle zwei Jahre fast komplett auf Eis legen. „Die Sportler wissen, dass sie ab Oktober 2023 ihre Studienverpflichtung hintenan stellen müssen“, erklärt Bielig – mit Verweis auf die andere Konkurrenz: „Andere Nationen machen das noch professioneller.“

Doch von der Basis ist zu hören, dass die Sportler immer weniger bereit sind, dieses Opfer zu bringen – müssen sie ihre Brötchen nach der Ruderkarriere mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit doch mit etwas anderem als dem Rudersport verdienen. Für eine EM-Medaille im Rudern gibt es übrigens nicht einmal eine Prämie.

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Medaille holte der Deutsche Ruderverband (DRV) bei der EM in München in den olympischen Bootsklassen, vor drei Jahren waren es noch sechs gewesen.