Irgendwann schaltete sich auch Elon Musk in dieses moderne Schachdrama ein, aber da war sowieso schon alles zu spät. Das Internet spekulierte bereits über vibrierendes Sexspielzeug, mit dessen Hilfe man große Partien gewinnt, und auch der Multi-Milliardär erfreute sich an dieser Theorie. Und zitierte dann noch Schopenhauer, um das ganze anschaulich zu beschreiben.

Ja, das Spiel der Könige liefert in diesen Tagen ungewöhnlich viel Stoff für den Boulevard, und es ist alles etwas unübersichtlich geworden. Im Kern allerdings geht es um den größten Schach-Skandal seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten. Im Zentrum stehen der 31-jährige Superstar Magnus Carlsen und ein junger Herausforderer, der US-Amerikaner Hans Niemann.

Am Montag ging diese Fehde in die nächste Runde: Bei einem hochkarätig besetzten Online-Turnier trafen beide erneut aufeinander – und bereits nach einem Zug beendete Carlsen das Spiel. Kommentarlos. „Schockierend und beunruhigend“, fand das Maurice Ashley, US-Großmeister. Die Internationale Meisterin Jovanka Houska beschuldigte Carlsen gar, eine „Hexenjagd“ zu provozieren.

Begonnen hatte alles Anfang September mit einer seltenen Niederlage des Weltmeisters aus Norwegen. Carlsen verlor in St. Louis völlig unerwartet gegen Niemann, 19 Jahre, wilde Locken, ein Aufsteiger und Querkopf der Szene. „Es muss peinlich für den Weltmeister sein, gegen einen Idioten wie mich zu verlieren“, sagte Niemann nach der Partie: „Er tut mir leid.“

Peinlich oder nicht, wenig später zog Carlsen sich aus dem Turnier zurück, auch da schon beinahe wortlos. Via Twitter verkündete er dies knapp und stellte dazu lediglich das kurze Video eines berühmten Interviews mit dem Fußballtrainer José Mourinho: „Ich ziehe es vor, nichts zu sagen. Wenn ich etwas sage, gerate ich in große Schwierigkeiten, und ich möchte nicht in große Schwierigkeiten geraten.“

Das Wort Betrug nahm Carlsen bis heute nicht in den Mund, geredet wird dennoch viel über Niemann und seine – möglichen – Betrügereien. Nahrung erhalten die Spekulationen dadurch, dass der Amerikaner schon als 16-Jähriger bei virtuellen Turnieren betrogen hat. Das gibt er freimütig zu. Die Veranstalter in St. Louis allerdings betonen, dass sie jeden Teilnehmer gründlich überprüft hätten. Hinweise auf einen Betrug fanden sie nicht.

Von da an hat die weltweite Schach-Community übernommen. Eric Hansen etwa, Großmeister aus Kanada, stellte im Gamer-Portal Twitch die Vermutung auf, Niemann habe Analkugeln benutzt, um sich die richtigen Züge durch gezielte Vibrationen anzeigen zu lassen. Hansen will aber ausdrücklich „kein Experte“ in dieser Sache sein. Das Thema entwickelte im Netz eine gewisse Eigendynamik.

Spätestens hier war Elon Musk dabei. Via Twitter wandelte er – höchst amüsiert – ein Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer ab: „Das Talent trifft ein Ziel, das niemand sonst treffen kann. Das Genie trifft ein Ziel, das niemand sonst sehen kann (weil es in deinem Hintern steckt).“ Später löschte er den Tweet. Niemann ist gezwungen, sich zu verteidigen. „Wenn ich mich komplett nackt ausziehen soll, dann tue ich das“, sagte er: „Ich weiß, dass ich sauber bin.“ sid/uwe

Kampf der Generationen im virtuellen Raum


Live Der Julius Baer Generation Cup wird von der Schweizer Privatbank gesponsert. Er dauert bis 25. September, jeder Zug wird live auf chess24.com gestreamt. Das Besondere: Es treten 16 Weltklassespieler aus drei Generationen an, darunter der 16-jährige Rameshbabu Praggnanandhaa.