Ulm/Furtwangen / Von Nadine Vogt  Junge Talente im Skiinternat: Charlotte Gallbronner und Diogo Martins werden in Furtwangen ausgebildet. Ein Besuch vor der Corona-Krise. Von Nadine Vogt 

Die 16-Jährige hat den Kopf leicht gebeugt. Ihre linke Hand fasst den Lauf des Gewehrs. Der Schaft ruht an ihrer Schulter. Charlotte Gallbronner fixiert einen Punkt am Ende des schmalen Ganges, etwa fünf Meter entfernt. Kein Klick, kein Schuss. Das Gewehr ist nicht geladen – Trockentraining. „Das soll die Haltung und Stabilität verbessern“, sagt Diogo Martins. In Sportkleidung und Shorts stehen die beiden Jugendlichen nebeneinander, mit ihren Kleinkalibergewehren an den Schultern. Beide sind Nachwuchstalente im Biathlon. Im Keller des Skiinternats Furtwangen starten die beiden in ihren Trainingsnachmittag.

Dort im Schwarzwald leben 30 junge Athleten im Internat. Skispringer, Langläufer, Biathleten, Nordische Kombinierer. Talente, die davon träumen, es in die Spitze des Wintersports zu schaffen. Charlotte kommt eigentlich aus Vöhringen bei Ulm, Diogo aus Hinterzarten – keine halbe Stunde vom Internat entfernt. Die beiden kennen sich schon lange, seit sie es vor einigen Jahren in den baden-württembergischen Landeskader geschafft haben. Im vergangenen Sommer haben sie ihre alten Schulen verlassen und sind nach Furtwangen gezogen. Sie leben und trainieren dort, lernen an einer Elite-Schule des Sports.

Der Tag ist streng durch getaktet

Der Alltag ist bestimmt von Schule und Sport, Hausaufgaben und Training, Klausuren und Wettkämpfen. Am Vormittag sitzen sie in der Geschichtsstunde, diskutieren über Bismarck und die soziale Frage. In Englisch nehmen sie einen Podcast auf, in der Freistunde lernen sie die Definitionen von Ausdauer, Erholung, Belastung – Trainingslehre. Sport ist Hauptfach. Das Treppenhaus des Otto-Hahn-Gymnasiums gleicht einer Ahnengalerie. Es ist gepflastert mit den Porträts ehemaliger Schüler: Martin Schmitt, Abitur 1997, Simone Hauswald, Abitur 1998, Simon Schempp, Abitur 2008. Im großen Schaukasten am oberen Ende der Treppe hängen aktuelle Zeitungsausschnitte. „Manchmal auch über uns“, sagt Charlotte. Nach der Schule geht es für sie zum Essen zurück ins Internat. Ein bisschen Freizeit, dann wird trainiert. Am Abend warten die Hausaufgaben. Der Tag der Nachwuchssportler ist streng durch getaktet.

Die fürs Abitur prüfungsrelevanten Fächer kommen erst im nächsten Jahr dran. Die Athleten haben eine Schulzeitstreckung, machen in dreizehn statt zwölf Jahren den Abschluss, der Stundenplan ist zugunsten des Trainings entzerrt. „Ich hätte es mit der Schule zeitlich nicht mehr geschafft“, sagt Diogo über seine Entscheidung für den Wechsel aufs Internat. Charlotte, die bereits zuvor auf einem Gymnasium mit Sportförderung war, sagt, für sie seien auch die besseren Schneeverhältnisse im Schwarzwald ausschlaggebend gewesen: „Und weil ich in Ulm fast nur auf flachem Gelände trainieren konnte“, fügt sie hinzu.

Mit elf Jahren kam sie zum Biathlon, Diogo mit neun, beide über Schnuppertrainings in ihren damaligen Schule. „Am Anfang war ich noch etwas skeptisch“, sagt Charlotte. Doch es lief gut, sie machte weiter.

Das Trockentraining im Keller erklären die beiden für beendet. Es sei nicht die beliebteste Übung, aber eben eine, die gemacht werden muss. Die Kleinkaliberwaffen wandern zurück in den Tresorraum, wo jeder Biathlet seinen eigenen Waffenschrank hat. Es geht eine Etage nach oben in die Sporthalle. Mit den anderen Biathleten und ihrem Trainer Steffen Hauswald, der einst die erfolgreichen Schempp und Doll trainierte, spielen sie Fußball zum Aufwärmen. Dann geht es an die Kraftübungen: Gewichte stemmen, Klimmzüge machen. Rund zwei Stunden wird trainiert, der Rhythmus wechselt täglich. Mal Kraft, dann wieder Schießen und Laufen. Im besten Fall auf Schnee, an einem Schießstand nur wenige Kilometer vom Internat entfernt.

„Die jungen Sportler haben immer Stress und einen gewissen Druck“, sagt Niclas Kullmann, der das Internat leitet und selbst Lehrer ist. Der 46-Jährige war Kombinierer und kennt das Internatsleben gut. Um die 70 Fehltage kommen bei den Nachwuchs­sportlern in einem Schuljahr zusammen, rechnet Kullmann vor. Der Schritt nach Furtwangen ist oft eine Entlastung. Der Nebeneffekt: „Die Jugendlichen werden schnell selbstständig.“

Im Internat bis zum Abitur

Im Internat geht es ein bisschen wie in einer Jugendherberge zu. Die Jungs wohnen in Einzelzimmern, auf ihrem Gang stehen Skischuhe, die Anzüge der Springer hängen neben ihren Zimmertüren. Die Mädchen sind im anderen Gebäudetrakt. Charlotte teilt sich ihr Zimmer mit Sophia aus Lörrach, ebenfalls Biathletin. Die beiden haben es selbst eingerichtet. Mit weißen Möbeln, einem kleinen Kühlschrank, jeder Menge Bildern von Freunden und Familie. „Mit dem Umzug hierher zieht man praktisch von zuhause aus“, sagt Charlotte. Auf drei Jahre ist die Zeit im Internat ausgelegt, dann ist die Schule beendet. Und es ist absehbar, wohin die sportliche Karriere führen kann. In einer Schublade bewahrt sie ihr blaues Trikot auf, das sie in der Saison bereits als Führende ihrer Altersklasse auszeichnete.

Nur wenige schaffen später den Sprung in den Profibereich. „Das sind Träume, die man hat“, sagt Charlotte. Der Fokus von ihr und Diogo gilt nun aber erst einmal der Vorbereitung auf den kommenden Winter.

Das Skiinternat in Furtwangen

Das Skiinternat Furtwangen (Skif) wird von der Skiinternat Furtwangen Baden-Württemberg GmbH, an der die Stadt, die Stiftung Olympia Nachwuchs Baden-Württemberg und der Internationale Bund (IB) beteiligt sind, betrieben. Rund 30 Sportler werden derzeit im Skif in Kooperation mit den Schulen vor Ort ausgebildet. Für jede Wintersport-Disziplin gibt es mehrere Fachtrainer, unter anderem Dieter Notz (Langlauf), Steffen Hauswald (Biathlon) und Rolf Schilli (Skisprung). Zu den bekanntesten Ehemaligen unter den noch aktiven Wintersportlern zählen die Biathleten Benedikt Doll und Simon Schempp, Skispringerin Carina Vogt und Kombinierer Fabian Rießle.