An diesem Wochenende wird die Rückkehr des TV Rottenburg in die 2. Liga mit dem ersten Aufschlag der neuen Saison vollendet. In der Vorbereitung wäre es fast zu einem Testspiel gegen einen Erstligisten gekommen. Der Aufsteiger war in guten Gesprächen mit dem Trainer der Frankfurt United Volleys. Der hieß da noch Christophe Achten, trainierte den TV Rottenburg – bis der Verein Anfang April 2020 für Außenstehende unerwartet den Rückzug aus der Bundesliga verkündete. Weil es ein zu großes finanzielles Risiko wäre, beantragte der TVR weder für die  1. noch für die 2. Liga eine Lizenz. Fast alle Spieler und Trainer Achten verließen – wenn auch ungern – den Klub, meist um weiter im Profigeschäft zu bleiben.

Achten ging erst zum Erstligisten Netzhoppers KW-Bestensee, schaffte es mit dem Dauer-Abstiegskandidaten ins Pokalfinale – und wechselte anschließend zu Pokalsieger Frankfurt. Ironie der Geschichte: Während der TVR jetzt die Rückkehr in die 2. Bundesliga schaffte, erhielten die United Volleys im Juli keine Lizenz für die 1. Liga. Mit dem geplanten Vorbereitungsspiel wurde es somit nichts.

Die Frankfurter sind nicht der erste Klub nach dem TVR, der für das Volleyball-Oberhaus keine Lizenz beantragt oder bekommen hat: Auch der TV Bühl zog sich zurück, spielte vergangene Saison mit dem einstigen Dauerrivalen Rottenburg in der 3. Liga. „Es sieht schon so aus, dass unsere Geschäftsleitung mit dem Rückzug rechtzeitig die Handbremse gezogen hat, und wir hier was aufbauen konnten“, sagt Timo Baur.

Der 29-Jährige ist Teamkoordinator des TV Rottenburg, war zuvor acht Jahre lang Zuspieler in der zweiten Mannschaft, bis er wegen seines Referendariats vor zwei Jahren aufhörte. Diese in der 3. Liga spielende zweite Mannschaft wurde praktisch über Nacht zur ersten.

Baur steht sinnbildlich für die Entwicklung des TVR: Spieler oder ehemalige Spieler der bisherigen zweiten Mannschaft wurden mehr oder mehr in die Verantwortung gezogen, stehen für den neuen „Rottenburger Weg“. Wie André Kette: Der Abteilungsleiter war unter denjenigen, die nach dem Rückzug nicht in Schockstarre verfielen, sondern anpackten und darin auch eine Chance sahen. Vor allem in der Rückkehr aus der Tübinger Paul-Horn-Arena in die Heimat nach Rottenburg, in die weitaus kleinere Volksbank-Arena. „Das soll wieder Volleyball wie in alten Zeiten werden“, sagte Kette, „dem Gegner sollen die Knie zittern.“

Kette spielte ebenfalls in der zweiten Mannschaft, Mittelblocker. Seinen damaligen Mitspieler Timo Baur nahm er gleich mit ins Abteilungsteam, für ihn wurde der Posten des Teamkoordinators geschaffen, auch um Kette zu entlasten. Die Hoffnungen erfüllten sich: Zu den Heimspielen kommen stets drei- bis vierhundert Fans, die wie einst im selbsternannten „Tollhaus der Liga“ einen rechten Lärm veranstalteten. Der Klub überträgt professionell die Spiele im Livestream, kommentiert von Spielerinnen, Spielern oder Trainern, die anschließend auch Interviews führen.

Sportlich war es sowieso schon klar, dass es keinen weiteren Absturz geben dürfte: Die Nachwuchsarbeit des TVR zählt zu den erfolgreichsten in Süddeutschland, vor vier Jahren wurde die U16 in heimischer Halle Deutscher Meister – trainiert unter anderem vom damaligen Bundesligaspieler Johannes Elsäßer, der über Umwegen wieder zum Drittligateam des TVR zurückgekehrt ist. enauso wie der 37-jährige Dirk Mehlberg – beide trugen wesentlich zum Aufstieg bei, nachdem der TVR erst Meister in der Hauptrunde, anschließend souverän Erster in der Aufstiegsrunde wurde.

Jugendtrainer als Chefcoach

Mit Spielern, die zum Großteil aus der eigenen Jugend kommen. Mit einem Trainer, der gerade mal 24 Jahre jung ist: Jan Scheuermann, der vor vier Jahren als Jugendtrainer und -koordinator eingestellt wurde. Vor zwei Jahren sollte Scheuermann zusätzlich die zweite Mannschaft als übernehmen, mit dem früheren TVR-Bundesligaspieler Felix Weber als Co. – nach dem Erstliga-Ausstieg waren sie plötzlich Trainer der Ersten. Und führten diese nach der wegen der Corona-Pandemie abgebrochenen ersten Saison zurück in die 2. Bundesliga. Am Samstagabend ist die Rückkehr dann perfekt: Von 19.30 Uhr an geht es gegen die FT Freiburg.

Reaktivierter Beirat


Entlassung Für Philipp Vollmer wirkte sich der Bundesliga-Rückzug vor zwei Jahren auch persönlich aus. Immerhin entließ sich der damalige GmbH-Geschäftsführer praktisch selbst: Denn durch den Ausstieg aus den Profiligen ruht auch die Volleyball-GmbH, sein hauptamtlicher Posten war damit obsolet geworden.

Rückkehr Vollmer wusste einige Monate nicht, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Der Verein beschäftigte ihn dann weiter, Vollmer ist stellvertretender Geschäftsführer des Gesamtvereins. Mit dem Zweitliga-Aufstieg hat der TVR auch den Beirat aus GmbH-Zeiten reaktiviert: Der Vorstand hat diesem das Mandat ausgesprochen, sich als beratendes Gremium um die Belange in der Bundesliga zu kümmern. „Ich fand das damals schon wertvoll, mit dem Beirat immer wieder auszutauschen“, sagt Vollmer, der diesem Gremium selbst angehört. Neu eingetreten in den Beirat ist auch Oberbürgermeister Stephan Neher.