Der 31 Jahre alte Abwehrhüne Lamine Koné von Racing Straßburg ist der Schrecken eines Stürmers. 1,89 Meter groß, geschätzte 90 Kilo schwer, ein Mann, der mangelnde Schnelligkeit mit kompromisslosen Grätschen kompensiert. So lange sprang der Ivorer jüngst in einem Testspiel in die Beine des flinken Nicolas Gonzalez, bis der Angreifer des VfB Stuttgart verletzt vom Platz humpelte. Zum teuer erkauften Sieg verkam das 4:2 des VfB gegen den französischen Erstligisten, nachdem zwei Tage später der Grund für Gonzalez’ Humpeln klar geworden war: Der 22 Jahre alte Argentinier hatte sich einen Bündelriss in der Hüftmuskulatur zugezogen und fällt bis zu sechs Wochen aus. Er verpasst damit nicht nur das Pokalspiel am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) bei Hansa Rostock, sondern wohl auch die ersten vier Bundesligaspiele.

Schlimmer hätte es kaum kommen können. Mehrere Alternativen hat VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo trotz einiger weiterer Verletzten in der Verteidigung, in der sich Neuzugang Waldemar Anton in der Vorbereitung bereits zum Abwehrchef aufgeschwungen hat, und im Mittelfeld. Sehr überschaubar hingegen ist das Angebot im Sturm des Aufsteigers, in dem Gonzalez der Fixpunkt war und weitere Bundesligaerfahrung nicht vorhanden ist. Was also tun?

An Stürmern, die einen neuen Arbeitgeber suchen, fehlt es auf dem Transfermarkt in Corona-Zeiten nicht, in denen viele Klubs gezwungen sind, ihre Kader zu verkleinern. Kein Wunder also, dass bereits einige Kandidaten mit dem VfB in Verbindung gebracht werden. Von Großkalibern wie dem früheren Dortmunder Michy Batshuay (26) vom FC Chelsea oder dem Kolumbianer Alfredo Morelos (24) von den Glasgow Rangers ist die Rede.

Als kleine Lösung käme der Finne Joel Pohjanpalo (25) in Betracht, der unter dem früheren VfB-Sportchef Michael Reschke ein Kandidat war und nun bei Liga-Kontrahent Bayer Leverkusen für zwei bis drei Millionen Euro zum Verkauf steht.

Man habe „großes Vertrauen“ in die anderen Offensivspieler, sagt Sportdirektor Mislintat – bis zur Rückkehr von Gonzalez scheint es keine andere Option zu geben. Es ist das Prinzip Hoffnung, das viele dicke Fragezeichen beinhaltet. Der Österreicher Sasa Kalajdzic (23) mag nach auskuriertem Kreuzbandriss große Fortschritte gemacht haben – doch reicht das, um aus dem Stand heraus in der Bundesliga zu bestehen? Genügt Hamadi Al Ghaddioui (29), der bis vor drei Jahren in der dritten Liga gespielt hatte und in der vergangenen Zweitligasaison beim VfB meist Joker war, höheren Ansprüchen? Kann der Flügelstürmer Silas Wamangituka (20) auch im Angriffszentrum seine Schnelligkeit zur Entfaltung bringen? Man muss kein notorischer Schwarzseher sein, um einige Zweifel an der Bundesligatauglichkeit des VfB-Sturms zu hegen.

Als Alternative wird intern daher auch ein vorübergehender Systemwechsel diskutiert – ohne klassischen Mittelstürmer, dafür mit einer so genannten falschen Neun, die rund um den gegnerischen Strafraum seine Kreise zieht. Gonzalez’ Landsmann Mateo Klimowicz (20), so etwas wie der Gewinner der Vorbereitung und eigentlich auf dem Flügel eingeplant, könnte in diese Rolle schlüpfen – doch beschränkt sich seine Profi-Erfahrung in Deutschland auf 131 Zweitligaminuten und einen Kurzeinsatz im DFB-Pokal.

Ungleich mehr Erfahrung hat in zwölf Profi-Jahren Daniel Didavi (30) gesammelt, dessen Versetzung nach vorne allerdings gleich zwei Probleme mit sich bringen würde: Zum einen wird der Spielmacher als Ideengeber im Mittelfeld benötigt. Zum anderen möchte man sich lieber nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn der Edeltechniker mit der langen Verletzungshistorie einem Abwehrraubein vom Kaliber Lamine Koné begegnet.

Gonzalez-Verkauf wohl erstmal vom Tisch


Die VfB-Kasse ist aufgrund der Corona-Krise leer wie nie. Die Verpflichtung eines neuen Stürmers ist bislang nur für den Fall vorgesehen gewesen, dass ein Verkauf von Nicolas Gonzalez den großen Geldregen bringt.

Nun hat es seine Verletzung noch unwahrscheinlicher gemacht, dass sich ein Klub findet, der die aufgerufenen 20 Millionen locker macht, die dem VfB finanziell etwas Luft zum Atmen und neue Spielräume auf dem Transfermarkt verschaffen könnten.