Gelsenkirchen / sid Der langjährige Aufsichtsratsboss tritt von all seinen Ämtern zurück. Neben dem Druck der Fans könnte eine geplante Ausfallbürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen eine Rolle gespielt haben.

Ein donnernder Paukenschlag markiert bei Fußball-Bundesligist Schalke 04 das Ende einer Ära der Großmannssucht und den Aufbruch ins Ungewisse. Der einst allmächtige Patriarch und Vereinschef Clemens Tönnies legte am Dienstag mit sofortiger Wirkung alle Ämter nieder. Beim bis über beide Ohren verschuldeten Bundesligisten ist somit eine Woche nach dem Abschied von Finanzboss Peter Peters nichts mehr, wie es vorher war.

Tönnies (64), durch rassistische Äußerungen und den Skandal um Arbeitsbedingungen in seiner Corona-verseuchten Fleischfabrik schwerstens angeschlagen, beugt sich dem massiven Druck vor allem der Ultraszene. Überall in der Stadt und am Vereinsgelände hingen zuletzt Anti-Tönnies-Plakate – mit der zusammengefassten Botschaft: Der milliardenschwere Unternehmer, seit Jahrzehnten eine prägende Figur auf Schalke, solle sich zum Teufel scheren.

Warme Worte zum Abschied

Der Verein verabschiedete Tönnies mit warmen Worten. „Als Mitglied und Vorsitzender des Aufsichtsrats hat Clemens Tönnies entscheidenden Anteil daran, dass sich Schalke 04 in den vergangenen 26 Jahren als eines der sportlichen und wirtschaftlichen Schwergewichte in der Bundesliga etabliert hat“, so die Vorstände Alexander Jobst und Jochen Schneider. „Wir wissen, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist. Dafür gebührt ihm höchster Respekt.“  Tönnies’ Stellvertreter Jens Buchta wurde einstimmig zum neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt.

 Ein wirtschaftliches Schwergewicht aber sind die Knappen nur noch in Sachen Schulden: 197,9 Millionen Euro Verbindlichkeiten wies der Konzernabschluss 2019 aus – und das ohne negative Corona-Effekte.

Laut „Handelsblatt“ nimmt der Verein eine 40-Millionen-Euro-Ausfallbürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Anspruch, um einen überlebenswichtigen Kredit abzusichern. „Es wird garantiert keine Lex Schalke 04 geben“, versicherte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Jede Bürgschaft werde „nach strengen Kriterien geprüft“. Ob Tönnies‘ Rücktritt eine Bedingung war, blieb zunächst unklar.

Schalke wollte sich nicht äußern, am Mittwoch sollte die Finanzlage auf einer Pressekonferenz erörtert werden. Dort wird allerdings nun das Thema Tönnies und die Nachfolge dominieren

Der nun auch personelle Umbruch von den Champions-League-Träumen hin zum knallharten Sparkurs erscheint alternativlos. Im April hatte Jobst bereits von einer „potenziell existenzbedrohenden“ Lage gesprochen, 26,1 Millionen Euro Verlust schrieb Schalke 2018/19. Die Bürgschaft könnte das Bestehen des Vereins sichern. „Das ist nicht ehrenrührig, wohlwissend, dass die Volksseele anders empfindet“, sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke am Dienstag. Im Internet hatte sich da schon ein Shitstorm zusammengebraut.

Jedes Heimspiel ohne Zuschauer kostet Schalke zwei Millionen Euro, hinzu kommen Mindereinnahmen in den Bereichen Werbung/Marketing. Auf dem eingebrochenen Transfermarkt werden zudem kaum hohe Summen zu generieren sein.

Gehaltsobergrenze geplant

Doch die Schalker haben bereits gegengesteuert. Laut Süddeutscher Zeitung führt der Verein als erster Bundesliga-Klub eine Gehaltsobergrenze für Spieler von 2,5 Millionen Euro jährlich ein. Auf Schalke geht es ums Ganze – abrupt nun ohne Clemens Tönnies. Die in der Vereinsgeschichte einmalige Serie von 16 Bundesliga-Spielen ohne Sieg ist derzeit das geringste Problem. sid

Viel Wirbel in den letzten 19 Jahren

Im November 2001 wurde Clemens Tönnies zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates bei Schalke 04 ernannt. Wenige Monate danach nahm Schalke für den Bau der Veltins-Arena und der Verstärkung des Kaders einen Kredit von 85 Millionen Euro auf. Im Oktober 2006 unterzeichnete der Traditionsklub einen Sponsorenvertrag mit dem halbstaatlichen russischen Energiekonzern Gazprom. In den 2000er-Jahren holte Schalke vier Vizemeisterschaften, allerdings wuchs der Schuldenberg auf rund 250 Millionen Euro. Am 4. August 2019 sorgte Tönnies mit rassistischen Äußerungen beim Tag des Handwerks für Kritik. Er ließ daraufhin sein Amt als Aufsichtsratschef für drei Monate ruhen.