Am 1. April 2011 wurde die aus Ulm stammende Boxerin Rola El-Halabi von ihrem Stiefvater vor einem Kampf niedergeschossen. Er wollte damit ihre Karriere zerstören. In unserem Crime-Podcast  „Akte Südwest“ hat Sportredakteur Sebastian Schmid mit der 37-Jährigen darüber gesprochen, was damals in der Kabine passiert ist, was in ihr vorging und wie sie es geschafft hat, diese Erlebnisse zu verarbeiten. Nachfolgend einige Auszüge aus dem Podcast. Auf eindrucksvolle Weise spricht Rola El-Halabi dabei ...

... über den Moment, als ihr Stiefvater die Umkleidekabine betrat:

„Er kam in die Kabine und hatte alle anderen außer mir raus geschickt. Dann stand er mit der Waffe in der Hand vor mir und hat ohne etwas zu sagen sofort den ersten Schuss abgefeuert. Ich habe geschrien wie am Spieß. Nicht wegen des Schmerzes. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass ich angeschossen wurde. Sondern wegen des Knalls. [...] Irgendwann merkte ich ein Brennen in der Hand und schaute meinen Handschuh an. Da war oben ein Loch, unten ein Loch und alles voll mit Blut. Ich sah den rosa Handschuh, der auf einmal rot war und habe dann erst realisiert, was gerade passiert ist. Dann hat er gleich den zweiten Schuss abgefeuert, in meinen linken Fuß, direkt durch den Knöchel.“

... darüber, wie sie die 40 Minuten in der Kabine überleben konnte:

„Ich habe nur beim ersten Schuss vor Schreck geschrien. Danach habe ich in meinem Kopf einen Schalter umgelegt und mich gefragt: Rola, was ist deine Hauptaufgabe? Vergiss alles, was gerade passiert. Du hast nur eine Aufgabe, nur ein Ziel. Und das heißt Überleben. Du musst hier lebendig rauskommen. Das musst du jetzt regeln. Ruhe bewahren, nicht hysterisch werden, nicht zu viel Blut verlieren, sondern auf Energiesparmodus herunterfahren.“

... über die Brutalität, mit der ihr Stiefvater vorging:

„Irgendwann verbarrikadiert er die Tür mit Tischen und Stühlen, steht einfach da, wechselt sein Magazin – und schießt mir einfach so in mein linkes Knie. Ich habe nichts gemacht, nicht geschrien, nicht geweint, gar nichts. Die Leute draußen haben gedacht, ich bin gestorben, weil die mich beim ersten Schuss noch gehört hatten und danach kam nichts mehr. An den vierten Schuss durch meinen rechten Fuß kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.“

... über den Moment, in dem sie realisierte, dass sie überleben wird:

„Als er die Waffe zur Tür hinausschob, und das hat mir dann gezeigt: ‚Okay. Er ist jetzt vielleicht nicht mein Papa, aber er ist zumindest nicht mehr dieses Monster, das da gerade 40 Minuten um mich herumgeschwirrt ist und auf mich geschossen hat.‘ [...] Er hat mir sogar geholfen, meinen Handschuh auszuziehen, hat das Tape aufgerissen und es weggemacht. Da wusste ich, dass ich ihn jetzt aus dem Modus rausgeholt habe.“

... über das Urteil:

„Ich denke, es war schon seine Absicht, mich schwer zu verletzen und deshalb fand ich das nie schlimm, dass er nicht auf Mord angeklagt wurde. Was ich aber nie verstanden habe, ist, dass der Richter ihm nur eine geringere Gefängnisstrafe gegeben hat, weil es keine geplante Tat war. Da fuhr ein Mensch mit geladener Waffe, Munition und einem Messer mit einem Mietauto 700 Kilometer nach Berlin. Das war keine Reaktion im Affekt.“

... darüber, warum sie für ihren Stiefvater kein Hallenverbot erwirkt hat:

„Ich habe noch an das Gute in ihm geglaubt, und, dass er vielleicht kommt, um Frieden zu schließen. Vielleicht kommt er einfach, um mir zuzuschauen. Aber man kommt nicht mit einer Waffe zum Gratulieren.“

... über den Moment, als das SEK die Kabine stürmte:

„Plötzlich war alles da: der Schmerz, das Geschrei und das Weinen. Also alle Emotionen, die ich die ganze Zeit unterdrückt habe. Irgendwann kam der Notarzt; er konnte mir aber keinen Zugang legen, weil meine Venen dicht gemacht haben, um nicht noch mehr Blut zu verlieren. Dann kam für mich der allerschlimmste Moment meines ganzen Lebens, als ich plötzlich höre, wie der Notarzt sagt: Ich brauche die Bohrmaschine.“

... über die Zeit nach der Tat:

„Ich habe immer Stärke gezeigt und das war mir auch immer wichtig, nach außen diese Stärke zu verkörpern. Aber ich bin halt auch nur ein Mensch und in dem Moment, da gab es keine Stärke, da gab es nur Zusammenbruch, da gab es nur Selbstmitleid.“

... über den Anfang der langwierigen Rehabilitation:

„Du musst natürlich den Hintern hochkriegen und das Notwendige tun. Und das ist immer durch den Schmerz gehen. Ich war bereit, einmal geistig durch den Schmerz zu gehen. Und dann im zweiten Schritt, auch körperlich durch diesen Schmerz zu gehen. Für die meisten Menschen gilt, selbst bei banalen Dingen wie einer Diät: Sobald es anfängt, weh zu tun, brechen wir ab. Und das führt nie zum Ziel. Ich war immer bereit, ein bisschen mehr zu machen. Und ich war immer bereit, einen Schritt weiterzugehen.“

... über die ersten Erfolge auf dem Weg zum Comeback-Kampf:

„Ich habe alles gefeiert. Ich habe meinen ersten Schlag auf den Sandsack gefeiert, den ich machen durfte. Ich habe es gefeiert, wieder in die Kabine gehen zu können und einfach die Tür hinter mir zuzumachen. Ich habe mich vier Monate lang im Training mit offener Kabinentür umgezogen. Und auch der Moment, wo ich endlich in der Lage war, einfach die Tür hinter mir zuzuziehen und in dieser Kabine alleine zu sein, war für mich ein Erfolg.“

... über die Probleme nach dem Karriereende:

„Als ich dann meine Karriere beendet habe, da war dann Platz da. Und da kommen diese bösen Geister ganz, ganz schnell. Ich wusste nichts mit mir anzufangen. Ich hatte eine ganz, ganz, ganz schwere Identitätskrise. Als ich aufgehört habe zu boxen, war mir nicht mehr bewusst, wer ich bin.“

... über die Aufarbeitung der Geschehnisse:

„Ich habe angefangen, das erste Mal in meinem Leben die Fehler bei mir zu suchen, die zu dieser Phase geführt haben und nicht mehr bei meinem Vater, der mir das angetan hat [...]. Er hat einen Fehler gemacht, ja. Aber das, was ich daraus mache, das hat nichts mehr mit ihm zu tun.“

... darüber, wie sie es geschafft hat, ihrem Stiefvater zu vergeben:

„Vergebung hat nichts mit dem anderen zu tun. Du vergibst nicht ihm. Du vergibst in erster Linie dir selber. Ich habe mir selber vergeben, dass ich zehn Jahre lang gebraucht habe, um wieder glücklich zu werden. Zehn Jahre lang habe ich mich innerlich aufgefressen. Da habe ich dann gelernt: Okay, ich vergebe für mich.“

Das Urteil: Sechs Jahre Haft für die Tat


Rola El-Halabi war als Boxerin insgesamt elfmal Weltmeisterin bei verschiedenen  Verbänden und in verschiedenen Gewichtsklassen. Nach dem 1. April 2011 kämpft sie sich zurück und holte sich weitere WM-Gürtel. Inzwischen lebt die 37-Jährige mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Köln und ist als Mindset- und Life-Coach tätig.

In der Umkleidekabine vor einem Wettkampf wurde Rola El-Halabi von ihrem Stiefvater viermal in Hände und Beine geschossen. Für die Tat wurde dieser zu sechs Jahren Haft verurteilt, die er inzwischen verbüßt hat.

Das gesamte Gespräch mit Rola El-Halabi sowie die Schilderung des gesamten Falls durch die Sportredakteure Thomas Gotthardt und Sebastian Schmid gibt es auf www.swp.de/akte oder überall, wo es Podcasts gibt, zum Beispiel bei Spotify oder Apple Podcasts.