Tobias Lang ist verunsichert. Der sportliche Leiter des Handball-Verbandsligisten TV Gerhausen muss mit seiner Mannschaft am Samstag zum ersten Auswärtsspiel antreten. Doch das soll ausgerechnet beim TEAM Esslingen stattfinden, und damit in einem von zehn Deutschlands größten Corona-Hotspots. „Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass man dort aktuell ein Handballspiel veranstalten kann“, sagt der Vereinsfunktionär aus dem Alb-Donau-Kreis.

Aber genau das war am vergangenen Wochenende, als die Ansteckungszahlen bereits besorgniserregend hoch waren, der Fall: Der Saisonauftakt der Esslinger fand beim TSV Köngen aus demselben Landkreis zwar ohne Zuschauer statt. Doch letztlich traten dort viele Handballspieler in engsten Körperkontakt, während bis heute auf allen öffentlichen Plätzen in Esslingen und Umgebung Maskenpflicht herrscht.

Die Kontaktverfolgung ist zwar über die Spielerpässe gewährleistet. Doch im Amateursport gibt es noch wichtigere Dinge als den Hobby-Spielbetrieb, argumentiert Lang: „Wenn sich im Nachhinein nur ein positiver Corona-Fall aus diesem Spiel ergibt, müssen alle beteiligten Akteure in Quarantäne. Das machen viele von uns, die im Hauptberuf ein eigenes Geschäft betreiben, nicht lange mit.“ Zumal es im Vergleich zu den Profis, die vor und nach den Partien regelmäßig getestet werden, keinerlei Schutzmöglichkeiten gibt. „Der Kreisläufer steht 60 Minuten lang in engstem Kontakt zu vielen verschiedenen Personen. Wenn da mal ein Super-Spreader dabei ist, will ich nicht wissen, was im Handballverband los ist“, sorgt sich Lang.

Etwas entspannter sieht die Situation Ligarivale SC Vöhringen, der am Samstag den TSV Köngen empfangen soll. „Wir halten uns an die Vorgaben des Gesundheitsamtes und fühlen uns damit auf der sicheren Seite“, sagt SCV-Abteilungsleiter Werner Brugger, dessen Damenteam bereits Corona-bedingt pausieren musste. Da waren nämlich alle Partien aus dem österreichischen Risikogebiet Vorarlberg abgesagt worden, das ebenfalls zum Handballverband Württemberg (HVW) zählt.

„Wir können es den Spielerinnen und Spielern aus Württemberg sowie den eingeteilten Schiedsrichtern nicht zumuten, sich eventuellen gesundheitlichen Gefahren auszusetzen“, begründete HVW-Verbandsmanager Thomas Dieterich die Entscheidung vergangene Woche. Anschließend wurde aber im Kreis Esslingen, der inzwischen mit der aktuellen Ansteckungsquote von 77 fast gleichauf mit Vorarlberg (79) liegt, gespielt.

Auf diese Ungleichbehandlung der Risikogebiete hat der Verband am Dienstagnachmittag reagiert und länderübergreifend einheitliche „Regelungen bei Erreichen einer 7-Tage Inzidenz von über 50“ veröffentlicht. Demnach ist der Spielbetrieb „grundsätzlich erlaubt, es sei denn, die lokalen Verwaltungsbehörden verbieten diesen ausdrücklich“. Darüber hinaus dürfen Vereine mit Bedenken einen „Antrag auf Absetzung“ stellen. Für Gerhausen, Vöhringen und Co. bedeutet das aktuell: Weil es das Gesundheitsamt nicht verbietet, können sie gegen die Esslinger Landkreisklubs spielen, müssen aber nicht. „Wir besprechen das mit der Mannschaft und entscheiden es am Mittwoch“, kündigt Lang an.

Rückzug auf eigene Faust

Ohnehin hatten schon vergangenes Wochenende einige Vereine reagiert und selbst für Tatsachen gesorgt. So entschied sich der TV Altenstadt (ebenfalls Verbandsliga) am Freitag dazu, das für Sonntag geplante Heimspiel gegen den TSV Denkendorf aus dem Landkreis Esslingen nicht auszutragen. „Letztlich wollten wir das Risiko einer Infektion für unsere Mannschaft nicht eingehen“, erklärte Altenstadts Sportlicher Leiter Uwe Glöckler.

Auch eine Vielzahl von Jugendspielen mit Beteiligung von Mannschaften aus dem Risikogebiet fanden kurzfristig nicht statt – weil die beteiligten Schüler sonst in Quarantäne hätten gehen müssen. Denn mit einem unguten Gefühl sollte niemand zu einem Handballspiel reisen – vor allem, wenn es nur sein Hobby ist.

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Jugendspiele auf Verbandsebene wurden am vergangenen Wochenende in Verbindung mit der Coronavirus-­Pandemie abgesagt. 69 Partien waren ursprünglich angesetzt.