Ulm / Von Carsten Muth Das Duell Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim ist auch das Duell zweier Trainer, die ihren Job mit Haut und Haaren leben: Florian Kohfeldt und Frank Schmidt. Von Carsten Muth

Schon verwunderlich, dass Florian Kohfeldt noch Trainer des SV Werder Bremen ist. Der 37-Jährige hat – gemessen an Ansprüchen und Erwartungen – eine schlimme Saison hinter sich. Wochenlang rangierten die Norddeutschen tief im Bundesliga-Keller. Der Klub aber hielt in Nibelungen-Treue an seinem Coach fest. Bemerkenswert in einer Branche, in der die Übungsleiter die ersten sind, die gehen müssen, wenn es übel läuft. Kohfeldt hielt seinen Kopf stets über Wasser und vermied mit seinem Team am letzten Spieltag den direkten Abstieg. Nun trifft Werder in der Relegation auf den 1. FC Heidenheim. Werder will in der Bundesliga bleiben, der FCH erstmals dort hinein. Das Hinspiel steigt am Donnerstag in Bremen (20.30 Uhr/DAZN/Amazon prime).

Das Duell der beiden Klubs ist auch das Duell zweier Coaches, die zu den charismatischsten im deutschen Profi-Fußball gehören, die ihren Job mit Haut und Haaren ausüben. Kohfeldt trifft auf Frank Schmidt, Mister Heidenheim: Geboren in Heidenheim, Fußball gespielt in Heidenheim, Trainer geworden in Heidenheim.

Und was für ein Trainer: Den FCH hat er vor 13 Jahren übernommen. Damals kickte der Klub in der Verbandsliga. Nun klopft der 46-Jährige mit seinem Team ans Tor zur Bundesliga. „Es ist ein herrlicher Kitsch, der da in Heidenheim aufgeführt wird“, findet die Süddeutsche Zeitung. Zwei Spiele ist der FCH nur noch von der Beletage des deutschen Fußballs entfernt. „Ein Wahnsinn ist das. Einfach unglaublich“, sagt Schmidt, der diesbezüglich aber nicht falsch verstanden werden möchte. Die fünf Aufstiege des Klubs in den vergangenen Jahren kämen nicht von ungefähr. Mit Zufall hat das nichts zu tun. betont der 46-Jährige. „Sondern mit vielen richtigen Entscheidungen.“

Schmidt ist ein ausgewiesener Fachmann, der sein Team gut einzustellen vermag. Und ein Motivator vor dem Herrn. Kein Träumer, wie er betont, sondern ein Trainer, dem die Spieler bedingungslos zu folgen scheinen. Sein Credo: An seine Chance glauben, nie aufgeben, alles reinwerfen. Schmidts Mannschaften bilden tatsächlich Einheiten. Und Angst vor großen Namen haben sie in Heidenheim nicht. Auch das lebt der Coach vor. Den HSV etwa hat der FCH in der Liga zwei Mal geschlagen, auch den VfB Stuttgart geärgert. Schmidt sagt dazu Sätze wie diese: „Wir müssen alle gleich denken und alle gleich handeln.“

Eine Aussage, die vermutlich auch Werder-Coach Florian Kohfeldt so unterschreiben würde, den die bedingungslose Leidenschaft für sein Tun mit Schmidt verbindet. Aufgeben gilt nicht. Sich der Herausforderung stellen, durchhalten, auch wenn es weh tut. Das kann auch Kohfeldt, der wie sein Kollege stets mächtig unter Dampf steht, wenn sein Team spielt. Kohfeldt ist Eigengewächs wie Schmidt. In Delmenhorst aufgewachsen, dann Torwart und früh Coach bei Werder. Erst bei den Amateuren, seit Oktober 2017 bei den Profis. Ein Junge aus dem Bremer Umland.

Anders als Frank Schmidt hat Kohfeldt nie auf sonderlich hohem Niveau gekickt. Es reichte „nur“ für Werders Dritte. Schmidt hingegen war einst selbst Fußball-Profi, bei Alemannia Aachen in der zweiten Liga. Kohfeldt war Jahrgangsbester im DFB-Lehrgang, sogar Trainer des Jahres 2018. Ein Überflieger, der in dieser Saison mit Werder einen Absturz erlebte, den so niemand hat kommen sehen. Schon gar nicht Kohfeldt selbst, der die Qualität seines Kaders augenscheinlich überschätzt hat. Ausschließen, sagte der Bremer Trainer vor Beginn der Spielzeit, könne er zwei Dinge: „Dass wir um die Meisterschaft spielen und dass wir mit dem Abstieg zu tun bekommen“.

Der Abstiegskampf setzte dem eloquenten Trainer zu. Er litt an der Situation und mit seiner Mannschaft, die der zweiten Liga scheinbar unaufhaltsam entgegentaumelte. Kohfeldts Selbstvertrauen ging dabei nicht verloren. Als die Bremer nach dem Re-Start der Liga im Mai wiederholt patzten, sagte er keck: „Ich bin nach wie vor der Beste für Werder.“

Schmidt und Kohfeldt sind sich bislang erst einmal in einem Pflichtspiel begegnet. 1:4 verlor der FCH im vergangenen Oktober im DFB-Pokal in Bremen. „Ansonsten kennen wir uns von den Trainertagungen. Wir schätzen uns“, sagt Frank Schmidt, fügt hinzu. „In diesem Jahr steht er unter Druck. Aber das gehört auch mal dazu. An solchen Situationen wächst man. Das wünsche ich ihm jedenfalls.“

Sein Kollege Florian Kohfeldt warnt davor, Heidenheim und seinen Anführer Frank Schmidt zu unterschätzen. Er sagt: „Ich habe großen Respekt davor, was in Heidenheim in den vergangenen Jahren entstanden ist.“

Schmidt und der FCH befanden sich vor zwei Jahren in der Krise, kämpften gegen den Abstieg in die dritte Liga. Die Verantwortlichen hielten Schmidt den Rücken frei – und dieser führte den Klub aus dem Keller. Trainer sollten ein dickes Fell haben und ihre Ohren manchmal auf Durchzug stellen. „Wir bekommen Tipps von allen Seiten. Da ist aber häufig sehr viel Meinung und wenig Ahnung dabei“, sagt Schmidt, der streng dreinblicken kann, den Schalk aber stets im Nacken sitzen hat.

Drei Mal jubelte der Zweitligist

Bilanz Die Relegationsspiele zwischen Erst- und Zweitliga-Vertretern  wurden 2009 wieder eingeführt. In den elf Auseinandersetzungen hat sich bisher nur drei Mal der Zweitligist durchgesetzt. Im vergangenen Jahr schickte Union Berlin den VfB Stuttgart nach Hin- und Rückspiel runter in die zweite Liga. 2012 setzte sich Fortuna Düsseldorf in einem hitzigen Duell gegen Hertha BSC durch. 2009 gewann der 1. FC Nürnberg gegen Energie Cottbus.

Personal Dem 1. FC Heidenheim stehen fast alle Spieler des Kaders zur Verfügung. Lediglich Abwehrspieler Arne Feick fällt verletzt aus. Bremen muss auf den gesperrten Abwehrchef Kevin Vogt verzichten.

Rückspiel Das Rückspiel steigt am Montag um 20.30 Uhr (DAZN/Amazon prime) in Heidenheim.