Der ernsthafte Niedersachse Arnd Peiffer, der polternde Thüringer Erik Lesser und der Schwarzwälder Dickschädel Benedikt Doll – an Typen mangelt es den deutschen Biathleten nicht. Die drei sollen es bei den Weltmeisterschaften auf der slowenischen Hochebene Pokljuka für die deutschen Männer richten. Freuen dürfen sich die Fans nicht nur auf die Wettkämpfe, sondern auch auf die Analysen danach. Denn alle drei sind keine weichgespülten Profi-Sportler. Kommentiert wird schonungslos, ohne Maulkorb und Phrasen.

28 Folgen hat der Podcast „Das Biathlon-Doppelzimmer“. Hier geben Peiffer und Lesser Einblicke in ihr sportliches Leben, geschmückt Frotzeleien und Anekdoten. Von beidem gibt es genug, denn sie teilen seit Jahren auf Reisen ein Zimmer. Nur nicht in dieser Corona-Saison. Gewohnt wird in Einzelzimmern, gemeinsame Spieleabende mit dem Team wird es nicht geben und beim Mittagessen ist der Mindestabstand einzuhalten. „Wenn man enttäuscht ist, kann man in den Stall das Pony streicheln gehen“, meint Doll, der die Fans per Video mitgenommen hat in die Unterkunft, die ein bisschen was von Ferien auf dem Bauernhof hat.

Schlechte Erinnerungen

Enttäuschungen mussten in dieser Saison durchaus schon verarbeitet werden. Peiffer hat zwar einen überragenden Sieg im Massenstart von Hochfilzen zu Buche stehen, aber danach griff er am Schießstand öfter daneben. Außerdem ist der WM-Ort nicht gerade sein liebstes Ressort. „Von den drei schlechtesten Rennen, die ich je gemacht habe, waren zwei in Pokljuka“, stellt der 33-Jährige gewohnt sachlich fest.

Geradeheraus, kritisch gegenüber dem Umfeld, aber vor allem gegen sich selbst. Das zeichnet alle drei aus. Erst war es Doll, der mit seiner Aussage, seine Ski seien so schlecht, dass es an Körperverletzung grenze, für Aufsehen sorgte. Kein Verbandssprecher wurde anschließend vorgeschickt, um das kleinzureden und zerdeppertes Geschirr zu kitten. Das übernahm der 30-Jährige selbst im Gespräch mit den Technikern und über die sozialen Medien. Er erklärte sein  Problem, entschuldigte sich für den Ton in der Öffentlichkeit – am Kern seiner Aussage hielt er fest.

Erik Lesser ist noch etwas offensiver als der Schwarzwälder. Auch er ist aktiv in den sozialen Medien, glatte Hochglanzfotos gibt es hier nicht, stattdessen Sportler-Alltag, ein paar Gags und direkte Reaktionen auf Beschimpfungen im Netz. Lesser macht sie öffentlich und keilt zurück. Zuletzt sprang der 32-jährige Philipp Horn zur Seite, über den nach dem missratenen Schießen in der Oberhof-Staffel kübelweise Häme ausgegossen wurde. „Das können sich die Bundestrainer auf der Couch sparen“, schimpfte Lesser.

Peiffer gilt als der Nachdenkliche im Team. Wenn es um die schweren Themen geht, wird meist er gefragt. Etwa zur Diskussion um Impfungen für Sportler. Da vertritt Peiffer eine klare Meinung: Es könne nicht sein, dass Pflegekräfte oder Hochbetagte warten müssten, um Wettkämpfe zu ermöglichen. Abseits der Öffentlichkeit erlebt man ihn durchaus anders, da kichert er auch mal albern mit Kumpel Lesser.

Peiffer, Lesser, Doll alle drei blicken über den sportlichen Tellerrand. Ökologisches Bauen, regionale Ernährung, die Zukunft des Wintersports, auch das sind Themen, über die sie etwas zu sagen haben. Sie erlauben ihren Fans Einblicke in ihr Sportlerleben, mehr aber auch nicht. Privat ist privat und bleibt es auch.

Sie sind Teamplayer und nehmen sich doch die Freiheit, Teile ihres Trainings individuell und vor allem zuhause zu gestalten. Denn zum einen müssen sie sich auf das Leben nach dem Sport vorbereiten und auch mit ihren Kräften haushalten. Jedes Jahr immer mehr trainieren, immer neue Reize setzen, jedes Jahr nach der Maxime: Es muss weh tun. „Ich habe gemerkt, dass ich so nicht mehr weitermachen kann und im Oktober die Notbremse gezogen“, sagt Lesser. Er hat sein Training umgestellt, macht weniger Umfang und konzentriert sich darauf, die Intensitäten gut zu wählen.

Lesser hat sich zurück gekämpft ins deutsche Weltcup-Team, nachdem ihn manche in der vergangenen Saison schon abgeschrieben hatten. Bis zum Auftritt bei der WM in Antholz, als ihn das Trainerteam um Mark Kirchner ohne Qualifikation mitnahm und er das mit zwei Staffel-Medaillen dankte. Zuletzt hatte der 32-Jährige aber wieder mit Rückenproblemen zu kämpfen. „Das ist wie festgespakt, als ob du zwei Holzlatten im Rücken hast“. Wenn es im Rücken klemmt, gerät im filigranen System Biathlon nicht nur beim Laufen vieles durcheinander. „Irgendwo hängt dann immer was und es ist furchtbar“, beschreibt Lesser das Gefühl beim Stehendschießen.

Im Trainingslager in Obertilliach hat das deutsche Team nochmal an den Problemen gearbeitet. Das bisherige Manko hat Chefcoach Mark Kirchner schnell skizziert: „Wir hatten zu wenig Konstanz.“ Oder wie Doll formuliert: „Es hat beides schon gut funktioniert, Schießen und Laufen. Aber halt nie beides zusammen.“ Das soll nun anders werden – auf den Besuch beim Pony will er möglichst verzichten.

Auftakt mit der Mixed-Staffel


Leibchen Die Titelverteidiger treten erstmals mit goldenen Startnummern an. Zum Auftakt in der Mixed-Staffel an diesem Mittwoch (15 Uhr/ARD/Eurosport) bekommt Norwegen die besonderen Trikots. Ein deutscher Skijäger wird nicht in Gold starten.

Aufgebot In der Mixed-Staffel gehen Arnd Peiffer, Erik Lesser, Denise Herrmann und Franziska Preuß ins Rennen. Erstmals starten die Männer zuerst. Am Freitag steht der Sprint der Männer an mit Benedikt Doll (Breitnau), Peiffer (Clausthal-Zellerfeld), Lesser (Frankenhain) und Johannes Kühn (Reit im Winkl).