Die Zeit der Geisterspiele ist in allen Stadien der Fußball-Bundesliga nach sechs trostlosen Monaten vorbei – aber ausdrücklich auf Bewährung. Bundesweit einheitlich dürfen für eine sechswöchige Testphase bei Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern nun 20 Prozent der Plätze besetzt werden. Das beschlossen die Vertreter der Bundesländer am Dienstag. Auch die Hallen-Sportarten wie Handball, Basketball und Eishockey atmen angesichts überlebensnotwendiger Lockerungen auf.

Inzidenz entscheidend

Das aktuelle Pandemie-Geschehen wird dabei berücksichtigt. So werden keine Zuschauer zu Veranstaltungen zugelassen, wenn die 7-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner am Austragungsort größer oder gleich 35 und das Infektionsgeschehen nicht klar eingrenzbar ist. Das Abstandsgebot von 1,5 Metern muss zudem eingehalten werden, in den Stadien herrscht Alkoholverbot, Gästefans sind nicht erlaubt, die Tickets sind personalisiert. Zudem ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung bis zum Ereichen des Sitz- oder Stehplatzes Pflicht.

Durch die Einigung ist die Gefahr eines Flickenteppichs vermieden. Tausende Zuschauer im kleinen Hexenkessel von Union Berlin, aber nur 300 im riesigen Stadiontempel von Borussia Dortmund: Das hätte Unverständnis hervorgerufen, Zwist und Spaltung drohten in Sport und Politik. Am Dienstag wurden auch die letzten Abweichler davon überzeugt, mitzuziehen und der 20-Prozent-Lösung zuzustimmen. Rheinland-Pfalz beispielsweise hatte gerade erst eine Zehn-Prozent-Verordnung erlassen, die nun wieder ersetzt wird. Auch Bayerns mächtiger Ministerpräsident Markus Söder gab seine ablehnende Haltung auf und machte sich für den nun beschlossenen „Probebetrieb“ stark.

Dabei tanzen die Vereine und Politiker allerdings auf dem Drahtseil. Am DFB-Pokal-Wochenende lösten Bilder dicht gedrängter Fans in Magdeburg (5000), Rostock (7500) oder Dresden (10 053) Unbehagen aus. In der Corona-Pandemie will der Fußball kein Negativbeispiel abgeben ­– und er will schon gar nicht den Eindruck vermitteln, alles sei ausgestanden.

Das gilt auch für die Hallen-Sportarten, die angesichts ihrer Abhängigkeit von Zuschauereinnahmen weit mehr zu leiden hatten als der Fußball. „Für uns ist es ein großer Schritt nach vorne. Zwar hätten wir uns etwas mehr als die 20 Prozent gewünscht, aber wir wollen da nicht kleinkrämerisch sein. Wir hoffen nun darauf, dass wir die Auslastung ab Ende Oktober noch weiter steigern können. 20 Prozent reichen für uns auf Dauer nicht aus, um profitabel zu wirtschaften“, sagte Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga.

Stefan Holz war zunächst ebenfalls zufrieden. „Ich begrüße das. Eine bundeseinheitliche Lösung ist eine wichtige Botschaft und ein Vertrauensvorschuss. Das ist ein erster positiver Schritt zur Rückkehr der Fans. Ich freue mich, dass diese Entscheidung so rasch gefallen ist und nicht wie zunächst angekündigt erst Ende Oktober“, sagte der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga, die am 6. November wieder spielen wird.

Kretschmann zufrieden

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) äußerte sich erfreut über die bundesweite Teilzulassung von Zuschauern. „Ich begrüße es sehr, dass wir uns jetzt auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen mit klaren und transparenten Regeln verständigt haben. Dafür habe ich mich stark gemacht“, sagte Kretschmann.

Das von den Chefs der Staatskanzleien der Bundesländer beschlossene Konzept stelle „einen sehr guten Kompromiss zwischen einem bestmöglichen Infektionsschutz und den berechtigten Interessen der Vereine und sportbegeisterten Menschen in unserem Land dar“, betonte der 72-Jährige. Zentral für den Erfolg und die Akzeptanz der Regeln seien schlüssige Hygienekonzepte, die nun konsequent umgesetzt werden müssten.

Lokale Corona-Ausbrüche können hier wie dort selbstverständlich alle Einigungen aushebeln, wenn die Gesundheitsämter einschreiten. Eine Vollauslastung scheint ohnehin in weiter Ferne zu liegen: 25 000 Zuschauer auf der Dortmunder Südtribüne, das ist derzeit unvorstellbar. Ein erster Schritt jedoch ist gemacht. Immerhin. sid

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Corona-Fälle auf 100 000 Einwohner hatte München in den vergangenen sieben Tagen. Deshalb droht dem FC Bayern München beim Bundesliga-Auftakt gegen Schalke trotz der jüngsten Lockerungen ein Geisterspiel.