Ulm / Von Savannah Blank und Max Pradler Rassismus Die Diskriminierung von Fußballern aufgrund ihrer Hautfarbe nimmt zu. Ein Soziologe spricht über die Beweggründe der Täter. Von Savannah Blank und Max Pradler

Vom Tor-Helden zum Rassismus-Opfer: Es waren unfassbare Szenen, die sich am Sonntagabend in der portugiesischen Liga in der Partie zwischen Vitoria Guimarães und dem FC Porto abgespielt haben. Kurz nach seinem 2:1-Siegtreffer in der 60. Minute verließ Portos Torschütze Moussa Marega wutentbrannt das Spielfeld. Der Grund: Der 28-Jährige musste während der gesamten Partie rassistische Beleidigungen und Affengeräusche über sich ergehen lassen, sogar mit Sitzschalen wurde der Malier von Zuschauern beworfen. Die intensiven Bemühungen seiner Mitspieler, ihn zu beruhigen und zum Weiterspielen zu bewegen, waren ohne Erfolg. Marega ging vom Platz und streckte dabei mit Blick in Richtung Tribüne beide Daumen nach unten.

„Es ist wieder salonfähiger geworden, sich rassistisch zu äußern und zu verhalten,“ sagt Prof. Dr. Thomas Alkemeyer. Er lehrt Soziologie und Sportsoziologie an der Universität Oldenburg und spricht in dieser Debatte von zwei Entwicklungen. Zum einen hätten europaweit starke rechte Bewegungen – wie in Deutschland etwa die rechtspopulistische AfD – damit zu tun. Die Bevölkerung würde dadurch denken, dass bestimmte Positionen wieder vertretbar seien und geäußert werden dürften, weil „Faschisten wie Björn Höcke das in der Öffentlichkeit tun“, wie Alkemeyer sagt. Das ermutige Menschen mit einer rassistischen Einstellung, sich ungehemmt zu äußern.

Dritte Liga in Münster, 24 Stunden vor dem Vorfall in Portugal: Würzburgs Innenverteidiger Leroy Kwadwo wird während des Spiels gegen Preußen Münster mit Affenlauten rassistisch beleidigt. In Münster bewiesen die Zuschauer Zivilcourage. Sie zeigten mit dem Finger auf den Täter, um ihn in der Menschenmasse eindeutig zu identifizieren – was auch gelang.

Selbst internationale Stars wie Mario Balotelli, Kevin-Prince Boateng und Antonio Rüdiger sind in den vergangenen Jahren von regelmäßigen rassistischen Anfeindungen nicht verschont geblieben. Doch in den vergangenen Wochen haben sich die Vorfälle gehäuft. Ob im Fußball oder im Alltag: Diskriminierung wird intensiver wahrgenommen. Soziologe Alkemeyer nennt als weiteren Grund die wachsende Sensibilität für das Thema. „Es ist zwar nichts Neues, aber es sind neue Bedingungen,“ meint der 64-jährige Professor, „denn auch die verstärkte Thematisierung von alltäglichem Rassismus durch kritische gesellschaftliche Bewegungen und politische Parteien, wie etwa die Grünen, sorgt für eine größere Aufmerksamkeit“.

Die Medialisierung von Rassismus bewege sich aber auf dünnem Eis. Die große Aufmerksamkeit, die solche Entgleisungen erfahren, sei auf der einen Seite wichtig: „Solche Vorfälle müssen zur Sprache gebracht werden. Es muss gezeigt werden, dass so ein Verhalten keinen Platz hat und nicht geduldet wird.“ Auf der anderen Seite biete dennoch jede Berichterstattung auch eine Bühne für potenzielle Nachahmer.

Durch Herabsetzen stark fühlen

Was rassistische Anfeindungen in den Spielern auslösen, könne man sich nur schwer vorstellen. Thomas Alkemeyer ist aber davon überzeugt, dass solche Vorfälle tief verletzend sind und Erinnerungen wecken – so wie etwa bei Jordan Torunarigha (Hertha BSC), der ähnliches vor zwei Wochen erlebte. Dessen Familie war bereits in seiner Kindheit Opfer von Rassismus. „Die, die beleidigen, sagen damit: Du gehörst nicht hier her, obwohl du hier geboren bist“, sagt der Soziologe.

Warum sich Menschen so verhalten, sei schwer zu beantworten. Klar ist laut Alkemeyer aber: „Durch das Herabsetzen anderer kann man sich stark fühlen.“ Psychologisch lasse sich bestätigen, dass ein eigenes Unterlegenheitsgefühl der Grund sein kann, andere zu diskriminieren und zu entwerten.

Kommentar

28 registrierte Fälle in Württemberg 

Fußball-Drittligist Preußen Münster hat nach dem Rassismus-Vorfall im Spiel gegen Würzburg für den Täter ein bundesweites Stadionverbot von drei Jahren verhängt. Außerdem will der Klub die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu erwartende Geldstrafe auf den Mann umlegen. „Das Mindeste, das wir nun tun können, ist, dass diese Person nicht mehr in unser Stadion kommt“, sagte Vereinspräsident Christoph Strässer. Drei Jahre sind laut Regularien das höchstmögliche Strafmaß.

Bundesligist
FC Schalke 04 ist erst vergangene Woche aufgrund der rassistischen Beschimpfungen von Fans in Richtung des Hertha-Spielers Jordan Torunarigha zu einer Geldstrafe in Höhe von 50 000 Euro verurteilt worden.

Bei insgesamt rund 17 000 Amateurspielen unter dem Dach des Württembergischen Fußballverband während der Saison 2019/20 gab es lediglich 28 Verfahren wegen rassistischer oder diskriminierender Äußerungen – 18 davon richteten sich gegen Vereine, 10 gegen Spieler. Das waren jedoch nur Vorfälle, die auch vom Schiedsrichter im Spielbericht festgehalten wurden. „Obwohl die Dunkelziffer wohl deutlich höher liegt, würde ich behaupten, dass das bei uns kein flächendeckendes Problem ist“, sagt Pressesprecher Heiner Baumeister. max/sav/dpa