Der Ehrengast im roten Abendkleid zog alle Blicke auf sich. Angelique Kerber bewegte sich beim Leipziger Opernball auf dem für sie ungewohnten Parkett so souverän wie vor ihrer Babypause auf dem Tennisplatz. Als sie zusammen mit „Tatort“-Kommissar Richy Müller einen Porsche Macan als Hauptpreis der Tombola an die glückliche Gewinnerin übergab, klickten minutenlang die Kameras der Fotografen. Und Angelique Kerber strahlte fast wie nach ihrem größten Sieg in Wimbledon.

„Ich freue mich sehr, bei dieser tollen Veranstaltung dabei sein zu dürfen“, sagte die 34-jährige Kielerin. „Der Opernball ist ein gesellschaftliches Ereignis, das gleichzeitig einem großartigen Zweck dient. Mit dem Erlös der Tombola werden in Leipzig viele Kinder- und Jugendprojekte realisiert. Als Porsche-Markenbotschafterin unterstütze ich das gerne.“

Ihre Babypause verkündete sie kurz vor den US Open mit einem originellen Post in den sozialen Medien: „Ich hätte wirklich gerne in New York gespielt. Doch zwei gegen eine wäre unfair.“ Das Ende ihrer Karriere bedeutet diese Auszeit jedoch nicht. „Ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder fit zu werden und auf die Tour zurückzukehren, allerdings ohne irgendwas zu überstürzen“, sagte sie im Gespräch in Leipzig. Und dann werde sie auch wieder angreifen, denn: „Wenn ich etwas mache, dann richtig.“

Ein konkretes Ziel hat sie sich schon jetzt gesetzt: Olympia 2024 in Paris. „Ich war ja schon in London und Rio de Janeiro dabei, und es ist schon etwas ganz Besonderes, bei so einem weltbewegenden Ereignis für sein Land zu spielen. Dieses Gefühl würde ich gerne noch einmal erleben. Bis dahin ist es ja noch etwas Zeit, ich habe also keinen Druck.“

Das Finale der US Open, das sie 2016 gegen Serena Williams gewonnen hat, hat sie als Expertin für Eurosport mitkommentiert. Eine interessante Erfahrung, wie sie sagt: „Das hat viel Spaß gemacht. Tennis ist meine Leidenschaft, meine große Liebe. Ich kenne die Spielerinnen. Ich weiß, wie sie ticken, wie sie sich auf ein Match vorbereiten. Ich hoffe, dass ich den Zuschauern interessante Eindrücke vermitteln konnte.“

Natürlich kamen auch Erinnerungen und Emotionen an ihren Triumph 2016 hoch. „Das war schon sehr intensiv“, sagt sie. „Da gingen mir viele Bilder durch den Kopf, schöne Erinnerungen an unvergessliche Augenblicke. Das war Gänsehaut pur.“

Vor der New-York-Siegerin Iga Swiatek, der aktuell weltbesten Spielerin, hat sie größten Respekt. „Unglaublich, wie souverän sie sich präsentiert. Wie sie mit dem Druck und dem ganzen Trubel um ihre Person umgeht, davor kann ich nur den Hut ziehen“, sagt Angelique Kerber. Was die Polin, die sie gut kennt, so stark macht? „Es ist vor allem ihre Konstanz. Sie hat in dieser Saison ja nicht nur die Grand Slams in Paris und New York gewonnen, sondern auch die großen Turniere in Doha, Indian Wells, Miami und Rom, dazu den Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart.“

Für ihre 21 Jahre sei sie mental sehr stark, lasse trotz ihrer Erfolge nie nach, sondern arbeite immer hart und konsequent weiter. Das und die Intensität, mit der sie ihr Spiel auf dem Platz von Anfang bis Ende durchziehe, so Angelique Kerber, „macht sie zu einer Spielerin, die nur sehr schwer zu schlagen ist.“ Wer sie an der Spitze der Weltrangliste am ehesten angreifen kann? „Coco Gauff hat sich sehr gut entwickelt und nicht erst bei den US Open gezeigt, dass sie auch unter Druck konstant gut spielen kann. Ihr traue ich zu, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen und nach der Krone zu greifen.“ Doch das werde dauern: „Ich denke, dass Iga noch eine ganze Weile da oben bleiben wird.“

Ein Alltag ohne Tennis war für Angelique Kerber, die in den vergangenen 13 Jahren keinen Grand Slam ausgelassen hat, immer nur schwer vorstellbar. „Das ist jetzt etwas komplett Neues für mich, doch es gibt keinen schöneren Grund für eine Pause vom Tennis“, sagt sie.

Die Zeit bis zur Geburt ihres Kindes im Frühjahr will sie so gut es geht für sich nutzen. Sie macht weiter Sport, um fit zu bleiben, spielt auch weiter Tennis. „Sport gehört nun mal zu meinem Leben“, sagt sie. „Natürlich übertreibe ich nicht. Ich habe viel Erfahrung und weiß genau, was mir guttut und was nicht.“

Für ihre Tennis-Pause hat die dreifache Grand-Slam-Siegerin und ehemalige Weltranglistenerste verschiedene Projekte in Planung, die ihr wichtig sind. Eines ist ihre Autobiographie (siehe auch Info-Box), die im November erscheinen wird. „Ich habe da sehr viel Zeit investiert und mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich den Leuten mitteilen will und welche Botschaft ich jungen Spielerinnen mit auf den Weg geben kann“, sagt sie. „Das war eine sehr emotionale Beschäftigung mit meinem Leben und meiner Karriere. Ich hoffe, dass ich damit vielen Menschen eine Freude mache.“

Eine Frage des Willens . . .


Am 5. November veröffentlicht Angelique Kerber ihre Autobiographie mit dem Titel „Eine Frage des Willens: Mein Weg nach oben“. In dem 224 Seiten langen Buch schildert die 34-Jährige aus Kiel ihren Weg auf den Tennisthron und das Leben als Profi.

In Bremen wurde Angelique Kerber am 18. Januar 1988 geboren. Sie ist eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen der Welt. 2016 gewann sie die Grand-Slam-Turniere in Melbourne und New York, holte Silber bei Olympia in Rio de Janeiro und stand im Endspiel der WTA Finals in Singapur.

Diese Erfolge ließen sie aufsteigen zur Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Mit ihrem Wimbledon-Sieg erfüllte sie sich dann im Sommer 2018 ihren großen Karrieretraum.