Er ist der Baumeister des VfB Stuttgart: Sven Mislintat (47). Der Sportdirektor hat in drei Transferperioden den Kader des Fußball-Bundesligisten umgekrempelt.

Herr Mislintat, der VfB fängt an, den Fans wieder Spaß zu machen. Die Mannschaft ist jung, und sie spielt nach vorne. Was sind weitere Gründe, warum der VfB nun positiv wahrgenommen wird?

Sven Mislintat: Das Auftreten unserer Mannschaft nach den Rückständen zum Beispiel, dass sie nie aufgegeben hat. Man hat gesehen, wir sind eine richtige Mannschaft, haben eine sehr gute Energie und richtig Teamspirit. Aber lassen Sie uns ruhig auf die genannten Punkte zurückkommen.

Entspricht der VfB Stuttgart damit schon Ihren Vorstellungen?

Wir sind auf einem guten Weg, die Voraussetzungen sind da, bislang sind jedoch erst drei Spiele absolviert und keine 34. Wir müssen uns weiter verbessern, Erfahrungen sammeln.

Auch an diesem Samstag in Berlin?

Ja natürlich, jedes Wochenende ohne Ausnahme. Auch gegen eine Hertha, die mit ihren Investitionen extrem wachsende Ambitionen verkörpert.

Der VfB musste dagegen haushalten?

Die Voraussetzungen sind komplett andere. Seit meinem Beginn beim VfB konnte Hertha BSC enorm auf dem Transfermarkt investieren. Wir dagegen erwirtschafteten in einem ähnlichen Zeitraum über 50 Millionen Nettotransfereinnahmen.

Aber es treten ja nicht die Etats gegeneinander an. Silas Wamangituka hat sich in den Vordergrund gespielt, Nicolas Gonzalez könnte in das Team zurückkehren.

Stimmt, aber auch Sasa Kalajdzic, Mateo Klimowicz, Borna Sosa, Roberto Massimo und Tanguy Coulibaly haben sich durch starke Leistungen Selbstvertrauen geholt. Darko Churlinov hatte gerade eine starke internationale Woche und auch er lauert auf seine Chance.

Die meisten genannten Spieler waren in der vergangenen Saison bereits beim VfB. Wundert es Sie, dass das Potenzial der Mannschaft erst jetzt erkannt wird?

Nein, man kann nicht von Entwicklung sprechen und den Spielern nicht die notwendige Zeit geben, um ihr vorhandenes Potenzial zu nutzen und daraus Qualität zu machen und diese immer konstanter abzurufen.

Können Sie das konkret erläutern?

An Nico Gonzalez kann man diesen Prozess besonders gut erklären: kompliziertes erstes Jahr, in dem man zu viel von einem so jungen Kerl erwartete, dann zweite Liga mit häufiger auffallender Qualität, die er, seitdem Pellegrino Matarazzo mit ihm arbeitet, extrem konstant über die gesamte letztjährige Rückrunde auf den Platz brachte. Bei Silas Wamangituka verhielt und verhält es sich ähnlich.

Der VfB bleibt eine Mannschaft im Lernprozess. Was beinhaltet der Lehrplan als Nächstes?

Ich möchte und bin mir bei ihrem Charakter und ihrer Mentalität auch sicher, dass die Mannschaft versteht, dass Lernen nie aufhört. Wir wollen eine Mannschaft und mit uns Verantwortlichen eine Gruppe sein, die sich über ihren Erfolgshunger und ihren Zusammenhalt definiert.

Aufgrund der Corona-Krise ist es ein schwieriges Jahr. Musste sich das sogenannte Diamentenauge Sven Mislintat auf dem Transfermarkt zurückhalten?

Nein, ich habe das gemacht, was ich immer mache. Meine Strategie ist es, die Baustellen im Kader möglichst früh zu schließen, innerhalb des vorgebenden Budgets. Das ist gelungen. Wir haben Gregor Kobel, Pascal Stenzel und Wataru Endo, die während der Zweitligasaison ausgeliehen waren, fest verpflichtet. Dazu kamen in Waldemar Anton und Konstantinos Mavropanos Verstärkungen für die Abwehr. In Momo Cissé und Naouirou Ahamada haben wir noch zwei Talente verpflichtet. Das waren Vorgriffe auf die Zukunft, die uns aber jetzt schon helfen können.

Die beiden letztgenannten Profis sind wieder Talente von außerhalb. Wo bleiben die Jungs aus Bad Cannstatt?

Sie können sicher sein, dass wir unseren Eigengewächsen den Weg nach oben nicht versperren. Das Gegenteil ist der Fall: Die Tür steht sperrangelweit offen. Für alle Spieler gilt jedoch das Leistungsprinzip.

Und nur die Besten setzen sich durch?

Ja, wir haben acht Spielern aus der erfolgreichen U 19 des vergangenen Jahres einen klaren Weg aufgezeigt, um nach oben zu kommen. Lilian Egloff, der bundesweit als Toptalent gilt, hat seinen Vertrag kürzlich verlängert.

Ist der VfB ein Ausbildungsverein?

Wenn man die Augen vor der Realität nicht verschließt, dann lautet die Antwort: ja. Im Grunde gilt das für fast alle Bundesliga-Clubs.

Das werden mache Fans in Stuttgart nicht gerne hören.

Mag sein, aber wenn der FC Bayern und Borussia Dortmund künftig Spieler von uns verpflichten, dann haben wir einen guten Job gemacht, einen noch besseren, wenn direkt Topteams aus dem Ausland kämen. So oder so würde es helfen, uns eine Konkurrenzfähigkeit zu erarbeiten, damit unsere Spieler nicht so einfach wie heute zusätzlich von den Teams, die in der Bundesliga um Platz drei bis neun spielen, attackiert werden können.

Das klingt nach einem Langzeit-Projekt. Ihr Vertrag beim VfB endet jedoch im nächsten Sommer. Gibt es eine Tendenz, ob Sie bleiben?

Ich bin mit Haut und Haaren beim VfB, meine Familie ist mit nach Stuttgart gezogen. Natürlich kann ich mir eine weitere Zusammenarbeit vorstellen.

Hängt Ihr weiteres Engagement auch von einer Beförderung vom Sportdirektor zum Sportvorstand ab?

Nein, überhaupt nicht.

4000 Zuschauer bei Hertha gegen den VfB


Wachsende Corona-Infektionszahlen in allen Teilen Deutschlands führen am Wochenende zur Reduzierung der Zuschauerzahlen am 4. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Nach dem FC Augsburg (gegen Spitzenreiter RB Leipzig) muss nun auch der SC Freiburg sein Heimspiel gegen Werder Bremen am Samstag ohne Zuschauer austragen.

In Bielefeld (gegen FC Bayern München) werden maximal 300 Zuschauer die Begegnung verfolgen können. Bei Hertha BSC werden am Samstag (15.30 Uhr /Sky) im Duell gegen den VfB Stuttgart maximal 4000 Zuschauer erwartet, bei Hoffenheim gegen Dortmund 6300. .