Leinfelden-Echterdingen / sid Welt- und Europameister ist Frank Stäbler schon. Mit Olympia aber hat der 30-Jährige noch eine Rechnung offen. Bei den Spielen in Tokio will er seine Karriere krönen.

Er trainiert in einem umgebauten Kuhstall und hat schon viel erlebt in seiner Karriere. Große Erfolge, bittere Niederlagen, Verletzungen. Nach den Olympischen Spielen in Tokio will Ringer-Ass Frank Stäbler seine Laufbahn beenden. Ein Gespräch über Risiken, Entbehrungen und große Träume.

Herr Stäbler, vor der WM im September mussten Sie acht Kilogramm abnehmen, um das Gewicht in der Klasse bis 67 Kilo zu bringen. Mit den Auswirkungen hatten Sie große Probleme, am Ende wurde es dennoch Bronze. War es die richtige Entscheidung?“

Frank Stäbler: Dass es so schwer wird, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich war bei maximal 70 Prozent meiner Leistungsfähigkeit. Es grenzt an ein Wunder, dass ich trotzdem die Bronzemedaille gewonnen und die Olympia-Qualifikation geholt habe. Ohne meine professionelle Vorbereitung hätte ich vielleicht nur 50 Prozent abrufen können.

Was heißt das für Olympia?

Stäbler: Ich weiß jetzt, wie verdammt hart es wird – wie viel Blut, Schweiß und Tränen dieser Weg kostet. Aber ich bin bereit, diesen Weg noch einmal in meinem Leben zu gehen. Meine Karriere endet am 5. August in Tokio mit der Medaille – hoffentlich. Danach ist mein ganzes Leben ausgelegt.

Was werden Sie in der Vorbereitung anders machen?

Stäbler: Ich habe durch die WM viele Erfahrungswerte. Ich kenne nun die drei oder vier Stellschrauben, die ich noch anziehen kann – gerade was die Prozesse an den letzten Tagen vor dem Wettkampf angeht. Ich hoffe, dass ich nicht nur 70, sondern 75 oder 80 Prozent meiner Leistungsfähigkeit abrufen kann. Dann könnte es für alles reichen.

Sie wollen tatsächlich mit 75 bis 80 Prozent eine Medaille holen?

Stäbler: Es kling fast überheblich, aber mehr Prozent sind nicht drin. In der Klasse bis 72 Kilo könnte ich 100 Prozent bringen – aber die Klasse gibt es nun einmal nicht bei Olympia. Ich versuche, das Ganze zu perfektionieren, damit es ausreicht, um den ganz großen Sprung zum olympischen Gold zu machen.

Ist der kubanische Olympiasieger Ismael Borrero Molina, gegen den Sie bei der WM im Achtelfinale chancenlos waren, der größte Rivale?

Stäbler: Es gibt fünf, sechs Anwärter auf Gold. Er ist einer davon. Gegen ihn habe ich so deutlich verloren wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich brenne auf die Revanche. Dafür lebe ich. Ich werde der Welt zeigen, dass mir das nicht noch einmal passiert. Ich sehe schon das unglaubliche olympische Finale vor mir: ‚Die Revanche‘ – den letzten Kampf meines Lebens gegen den Kubaner.

Man merkt, dass Sie mit Olympia noch eine Rechnung offen haben ...

Stäbler: Das stimmt. Ich konnte in meiner Karriere dreimal Weltmeister werden und Geschichte schreiben, aber mit Olympia habe ich noch nicht meinen Frieden gefunden. 2012 in London habe ich unglücklich im Kampf um Bronze verloren. Vier Jahre später habe ich mir kurz vor Rio einen Syndesmoseriss zugezogen. Ich bin trotzdem gefahren und Siebter geworden – auf einem Bein. Es fehlt die olympische Medaille. Es ist der letzte große Traum, das letzte Mosaiksteinchen in der Sammlung. Ich bin sozusagen ‚all in‘. Es ist die eine letzte Chance – und die werde ich nutzen.“

Reicht eine Medaille, um Sie glücklich zu machen – oder muss es Gold sein?

Stäbler: Es reicht eine Medaille. Der Traum ist immer, Olympiasieger zu werden. Das Ziel ist auch so definiert. Aber es gibt so viele Faktoren – Schiedsrichter, Auslosung, Konstellationen. Das sind Dinge, die nicht unbedingt in meiner Hand liegen. Ich kann nur am Tag X in bestmöglicher Form sein, dann wird alles möglich sein.

Steht die Vorbereitung?

Stäbler: Ja, der Masterplan bis Olympia ist bis ins Detail ausgearbeitet. Ich werde viele internationale Lehrgänge absolvieren. Das Zwischenziel ist die Europameisterschaft im Februar in Rom, da werde ich in der Klasse bis 72 Kilo aus dem Training heraus an den Start gehen.

Das Training findet aufgrund des Streits um die Hallennutzung mit der Führung des TSV Musberg weiter im früheren Kuhstall statt. Kommen sie damit klar?

Stäbler: Ich habe gelernt, damit klarzukommen und mit dem zu arbeiten, was zur Verfügung steht. Und ich habe gelernt, dass man auch als dreimaliger Weltmeister nichts geschenkt bekommt, da fliegt man auch manchmal aus der Halle und muss neue Wege gehen. Deshalb bereite ich die Spiele in Tokio weiter auf dem elterlichen Bauernhof im ehemaligen Kuhstall vor.

Und was kommt nach dem Karriere-Ende mit 31 Jahren bei Olympia?

Stäbler: Ich werde von Freunden Mentalitätsmonster genannt, weil ich fasziniert davon bin, was das Mentale auslösen kann. Ich habe große Erfahrungswerte, die ich weitergeben will. Ich möchte als ‚Speaker‘ arbeiten. Dabei werde ich in Firmen unterwegs sein, aber hauptsächlich mit Kindern arbeiten. Ich habe zwei Projekte im Kopf. Ich will in Schulen rein – gerade in Brennpunktschulen. Darauf habe ich große Lust, da steckt viel Potenzial drin. sid

Weltmeister in diversen Gewichtsklassen

Person Frank Stäbler wurde in Böblingen. Er startet für den KSV Musberg im griechisch-römischen Stil. Der 1,74 Meter große Ringer wurde im Leichtgewicht (bis 66 Kilo) Europameister 2012 und Weltmeister 2015 sowie in den Gewichtsklassen bis 71 und 72 Kilo Weltmeister 2017 und 2018. Nach den Olympischen Spielen 2020 will er seine Karriere beenden.