Karlsruhe / Elisabeth Zoll Während der Viruspandemie verschärfen sich die Unterschiede, sagt Sportwissenschaftler Alexander Woll. Das trifft Kinder besonders hart, allen voran die Mädchen. Von Elisabeth Zoll

Kein Fußballspielen, kein Toben: Der Bewegungsmangel während der Coronakrise trifft Kinder besonders hart. Das sagt Sportwissenschaftler Prof. Dr. Alexander Woll vom Karlsruher Institut für Technologie. Doch es gibt auch Chancen.

Herr Professor Woll, bewegt sich Deutschland in der Coronakrise anders?

Alexander Woll: Auf jeden Fall. Die Sportstätten sind zu. Damit entfallen traditionelle Sportmöglichkeiten. Wir sind gezwungen,  alleine oder zu zweit Sport zu machen. Die Leute laufen, fahren Rad oder joggen. Das hat stark zugenommen.

Richtig. Derzeit sind Heerscharen von Joggern schnaubend und schwitzend unterwegs. Wie unbedenklich ist es, wenn mir diese entgegenkommen?

Sportler können Viren verbreiten. Deshalb rate ich zu großen Abständen: Beim Walken sollte man vier Meter Abstand halten, beim Joggen zehn. Auch sollte man nicht hintereinander laufen, sondern seitlich versetzt. Möglicherweise wäre es gut, Jogging-, Walking- und Spaziergangstrecken besser zu trennen. Wir wissen noch zu wenig über das Virus. Deshalb würde ich Sportlern auf intensiv frequentierten Strecken empfehlen, leichte Masken zu tragen, damit andere vor der Atemluft geschützt sind. Rücksicht nehmen. Als Sportler hat man eine Verantwortung

Treffen die Veränderungen alle Menschen in gleicher Weise?

Nein. Im ländlichen Bereich sind die Menschen deutlich aktiver als zu normalen Zeiten. Jetzt haben sie mehr Zeit und weniger Freizeitalternativen. Es wäre ein schöner Nebeneffekt der Krise, wenn Bewegung im Alltag zunehmen würde. Wir reden zwar viel über die Bewegungseinschränkung durch Corona. Doch schon davor haben 80 Prozent der Jugendlichen den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Richtwert von einer Stunde Bewegung pro Tag nicht erreicht. Bei Erwachsenen ist es die Hälfte.

Wen trifft die Krise besonders hart?

Familien in verdichteten Innenstädten. Dort finden sich kaum mehr wohnortnahe Bewegungsräume. Parks sind gesperrt. Wenn sich dann, wie zum Beispiel in Köln, Massen am Rheinufer bewegen, ist das bedenklich. Sport, vor allem Gruppensport, ist hochansteckend.

Beispielsweise Fußball. Was halten Sie davon bereits jetzt, die Austragung von Bundesligaspiele wieder  ins Auge zu fassen?

Da zeigt sich, dass Fußball eine eigene Welt ist. Hier geht es um viel Geld. Obwohl ich selbst Sportler bin und unheimlich gerne Fußball schaue, bin ich da ambivalent. Ich glaube, die Entscheidung gäbe kein gutes Vorbild für den Rest der Gesellschaft. Denn sie erzeugt das Gefühl, dass wir die Coronakrise im Griff haben. Und das ist nicht der Fall.

Gibt es schichtspezifische Unterschiede im Bewegungsverhalten?

In einem Einfamilienhaus mit Garten ist die Krise leichter zu bestehen, als in der Stadt. Je weniger Raum, je mehr Menschen, desto größer ist der soziale Stress. Schon zu normalen Zeiten ist es in der Stadt anstrengender. Wenn Menschen dann noch eine Pandemie im Nacken sitzt, verschärft sich die Situation. Sie müssen Abstand halten und können es nicht. In sozialen Brennpunkten ist es extrem schwierig, die Pandemieauflagen einzuhalten und noch ein gewisses Maß an Bewegung auszuleben.  Studien mit Kindern, die in Hochhäusern leben, zeigen: Mit jedem Stockwerk weiter oben, nimmt die körperliche Aktivität ab. Die Barriere raus zu gehen, steigt mit der Höhe. Wenn die Krise länger anhält, muss man intelligente Bewegungsräume entwickeln.

Was wäre das?

Man kann auf einem großen Sportplatz Freiluftübungen anbieten. Den Zugang zu einer Laufbahn mit Schleusen beschränken. Auch digitale Programme für Zuhause sind möglich.

Vor allem die Kinder trifft es hart. Fußballspielen geht nicht mehr, Toben nur noch begrenzt. Was hat das für Folgen?

Kinder brauchen Bewegung, um sich gesund zu entwickeln. Das gilt für den motorischen und den psychosozialen Bereich. Über die Motorik erschließen sich Kinder die Welt. Ich denke die Krise bietet Chancen, die man bisher nicht so gesehen hat, weil das Thema Bewegung an Vereine oder die Schule delegiert wurde. Jetzt können Familien das Thema gemeinsam entdecken. Das ist zwar eine Belastung, aber auch eine Chance. Seit drei Jahren arbeiten wir an der Fragestellung: Wie lassen sich Familien zu mehr Bewegung bewegen? Das passt genau in diese  Krise.

Sind Jungen und Mädchen gleichermaßen eingeschränkt?

Nein. Schon vor Corona zeigten sich beim Bewegungsmangel Unterschiede. Mädchen sind stärker davon betroffen, vor allem nach der Pubertät. Nach der Motorik-Modul-Studie unseres Instituts sind 13-jährige Mädchen körperlich so fit wie 17-jährige. Dabei müssten letztere aufgrund der körperlichen Entwicklung deutlich fitter sein. Mädchen mit muslimischem Hintergrund nach der Pubertät haben ein achtfach größeres Inaktivitätsphase-Risiko gegenüber den Gleichaltrigen. Auch der Bildungsstand wirkt sich aus: Menschen mit höherem Bildungsstand unterscheiden sich kaum. Mit einem geringeren Bildungsstand geht dagegen eine geringere Bewegung einher.

Kann ein akuter Bewegungsmangel schnell ausgeglichen werden?

Mit dem derzeitigen Bewegungsmangel verbunden ist in Familien ein steigender Alkoholkonsum und eine schlechtere Ernährung. Das ist insgesamt keine gute Mischung. Doch noch fehlen belastbare Daten. Wir haben dazu am Sonntag eine neue Erhebung begonnen. Ergebnisse erwarten wir schon in den nächsten Wochen. Bewegungsmangel hat immer negative Folgen. Wenn man sich in der Coronakrise für vier Wochen ins Bett legt, hat man danach nur noch die Hälfte der Muskelmasse. Auch die Ausdauer­leistung reduziert sich um die Hälfte. Unser Körper reagiert sehr schnell.

Rechnen Sie damit, dass Schulsport bald wieder möglich ist, Fitnesscenter und Schwimmbäder wieder öffnen?

Eher nicht. So lange wir nicht wissen, wie die Übertragungswege des Virus sind, werden körperbetonte Spiele wohl nicht möglich sein. Auch in Freibädern wird das Leben anders sein. Unorganisiertes Schwimmen wird es diesen Sommer vermutlich nicht geben. Vielleicht kommen feste Schwimmzeiten, zu denen man sich anmelden muss. Weil die Krise noch länger dauert, werden wir uns kreative Gedanken machen müssen, wie wir das Bewegungs- und das Gesundheitsbedürfnis unter einen Hut bringen.

Zur Person

Alexander Woll leitet seit 2012 das Institut für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT IfSS). Zu den Arbeitsschwerpunkten seines Instituts gehört die Erforschung menschlichen Verhaltens und Erlebens im Sport. Dabei schauen die Forscher unter anderem auf die Wirkungen des Sports im Lebenslauf und entwickeln Konzepte für Sportprogramme in Schulen, Kommunen, Betrieben und Vereinen.

Die Studie Motorik-modul.de befasst sich mit der Entwicklung von körperlich-sportlicher Aktivität, Fitness und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Links zu digitalen Bewegungsseiten: http://www.sport.kit.edu/MoMo/284.php