Heidenheim / Joelle Reimer Über Dächer springen, im Parkhaus turnen und auf Balkongeländern balancieren? So kennt man Parkour aus Filmen und Videoclips. Aber auch die großen Stars haben mal klein angefangen. In Heidenheim trainiert eine Gruppe junger Sportler in der Halle des Schiller-Gymnasiums. Ein Selbstversuch.
Der junge Mann rennt los. Barfuß. Springt, aus vollem Tempo. Stützt sich mit den Händen auf einem Kasten, der ihm bis zur Brust reicht, ab. Den Blick nach vorne. Knie anziehen, an den Oberkörper, unter den Armen durch. Schon steht er, auf der blauen Weichbodenmatte. Das war die „Katze“. Der Sportler grinst: eine der einfachen Übungen im Parkour.

Ein mulmiges Gefühl. Kurz schlucken. Der Blick fällt auf die Reckstange. Die hängt doch sicher über zwei Meter hoch? Nebenan werden Saltos aus dem Stand gesprungen. Vorwärts. Rückwärts. Lieber nicht hinschauen. Erste Zweifel. Zweifel, die Halle nach zwei Stunden ohne Knochenbruch zu verlassen.



Erst mal abrollen

Puh. Entwarnung. Erst mal geht's zu den Matten am Ende der Halle. „Das Abrollen ist das Wichtigste“, erklärt der 19-jährige Christian Manzano. Er zeigt nach dem Aufwärmen und Dehnen zunächst die verschiedenen Übungen. Abrollen steht als erstes an. Zunächst mit dem rechten Arm unter der linken Schulter durch – und über die rechte Schulter abrollen. Verdammt. Schräg angekommen. Aber warum? Also nochmal. Und nochmal. Aufstehen, setzen, abrollen. Immer wieder. Erst aus dem Sitzen, dann aus dem Stand. Schließlich aus dem Sprung von einem Kasten. Nur diese eine Bewegung. Während die anderen nebenan springen, sich drehen, die Wände hoch laufen.

Lektion Nummer eins: Beim Parkour geht es nicht darum, möglichst spektakuläre Sprünge zu zeigen, sondern jede Bewegung effizient und möglichst ästhetisch durchzuführen. Selbst das Abrollen. „Ich bin auch schon eine Stunde lang nur auf der Stelle gesprungen und gelandet – bis ich zufrieden war“, erzählt der 19-jährige Daniel Kromm. Er hat vor vier Jahren zusammen mit Christian mit dem Parkour angefangen.
Kurz die Augen schließen, dann den Blick geradeaus. Langsam dreht sich beim Aufstehen alles. Schwindlig. Die Schulter zieht. Genug gerollt.

Die "Katze"

Da ist sie wieder, die „Katze“. Christian macht sie vor: Rennen. Springen. Mit dem Armen stützen. Knie anziehen. Drüber. Eine Sache von Sekunden. Fast wie im Flug. „Kannst du das nochmal machen?“ Dann steht der Anlauf bevor. Den Kasten auf Brusthöhe. Angst? Nein. Aber Zweifel. Berechtigt: schon beim Absprung kommen die Knie nicht hoch genug. Das Gefühl, es nicht über den Kasten zu schaffen. Etwas scheint am Körper zu ziehen, scheint ihn am Boden zu halten. Als wären Steine an den Füßen befestigt. Die Landung – sitzend auf dem Kasten.

Wieder runter, auf Anfang. Und wieder, und wieder, und wieder. Wie kann etwas, das so einfach aussieht, so schwierig sein? Erste Frustration macht sich breit. Aufmunternde Worte von Christian: „Das ist normal – wir konnten auch nicht gleich alles am Anfang.“ Letztendlich gelingt es, die Beine irgendwie über den Kasten zu schwingen. Seitlich. Ganz und gar nicht wie eine „Katze“. Ein Sprung, der keine Bezeichnung trägt. Und wohl nicht besonders ästhetisch ist.

Landen auf den Punkt genau

Nächste Übung: Präzisionssprünge. Von einer Linie auf dem Hallenboden mit beiden Beinen zur nächsten springen. In die Knie gehen, abfedern. Ruhig stehen bleiben. Das war alles? Ein erstes Erfolgserlebnis. Bis Daniel erklärt, dass die Landung geräuschlos sein sollte. Die nackten Zehen landen so sanft wie möglich auf dem Boden. Fußgelenke und Knie geben nach. Versuchen, den Sprung abzufedern. Und trotzdem: Tip. Klack. Tap. Das Ziehen in den Oberschenkeln wird stärker, das Landen nicht einfacher. Und nicht leiser.

Der "Retour": Ein Versuch folgt auf den nächsten

Nun auf dem Weg zur Reckstange. Es ist ganz schön warm geworden in der Halle. Die anderen Sportler zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Springen, rennen, drehen sich in der Luft.
Ein nervöser Blick nach oben. Der Puls geht schneller, pocht. Kurz über die Stirn wischen. Wieder der Blick auf die Reckstange. „Ähm. Die bleibt aber nicht da?“ Nein. Sie wird runter gestellt, auf Bauchhöhe. Mit der linken Hand unten fassen, mit der rechten oben. Hoch drücken, Knie anziehen. Und beide Beine über die Stange schwingen. Dann theoretisch mit der rechten Hand umgreifen, stehend direkt an der Stange landen – das wäre der sogenannte „Retour“.

Wenn es denn so weit kommt. Erst mal ist da nur ein stechender Schmerz. Das rechte Schienbein ist mit voller Wucht gegen die Metallstange geknallt. Das Bein pocht. Erinnerungen an Stürze aus der Kindheit kommen hoch.

Nächster Versuch. Und eine Ahnung, dass der nicht völlig angstfrei ablaufen wird. Einfach drauf los – geht nicht mehr. Hemmungen. Nicht mehr aus vollem Schwung. Zu viele Gedanken. Was, wenn es wieder nicht klappt? Pochender Schmerz. Das Zögern dauert an. Zu lange.
Jetzt aber. Ganz oder gar nicht. In die Knie, Absprung. Wieder gegen die Stange. Wieder das Schienbein. Kurz einatmen. Ablenken. Von. Dem. Stechenden. Schmerz.

Ausatmen. Nochmal. Der blaue Fleck unterhalb des Knies zeichnet sich schon ab. Ist egal. Mut einreden: Die Stange ist überhaupt nicht hoch. Das ist machbar. – Ist es nicht. Auch Versuch Nummer drei endet mit einem Knall gegen das Schienbein. Die selbe Stelle. Zähne zusammenbeißen. Puh. Stoßweise ausatmen.

Aufgeben? Jetzt nicht mehr. Der Ehrgeiz meldet sich. In die Knie – Sprung. Wo bleibt der Schmerz? Diesmal nicht – dafür plötzlich mit beiden Beinen auf der anderen Seite. Stehend. Und verwundert. Nicht ganz gerade an der Stange, aber drüber. Und wieder etwas gelernt: „In unserer Sportart ist die richtige Selbsteinschätzung wichtig, um sich nicht ernsthaft zu verletzen“, sagt Christian. Das leuchtet ein. Der blauer Fleck leuchtet auch. Späte Einsicht.

Der Flick Flack - nach der Überwindung kommt der Spaß

„Willst du einen Flick Flack machen?“, fragt Christian. Wollen? Oder können? Noch nie probiert. „Klar.“ Also auf die Matte. Die Beine fühlen sich schwer an. Erstmal zuschauen und -hören: Gerade hinstellen. Strecken. Aus dem Stand rückwärts hoch springen, nach hinten. Auf den Händen aufkommen. Die Beine abklappen. Und viel Schwung. Der Blick auf die Matten beruhigt. Wie wäre das wohl draußen auf dem Beton? Und doch kostet das am meisten Überwindung: einfach rückwärts zu springen, ohne den Bewegungsablauf zu kennen. Christian steht neben dran, um zu helfen. Wieder das Zögern. Wirklich? Was, wenn . . . Ja, was denn? Eigentlich kann nichts passieren.

Sprung. Die Beine neigen sich nach oben, die Hände nach hinten, nach unten. Kopfüber, die Hände auf der Matte. Perspektivenwechsel. Die Hüfte knickt ab, die nackten Füße stellen sich auf die Matte, jetzt den Oberkörper hochziehen – alles passiert irgendwie automatisch. Und die Perspektive ist wieder wie gewohnt. Erstmal ruhig stehen bleiben. Geschafft. Sah wohl nicht besonders elegant aus, hat aber funktioniert. Und sogar Spaß gemacht. So viel, dass noch ein paar Versuche folgen. Bis die Handgelenke anfangen, weh zu tun.

Die anderen Sportler springen über Kästen, machen Saltos, Flick Flacks und turnen an der Reckstange. „Versuch mal das . . .“, „wir könnten doch auch mal hier drüber springen . . .“ – jeder probiert, was er sich zutraut. Jeder hat einen eigenen Stil. Und bei jedem sieht es unglaublich einfach aus.

Senkrecht die Wand hoch

Der „Wall Run“ steht an. Heißt, senkrecht die Hallenwand hoch rennen. Ein komisches Gefühl, rund zehn Meter entfernt vor einer Wand zu stehen und dann mit Anlauf darauf zuzulaufen.
Das soll funktionieren? Mit welchem Fuß beginnen? Halt. Nicht so viel drüber nachdenken. Einfach machen. Einen Fuß vor den anderen. Schneller. Und schneller. Zehn Meter, sieben, drei . . . Die Wand wird größer, füllt das Blickfeld. Direkt davor. Ganz automatisch setzt der rechte Fuß auf der Wand auf. Die Arme nach oben. Abdrücken. Der linke Fuß folgt. Für einen kurzen Moment in der Luft bleibt alles stehen, dann geht's abwärts Richtung Matte. Das war's. Nicht besonders hoch, aber ein Anfang. Also nochmal. Und wieder. Und wieder. Der wievielte Versuch?

Das war's schon

„Okay Leute, wir müssen aufräumen“, meint Christian plötzlich. Zwei Stunden sind vorbei. Der Sport macht süchtig, auch wenn die Beine dringend eine Pause verlangen. Die Knie zittern. Wie war das mit der Selbsteinschätzung? Für heute ist lieber doch Schluss. „Viele erwarten zu schnell etwas – man muss erst mal die Philosophie des Parkours verstehen“, sagt Daniel beim Verlassen der Halle. Das könne schon mal ein Jahr dauern. Geduld ist also das A und O – und eine der größten Herausforderung dieser Sportart.