Schon beim Betreten der Niederstotzinger Ballspielhalle wird klar: Hier geht es nicht leise oder gar sanft zu. Der Ball knallt gegen Bande und Tor, Reifen quietschen über den Hallenboden. Dabei ist hier nicht etwa die Rede von Hallenfußball. Es geht um Radball: Fußball auf dem Fahrrad, wobei die Spieler nicht nur den Ball, sondern eben vor allem auch das Fahrrad beherrschen müssen.
Eine Legende zur Entstehung des Sports führt zurück ins Ende des 19. Jahrhunderts. Der damals bekannte Kunstradfahrer Nicholas Kaufmann soll einst einen kleinen Hund, der ihm vors Rad lief, vorsichtig mit dem Vorderrad zur Seite geschoben haben. Daraus entstand angeblich die Idee, statt eines Hundes einen Ball mit dem Fahrrad zu spielen.
Der Radfahrverein Niederstotzingen wurde 1906 gegründet, wie viele Radfahrvereine dieser Zeit zunächst für gemeinsame Ausfahrten und zur Unterhaltung. Rund um den Fahrradboom Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch das Kunstradfahren mit der Zeit immer beliebter. Aus dieser Szene entwickelte sich schließlich auch der Radball. „Der Hintergrund des Ganzen lag damals allerdings noch mehr im Belustigen und Bespaßen als im sportlichen Wettbewerb“, erzählt Vereinsvorsitzender Jonas Schleifer.

In Niederstotzingen begann man 1985 mit dem Radball. Damals löste ein anderer Verein seine Radballabteilung auf, sodass die Niederstotzinger günstig an das teure Material kamen. Zwischen 2500 und 4000 Euro kostet ein Rad heute. Rund 25 Räder besitzt der Verein aktuell. Hinzu kommen teure Verschleißteile. Auch die Räder für Kinder und Jugendliche kosten ähnlich viel wie die Modelle für Erwachsene. Der Ball selbst besteht aus hartem Kunststoff, ist nicht aufgepumpt und wiegt rund 500 Gramm.
Im Landkreis Heidenheim ist der RV Niederstotzingen heute der einzige Verein mit einer Radballabteilung. Viele hiervon befinden sich im Großraum Stuttgart. An einem Spieltag werden in der Regel gleich mehrere Partien ausgetragen, oft zwischen drei und fünf. Auch wenn Radball eine Randsportart ist, gibt es internationale Wettbewerbe wie eine Weltmeisterschaft. „Geld verdienen lässt sich damit aber nicht, höchstens über Sponsorenverträge“, so Schleifer. Der 32-Jährige ist seit einem Jahr Vorsitzender des Vereins und kam selbst mit 15 Jahren zum Radball.
Perfekte Radbeherrschung als eigentliche Herausforderung
Ein Team im Radball besteht aus zwei Spielern. Feldspieler und Torwart wechseln während des Spiels ständig ihre Rollen. Gespielt wird auf einem 11 mal 14 Meter großen Feld mit zwei mal zwei Meter großen Toren. Der Ball darf mit Vorder- oder Hinterrad sowie mit dem Körper gespielt werden, Hände und Füße sind tabu. Sogar Kopfbälle sind erlaubt. Der Torwart darf den Ball im Torraum dagegen mit den Händen abwehren. Wer unrechtmäßig vom Rad steigt, muss eine sogenannte Strafrunde absolvieren.
Beim Zuschauen wird schnell klar: Die eigentliche Herausforderung scheint weniger der Ball und vielmehr das Fahrrad selbst zu sein. „Die eigentliche Kunst ist die Beherrschung des Fahrrads“, sagt auch Jonas Schleifer.

Ein Radballrad hat mit einem gewöhnlichen Fahrrad nur wenig gemeinsam. Der Lenker ist speziell geformt, der Sattel viel weiter hinten angebracht. Bremsen gibt es keine, gestoppt wird durch Blockieren der Pedale. Wie anspruchsvoll das Fahren ist, zeigt sich schon beim ersten Selbstversuch. Zwar lässt sich das Rad überraschend leicht treten, doch das Fahrgefühl unterscheidet sich deutlich von einem normalen Fahrrad. Schnell versteht man, warum Anfänger zunächst einfach nur mit dem Rad trainieren. „Die Anfänge sehen oft so aus, dass man erst einmal im Stehen oder über Matten fährt“, erzählt Schleifer. „Erst später kommt dann der Ball ins Spiel.“
Trotz des ungewöhnlichen Bildes sieht ein Radball-Training im Kern gar nicht so anders aus als in anderen Sportarten. „Wir trainieren auch viel im Zirkeltraining oder mit Passübungen“, wie Trainer Clemens Hartmann erzählt. Ein spezielles Torwarttraining gibt es aber nicht. Gespielt wird hauptsächlich im Winter in der Halle. Die Saison beginnt nach den Sommerferien und endet meist im April. Dazu kommen verschiedene Turniere und Cups. Ein Jugendspiel dauert zweimal fünf Minuten, in der U19 zweimal sechs und bei den Aktiven zweimal sieben Minuten.

Beim Zuschauen fällt zudem schnell auf, wie taktisch der Sport ist. „Öffnet ein Team seinen Rückraum, verlässt oft auch der gegnerische Torwart sofort das Tor, um gemeinsam mit seinem Mitspieler anzugreifen“, erklärt der Trainer. Häufig fällt genau in solchen Situationen ein Treffer. Wie beim Fußball gibt es auch Gelbe und Rote Karten im Radball. Eine Rote Karte kommt allerdings selten vor, das Spiel wäre damit dann auch automatisch beendet.
Trotz der spektakulären Fahrmanöver passieren vergleichsweise wenige schwere Verletzungen. Vorgeschrieben ist dennoch ein Knöchelschutz für die Spieler. „Die Spieler lernen früh, richtig vom Rad abzuspringen und Stürze abzufangen“, sagt der Vorstand. Überwiegend bleibe es bei blauen Flecken und Blasen. „Clemens hat sich im Training einmal einen Ellbogenbruch und gerissene Bänder geholt– das war aber eher die Ausnahme“, so Vereinsvorsitzender Schleifer.
Weg zum Radball über Familie und Freunde
Der Radfahrverein Niederstotzingen stellt aktuell vier aktive Mannschaften, zudem gibt es einige Nachwuchsspieler. Der 20-jährige Nils Guse und der 21-jährige Jonathan Hartmann spielten in der vergangenen Saison für Niederstotzingen II in der Landesliga (Staffel 4) und belegten dort den sechsten Rang von zwölf Teams. Hartmann spielt seit 14 Jahren Radball. Wie die meisten anderen kam er schon in der Grundschule über Freunde und Familie zu dem Sport, erzählt er. „Außerdem war Fußball nicht so cool“, ruft einer der Spieler lachend, während er auf seinem Rad vorbeifährt. Auch Trainer Clemens Hartmann stammt aus einer Fahrradfamilie: „Schon mein Opa ist damals viel Kunstrad gefahren, so bin ich später zum Radball gekommen“, erzählt der 27-Jährige.

Die Stimmung im Verein und unter den Mitspielern ist sehr familiär, wie Jonas Schleifer erzählt. Aber auch die Atmosphäre zwischen den Vereinen beschreibt der Trainer als kameradschaftlich. „Man kennt sich gut, weil man oft immer gegen dieselben Mannschaften spielt.“ Überhaupt gilt Baden-Württemberg als Hochburg des Radball-Sports. „Allein hier gibt es ungefähr so viele aktive Spieler wie im gesamten Rest der Welt“, sagt der 32-Jährige. Dadurch wird klar: Radball in Niederstotzingen, obwohl Randsportart und kleiner Szene, ist bis heute lebendig und gehört fest zur regionalen Vereinskultur.
Auch Deutsche Vize-Meister gab es bereits in Niederstotzingen
Drei der vier aktiven Mannschaften schafften zuletzt den Aufstieg, sodass der RV Niederstotzingen inzwischen mit zwei Teams in der Bezirksliga und zwei in der Landesliga vertreten ist. Zu den größten sportlichen Erfolgen zählen die mehrfachen baden-württembergischen Meistertitel von Marco Klar und Sebastian Scheu im Nachwuchsbereich. Beide nahmen mehrfach an Deutschen Jugendmeisterschaften teil und wurden sogar Deutsche Vize-Meister.

