Heiko Hammann ist ein entspannter junger Mann. Am liebsten läuft er barfuß über seinen Hof in Oberstotzingen, in dem um die 20 Pferde stehen. Zehn davon gehören seiner Familie. „Ich habe alle selbst ausgebildet“, erklärt der 22-Jährige, der schon zwei der Tiere aus deren Boxen geholt hat – Susi und Franz. Es hat etwas mehr als 30 Grad an diesem Tag, ein ausgedehntes Training ist heute nicht drin. „Die Pferde überhitzen viel schneller als wir Menschen“, sagt Hammann, der es fast immer schafft, an allen sieben Tagen der Woche auf seinen Trainingsplatz zu fahren.

Heiko Hammann ist Gespannfahrer. Mit fünf Jahren hat er das zum ersten Mal in Essen bei der Equitana, einer Messe, ausprobiert. Schon sein Großvater und sein Vater haben sich diesem Sport verschrieben, Heiko sollte eigentlich nicht damit anfangen. „Das ist viel Arbeit und sehr teuer“, weiß er aus Erfahrung. Doch wer schon beim zweiten Turnier baden-württembergischer Meister wird, der hat vielleicht doch zu viel Talent, um es einfach zu ignorieren. Also ist Hammann dabeigeblieben.

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Bisher ist er auf Turnieren meistens mit zwei Pferden unterwegs gewesen. Seit Kurzem spannt er auch vier Pferde vor seine Kutsche. Mit seinen 22 Jahren soll Hammann, wie er selbst sagt, der jüngste Viergespannfahrer in Deutschland sein. Mit dem Zweispanner gehört er zudem zum Landeskader, bald steht die deutsche Meisterschaft an.

Von den 15 Trainingskutschen, die Hammann besitzt, steht die passende schon parat. „Die Kutschen sind kompliziert, das ist sehr viel Technik“, versucht sich Hammann an einer Beschreibung und nennt als Beispiel etwa die Lenkverzögerung, die dafür da ist, dass die Kutsche beim Einlenken in einem größeren Bogen hinterherkommt. Einem seiner Pferde setzt der Gespannfahrer noch eine Maske auf. In den Richtlinien sei die zwar nicht erlaubt, aber der Tierarzt hat eine chronische Bindehautentzündung attestiert.

Dann steigt Hammann auf, ein Freund ist zur Unterstützung auch mit auf der Kutsche. Mit dem Zweispanner könnte er auch alleine trainieren, beim Vierspanner allerdings geht das nicht mehr.

Zu dritt geht es also los in Richtung Oberstotzinger Wasserturm, ein paar Felder weiter befindet sich der Trainingsplatz. Bei Schritttempo erzählt Hammann davon, wie komplex sein Sport ist, auch wenn man sich das beim gemütlichen Kutschfahren kaum vorstellen mag.

Auf dem Hof mache seine Familie mittlerweile alles alleine, er müsse zudem immer Sponsoren finden und die Turniere würden in den meisten Fällen mehrere Tage dauern. Mehrere Stunden Fahrt sind obendrein meist garantiert. „Die sind alle im Norden oben oder im Ausland“, so Hammann.

Beruflich ist er in Ulm bei einem pharmazeutischen Großhandel tätig, übernimmt außerdem Fahrten für die Spedition seines Vaters. Das Gespannfahren ist tatsächlich nur sein Hobby. Noch dazu eins, das ihn bei aller Freude auch ärgert: „Mittlerweile bestimmt das Geld den Sport, die meisten haben mehrere Millionen auf dem Konto.“ Viele amerikanische Fahrer würden bei den Turnieren in Deutschland dominieren und es dadurch anderen Sportlern schwerer machen. „Aber wir halten dagegen“, betont Hammann nicht ohne Stolz. Sein Vater Hansjörg Hammann holte im Vierergespannfahren einst die Weltmeisterschaft.

„Da könnte AC/DC laufen“

Auf dem Trainingsplatz wird Hammann schneller, bremst wieder, wird schneller, bremst wieder. „Meine Pferde müssen das können. Im einen Moment Vollgas und im nächsten ganz cool“, vergleicht es der 22-Jährige mit Spring- und Dressurpferden. Seine Tiere könnten schlicht „mehr ab“ als Reitpferde – „da könnte auch AC/DC laufen“.

Kommandos erteilt er den Pferden mit der Peitsche und mit Geräuschen. Es klingt in etwa so, als versuche man „Brd, brd“ auszusprechen. Beim Rückwärtsfahren achtet er vor allem darauf, dass die Kutsche gerade bleibt. „Dann gibt es mehr Punkte.“ Anschließend wird durch die aufgestellten Kegeln gefahren. Jedes Mal sieht es von Neuem so aus, als würde die Kutsche schlicht nicht durch die Kegel passen, aber jedes Mal gehen die Pferde perfekt dazwischen hindurch. Heute habe Hammann, so sagt er, ein starkes und ein schwaches Pferd, das eine laufe wie ein Bollwerk, das andere sei indes nicht in dieser Form geeignet. Trotzdem gelingt es dem Oberstotzinger, die Pferde so in Einklang zu bringen, dass es läuft. „Andere haben zwei gute Pferde. Ich muss einfach den Dreh raus haben“, sagt er.

Geduld gehört zu seinem Sport mindestens genauso dazu wie die Kutsche und das Pferd. „Einmal habe ich da hinten geheult, ich wusste nicht, was ich noch machen soll“, erinnert sich Hammann an ein Pferd, das ihm durchgegangen ist. Dreieinhalb Stunden habe es gedauert, bis es schließlich aufgegeben hat. Zweimal mit seiner Kutsche umgeschmissen hat es ihn auch schon, die gebrochenen Rippen erwähnt er beiläufig. „Das Wichtigste ist, dass den Pferden nichts passiert.“ Auf einem Turnier seien mal die Tiere eines anderen Sportlers durchgegangen, mit vollem Tempo seien sie in seine Richtung galoppiert, aber haarscharf vorbeigegangen: „Da dachte ich, es ist vorbei.“

Auch noch Fußball gespielt

Vorbei mit seiner Karriere auf der Kutsche hätte es übrigens auch sein können, als er sich beim Wintersport das Ellbogengelenk zertrümmert hat. Neben dem Gespannfahren hatte Hammann bis vor Kurzem nämlich noch so viel Energie übrig, dass auch Wintersport, der Schützenverein und sogar Fußball nicht fehlen durften. In der Bezirksliga hat Hammann für Asselfingen gespielt, dafür reiche jetzt die Zeit aber nicht mehr, die brauche er für die Pferde.

Was halten die eigentlich vom Gespannfahren? „Den Pferden merkt man an, ob sie Lust haben. Außerdem wird beim Fahren die Rückenmuskulatur gestärkt, während das Springreiten auf die Gelenke geht“, so Hammann. Seine Pferde kauft und verkauft er durch Kontakte im Internet oder bei Turnieren. Einmal hat er ein ausgebildetes Pferd verkauft, später aber wieder zurückbekommen hat, weil der neue Besitzer nicht damit zurechtgekommen ist. Das Geld durfte er sogar behalten.

Heute wollen die Pferde nur eins, eine kalte Dusche. Daher geht es recht zügig vom Trainingsplatz durch die Felder wieder zurück zum Hof. Im Wald, wo es schön schattig ist, fährt Hammann mit seinen Pferden am liebsten, manchmal unternimmt er einen Ausflug nach Lindenau, trinkt ein Bier, isst ein Eis und fährt wieder zurück. Und wer weiß, wo es Hammann mit seinen Pferden noch überall hin verschlägt, wird schließlich auch in Windsor bei der britischen Königsfamilie Gespann gefahren. „Dann kann man sogar der Queen die Hand schütteln“, träumt Hammann.

Kegelfahren ist der Favorit


Ein Fahrturnier für die Gespannfahrer

besteht aus drei Prüfungen: Dressur,

Gelände und Kegelfahren. Auf den Kegeln liegen Bälle, die nicht hinunterfallen dürfen, der Abstand zwischen den beiden Kegeln richtet sich nach der jeweiligen Kutsche. Die Spurbreite könnte zum Beispiel 1,50 Meter betragen, obendrauf kommen dann noch 20 Zentimeter Spielraum. Kegelfahren ist Hammanns bevorzugte Disziplin, bei den Turnieren schneidet er hier auch am besten ab. Ähnlich wie bei Mannschaftssportarten mit Ersatzspielern darf Hammann übrigens Pferde zum Einwechseln mitnehmen und ist daher meist mit sechs bis sieben Tieren unterwegs.