Als Fußballer einmal im ehrwürdigen Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro spielen oder als Tenniscrack den heiligen Rasen von Wimbledon betreten. Unter Sportbegeisterten gibt es zahlreiche ikonische Sehnsuchtsorte, an denen viel Geschichte hängt. Diese zu besuchen oder dort selbst Teil der Historie zu werden, bleibt für viele ein unerfüllter Traum. Nicht so für Anja Langer und Claus Schlumberger: Das Ehepaar aus Schnaitheim hatte sich im vergangenen November auf einen historischen Pfad begeben, der im antiken Olympiastadion in Athen sein Ziel fand. Beim historischen Marathon lief Langer von der Stadt Marathon genau die Strecke, die nach der antiken Legende der Bote Pheidippides vor rund 2500 Jahren zur Überbringung der Botschaft über den Sieg gegen die Perser nach Athen zurückgelegt hatte. „Wenn ich den Marathon mache, dann muss es ein besonderer sein, es kann nur der Klassiker sein“, sagt die Langstreckenläuferin der TSG Schnaitheim.
Und es wurde besonders. Die Marathonidee war bei der erfahrenen Läuferin schon vor einigen Jahren gereift. „Ich wollte schon einmal 2018 den Plan umsetzen, das ging dann verletzungsbedingt aber nicht“, sagt sie.

Ein kleines Versteckspiel in der Vorbereitung auf den Marathon
Doch aufgeschoben ist bei Anja Langer nicht aufgehoben. „Ich habe mich wieder herangetastet“, erzählt die 57-Jährige, die sich im Jahr 2023 wieder auf die Halbmarathon-Distanz wagte. Als sie im vergangenen März gemeinsam mit ihrem Mann den Syltlauf über 34,5 Kilometer erfolgreich gemeistert hatte, flammte ihr Läuferherz wieder auf. „Sie meinte zu mir, es sind nur acht Kilometer mehr bis zum Marathon“, erinnert sich Claus Schlumberger, der damals schon ahnte, dass es in dem Jahr noch eine besondere Laufreise geben würde. Eine von vielen. „Wir sind ständig bei Läufen oder in Trainingslagern unterwegs und kombinieren es mit Kurzurlauben“, erzählt er.

Die Wahl fiel schnell auf den ursprünglichen Marathon nach Athen. Doch auf die Vorfreude und den Tatendrang folgte die Ernüchterung. „Die Startplätze waren schon alle weg“, blickt Anja Langer zurück. Doch die beiden hatten Glück im Unglück. Statt über die offizielle Anmeldung klappte es über einen Veranstalter für Laufreisen – was sich noch auszahlen sollte.
Bevor der große Tag gekommen war, standen noch zwei knifflige Einheiten auf dem schon gut gefüllten Trainingsplan. „Ich hatte mir zwei Läufe über 30 Kilometer vorgenommen“, so Langer. Die Schwierigkeit lag dabei aber nicht in der Distanz. Ihre erste Marathonteilnahme sollte geheim bleiben, eingeweiht war nur ihr Ehemann. „Es hätte noch so viel dazwischenkommen können“, sagt sie, „da wollte ich mir nicht zusätzlichen Druck machen.“ So mussten die beiden langen Läufe „versteckt“ werden – und das ist bei der neugierigen TSG Schnaitheim gar nicht so einfach.
Schnelle Beine dank des exportierten schwäbischen Hefezopfs
Denn die aufgeweckte Laufgemeinschaft fiebert natürlich immer mit, wenn die Lauftrainerin auf einem ihrer Wettkämpfe unterwegs ist. „Das war gar nicht so einfach“, erzählt Langer, die zu einem speziellen Trick griff. An zwei Sonntagen ging sie zunächst alleine auf die Runde über zehn Kilometer. Als dann die Laufgruppe der TSG um 9 Uhr zum wöchentlichen Training anrückte, lief sie ebenfalls mit. „Danach wurde ich noch einbestellt“, so Schlumberger, der die motivierende Begleitung auf den dritten zehn Kilometern gab. Und gelegentlich auch als Komplize aushalf. „Wenn jemand nach unseren Plänen an dem Wochenende gefragt hat, war meine Antwort: ein Kurzurlaub in Griechenland“, sagt er.

Damit umschiffte er sogar eine Notlüge: Das Reiseziel stimmte, aber unter Urlaub stellen sich die meisten wohl etwas anderes vor. Nachdem die beiden Schnaitheimer am Freitag vor dem Marathon die Strecke noch einmal mit dem Bus abgefahren hatten, wurde es am Sonntag ernst.
Bevor es an den Start in der historischen Stätte in Marathon ging, griff Langer zu ihrem urschwäbischen Ernährungstrick. „Ich trinke am Morgen vor meinen Rennen eigentlich fast nichts, trinke nur einen Kaffee“, sagt die Läuferin. Ein spezieller Energiegeber muss immer sein: ein Stückle saftiger Hefezopf – der in den Kaffee getunkt werden muss. Den habe sie sich unbedingt noch auf dem Weg zum Flughafen in Stuttgart kaufen müssen, so Langer – deren Aufregung umso größer wurde, je näher der ersehnte Marathon kam.
Mit letzter Kraft auf die Zielgerade im antiken Olympiastadion
„Deshalb war es gut, dass wir uns in so einer Riesenstadt um nichts kümmern mussten und alles vorbereitet war“, sagt Schlumberger, der am Tag des Wettkampfs als Erster auf die Strecke durfte und um 9 Uhr die 10 Kilometer vorbei an den historischen Gebäuden der griechischen Hauptstadt genießen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war Anja Langer längst in Marathon – die Nervosität am Maximum. „Es mussten 22.000 Läuferinnen und Läufer zum Start nach Marathon, da war ich froh, dass ich einfach nur in den Bus steigen musste“, blickt sie zurück.
Auf der Strecke wartete eine echte Herausforderung. Zwölf der historischen 42,195 Kilometer verteilten sich auf dem Weg nach Athen auf eine lange Steigung. Und das beim ersten Mal. Gespickt waren die anstrengenden Schritte mit vielen kleinen Geschichten. „Es waren viele Zuschauer an der Strecke und auch Kinder.“

Neben den Anfeuerungen an der Strecke gab es einfache, aber besondere Geschenke. „Die Kinder haben Olivenzweige an die Läuferinnen und Läufer überreicht, die sie bis nach Athen mitgetragen haben“, erzählt Claus Schlumberger. Bei Temperaturen über 20 Grad war jede kleine Aufmunterung willkommen. Die hügelige Strecke – eine der anspruchsvollsten in der Marathonwelt – forderte auch bei der erfahrenen Anja Langer, die viele Läufer selbst trainiert hat, ihren Tribut. „Auf den letzten Kilometern war es ein einziger Kampf.“ Mit ihren letzten Kräften schleppte sie sich in das antike Stadion, wo es aber noch einmal eine Extramotivation gab. Auf der Tribüne wartete ihr größter Fan. „Sie hat wirklich gelitten, es war eine unglaubliche Atmosphäre mit dem Blick auf die Akropolis, ich habe sie dann ins Ziel gebrüllt“, erzählt Claus Schlumberger.
Große Überraschung bei der Läuferschar der TSG Schnaitheim
Und die Rufe kamen an: „Ich wusste gar nicht, dass er so laut sein kann“, sagt Langer, die im Ziel mit ihrer Zeit von 4:04:40 Stunden nicht ganz zufrieden war. Dafür sei sie anschließend gelöst und „ein anderer Mensch“ gewesen, sagt Schlumberger. Um den außergewöhnlichen Tag gebührend zu beenden, waren die beiden am Abend zu einem Essen mit anderen Läuferinnen und Läufern verabredet. Dabei wirkte der Weg dorthin länger als die 42,195 Kilometer zuvor. „Es war nur ein Kilometer bis ins Hotel, ich bin noch nie so langsam mit meiner Frau gewandert“, sagt Schlumberger. Zwischendurch schickten die beiden ein Bild mit den Finisher-Medaillen an die noch unwissende Laufgemeinschaft in Schnaitheim. Und sorgten damit für große Augen.

„Wir waren total baff und überrascht, es haben sich aber alle unglaublich für sie gefreut“, verrät Simon Abele, Abteilungsleiter der TSG-Leichtathleten. Und nach kurzem Ausruhen waren auch die Beine von Anja Langer wieder in Feierlaune. „Eigentlich wollte ich mit dem Taxi ins Restaurant, wir sind dann aber doch zu Fuß hin“, sagt sie.
Angesteckt vom Marathonfieber ging es für Anja Langer nach einer zweitägigen Pause gleich wieder in die Laufschuhe – mit neuen Zielen. Die aufregenden Stunden in Athen werden wohl nicht die letzten auf der besonderen Langstrecke sein. Für dieses Jahr hat die Schnaitheimerin schon den nächsten Marathon ins Visier genommen. „Dieses Mal soll es ein schneller sein“, sagt sie, „in Berlin oder Frankfurt.“ Dann mit einer besseren Zeit und ganz ohne Versteckspiel in der Vorbereitung.

