Heidenheim / Edgar Deibert Nach mehreren Schlaganfällen kämpfte sich Dieter Seizinger ins Leben zurück und startete über zwei Kilometer.

Wie schnell war ich denn? Habe ich meine Bestzeit unterboten? Und war ich schneller als mein Bekannter XY? Auch beim Heidenheimer Stadtlauf stehen Zeiten im Vordergrund, werden die jeweils schnellsten Athleten gefeiert. Ehre, wem Ehre gebührt. Doch nicht allen Teilnehmern geht es darum. Viele wollen einfach ihre Grenzen austesten, wenn sie über 10 oder gar 21,1 Kilometer bei hohen Temperaturen mit dem inneren Schweinehund kämpfen.

Für Dieter Seizinger war der Stadtlauf eine spezielle Erfahrung – aus einem bestimmten Grund. Ein Skiunfall, bei dem die Schlagader gerissen war, hatte beim Heidenheimer vor neuneinhalb Jahren mehrere Schlaganfälle ausgelöst. „Das hat mich aus dem Leben gerissen“, sagt Seizinger rückblickend. „In Bruchteilen einer Sekunde ist alles weg.“

Seizinger rang um sein Leben und kämpfte sich peu à peu zurück. Der 59-Jährige ist zu 70 Prozent behindert, seine linke Körperseite ist teilweise gelähmt, sein linkes Fußgelenk könne er nicht richtig ansteuern, wie Seizinger es ausdrückt. Zudem ist er von einem Gesichtsfeldausfall betroffen. „Links von meiner Nase nehme ich bis auf einen Meter Entfernung nichts wahr.“

Seizinger ist aber nicht verbittert. Ja, er habe es zunächst einmal verdauen müssen. Dies habe Jahre gedauert. Doch er habe sich auch der neuen Situation gestellt. „Ich bin mit mir selbst im Reinen. Mein neuer Lebensabschnitt ist auch schön“, betont Seizinger. Es sei auch eine Frage der Mentalität. Seine Empfehlung: „Man darf sich nicht ins Kämmerle zurückziehen.“

Seizinger schloss sich einer speziellen Gruppe beim HSB an, in der Menschen nach Schlaganfällen besonders betreut werden (Sport nach Schlaganfällen). Hier kam die Idee auf, beim Heidenheimer Stadtlauf an den Start zu gehen, möglich machte es auch die TSG Schnaitheim (siehe Info).

Seizinger war nicht der Einzige, der mit einem Stock und einer speziellen Schiene zur Sicherung auf die Straße ging. Langsames Gehen wohlgemerkt. Mit dabei war auch Regine Grimm, die ebenfalls nach einem Schlaganfall startete. Peinlich sei dies ganz und gar nicht gewesen. Im Gegenteil, der ehemalige Personalchef des Klinikums schwärmt von der Atmosphäre. „Die Zuschauer wussten das wertzuschätzen, klatschten und jubelten.“

Dabei habe er erst nicht an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen wollen. Schließlich seien nicht bekannte Straßenstellen beunruhigend. Er selbst gehe lieber durch den Wald. Doch der Stadtlauf sei „einfach ein tolles Erlebnis“ gewesen.

Im Vorfeld entschied sich Dieter Seizinger, der von seiner Frau Claudia begleitet wurde, für zwei Kilometer („Eine Entfernung, die ich gut schaffen kann“), die er in knapp 45 Minuten bewältigte. Doch darauf kam es ihm nicht an. „Ich wollte keine Rekorde erzielen, sondern meinen Spaß haben. Ich bin wegen der Eindrücke gestartet, es war bereichernd fürs eigene Leben.“

Athleten mit Handicap erhalten Unterstützung

Dieter Seizinger war früher Personalchef des Klinkums Heidenheim. Heute ist er Patientenfürsprecher und kümmert sich um Patienten, die zu ihm mit ihren Problemen kommen.

Die TSG Schnaitheim („Laufend Neues erleben“) ist in diesem Jahr eine Kooperation mit dem Landratsamt um Behindertenbeauftragte Iris Mack eingegangen, erzählt Jürgen Käder, der die Laufgruppe betreut. Das Ziel: Menschen mit Handicap die Möglichkeit zu geben, beim Stadtlauf anzutreten.

Ins Ziel kamen insgesamt fünf Menschen mit Handicap. Noch sei es zu früh, um sagen zu können, ob es im kommenden Jahr auch so eine Aktion geben wird, so Käder.