Giengen / Mathias Ostertag Nahziel Weltmeister: Mit dem Titelgewinn möchte Sportkletterer Sebastian Halenke im September in Paris seine Profikarriere krönen.
An Selbstbewusstsein mangelt es Halenke nicht. Der 20-Jährige weiß um seine Fitness, um sein Können, auch den Biss, in entscheidenden Momenten und auf den Punkt hin präsent zu sein und sich entsprechend gute Ergebnisse zu erklettern.

Und doch: Die Aussage, dass er bei der Weltmeisterschaft im Lead-Klettern (Schwierigkeitsklettern) Mitte September in Paris nicht nur auf dem Treppchen, sondern dort sogar ganz oben stehen will, dürfte Außenstehende überraschend. Halenke weniger: „Ich traue mir das zu, ich kann das packen. Weltmeister, das ist mein absolutes Saisonziel“, sagt der Giengener.

Den Optimismus zieht der 20-Jährige, der im Jugendbereich schon drei Weltmeistertitel holte, aus der sehr gut verlaufenen Vorsaison, als er erstmals eine komplette Weltcupsaison im Aktivenbereich absolvierte. Und noch mehr komme ihm seine seine Physis zugute, die es ihm erlaubte, auch am entscheidenden Zug vor dem Top-End (also dem finalen Griff) die nötigen Körnchen zu mobilisieren. Die Erkletterung der Bronzemedaille bei der Europameisterschaft im vorigen Jahr in Chamonix habe gezeigt, was möglich ist. „Ich war nah dran am Sieg – und das beim ersten Weltcup-Finale überhaupt.“

Derzeit steckt der Giengener, der sich dank der Rückendeckung seiner Eltern zu 100 Prozent auf seine sportliche Karriere konzentrieren kann, in der Vorbereitung auf die neue Saison. Seit Ende Januar ist er im Training, einen knappen Monat später als in den vorangegangenen Jahren. Doch Halenke ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Sein physisches Grundlevel sei hoch und die WM als Saison-Höhepunkt finde ja erst im September statt, sodass die Leistungskurve zu diesem Zeitpunkt nach oben zeigen soll: „Ich plane voraus, zu welchen Wettkämpfen ich topfit sein will.“

Die ersten sechs Wochen war vor allem Aufbautraining angesagt, derzeit arbeitet Halenke im Maximalkraft-Bereich. Als nächstes steht ein Kraftausdauer-Block an, immer wieder ergänzt durch Yoga-Übungen zur Entspannung und die eine oder andere Einheit in der Wand. Dann geht es schon mal zum Bouldern in die Kletterhalle nach Neu-Ulm oder ins heimische Kellerräumchen. „Ich habe keine direkte Tagesplanung, sondern möchte nur ganz bestimmte Dinge in einer Woche erreichen. Dass ich dieses Jahr noch kein einziges Mal mit dem Training ernsthaft herunterfahren musste, zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Im Vergleich zum Vorjahr will Halenke im Weltcup eine Schippe drauflegen, neben einer erfolgreichen Weltmeisterschaft auch in allen Wettkämpfen vorne mitklettern. „Wenn's gut läuft, klappt es mit der Top 3.“ Im Weltcup sieht der Giengener auch in diesem Jahr die sechs bis sieben Kletterer auf den vorderen Rängen, die schon im Vorjahr die Podiumsplätze unter sich ausgemacht haben. „Es gibt keinen Kletterer, der alles dominiert“, sagt Halenke.

Zu erwarten sei aber, dass der Tscheche Adam Ondra, im vergangenen Jahr Gesamtweltcupsieger und als Weltmeister 2014 auch Titelverteidiger, wieder gute Karten hat. Auch der Franzose Gauthier Supper, letzte Saison nah dran am Gesamtweltcup, zählt zu denen, die vorne erwartet werden. Ebenso sein Landsmann Romain Desgranges. Ältester Konkurrent ist Ramon Julian Puigblanque, dessen größte Erfolge allerdings schon etwas zurückliegen.

„Er ist alt, aber gut“, sagt Halenke, der unter allen Startern, die im Weltcup eine gute Rolle spielen können, der jüngste ist. Zu beachten sei auch der Japaner Sachi Amma und vor allem der Österreicher Jakob Schubert, Gesamtweltcupsieger 2011. „Der, der am Ende oben ankommt, hat Recht“, sagt Halenke und meint damit durchaus auch sich selbst. Die möglichen Heimspiele, von denen er vermutlich aber nur eines wahrnehmen wird, wären beim Deutschland-Cup am 18./19. Juni in Stuttgart, am 25. Juni in München und am 11. September in Neu-Ulm.

Künftig wird Sebastian Halenke seine Trainingsvorbereitung von Reichenbach bei Lahr, einer Stadt in der Nähe von Freiburg, aus angehen. Die Familie wird im Sommer in Richtung Schwarzwald umziehen, weil Halenkes Vater dort einen neuen Job gefunden hat. Der 20-Jährige sieht das durchaus als Vorteil für seine weitere Karriere, ist er nun deutlich näher dran an den schweizerischen und französischen Trainingshallen und auch einigen Freiluft-Kletterwänden, in denen er sich optimal vorbereiten kann. „Schade nur um Giengen, ich habe hier ja gerne gelebt.“