Heuchlingen / Edgar Deibert Als Physiotherapeut ist der 41-Jährige bereits weit umhergereist. Am Samstag, 11. Mai, kehrt Matthias Braunger aus Irland zurück, wo er die deutsche U-17-Nationalmannschaft bei der EM betreute. Aber auch Stars wie Jérôme Boateng gehören zu seinen Kunden.

Große Show? Das ist nicht sein Ding! Ruhig und zurückhaltend erzählt Matthias Braunger von seiner Karriere. „Mir ist die ,Oma Müller‘, die mit 80 Jahren in meine Praxis kommt und zufrieden ist, lieber, als jemand Bekanntes, der die Nase weiter oben trägt“, betont der 41-Jährige. Diese Aussage charakterisiert Braunger wohl am besten.

Dabei behandelte „Mäddes“, wie der Physiotherapeut noch heute in seiner Heimatgemeinde Heuchlingen genannt wird, bereits viele Stars aus der Welt des Sports, aber auch aus der Musikerszene. Da würde so manch einer nach dem „Ich-bin-wer“-Motto abheben. Braunger läuft diese Gefahr allerdings nicht. Was auch an seinem Freundeskreis in den heimischen Gefilden liegt. „Es gibt welche, die es interessiert. Aber es ist nicht so, dass ich die Geschichten meinen Kumpels in Dettingen und Heuchlingen immer und immer wieder erzähle“, sagt er nüchtern. Ähnlich verhalte es sich bei Familienfeiern.

In Irland unterwegs

Dabei lässt Braunger, wenn er denn explizit danach gefragt wird, bei seinen Zuhörer ein Kopfkino anspringen. Bis gestern war er in seiner Funktion als Physiotherapeut mit der deutschen U-17-Nationalmannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft in Irland unterwegs, ehe die deutschen Nachwuchsfußballer das frühe Aus ereilte.

Seit 2010 arbeitet der gebürtige Heuchlinger beim Deutschen Fußballbund (DFB) im Jugendbereich, allerdings ist es kein Fulltime-Job. Braunger ist bei Turnieren oder Einzelspielen dabei, normalerweise betreibt er aber eine Praxis am Ammersee in der Nähe von München. Das letzte große Turnier war die Weltmeisterschaft in Indien 2017. „Da sind wir leider im Viertelfinale gegen Brasilien ausgeschieden“, sagt Braunger. Durch das „wir“ wird deutlich, dass er sich voll und ganz mit der U 17 identifiziert, auch wenn er nicht das ganze Jahr über die jungen Kicker betreut. Und Braunger teilt das Schicksal der Sportler. Drei Wochen war das Team in Indien, viel vom Land gesehen habe Braunger aber nicht. „Man bekommt relativ wenig mit. Man sieht die Stadien, die Trainingsplätze und die Hotels“, bedauert er.

Ähnlich sei es auch beim Algarve-Cup in Portugal gewesen. „Es ist ein herrlicher Flecken Erde, aber du bist von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends im Einsatz. Der Tag ist durchgetaktet. Es ist schon schade. Manchmal ist es mir sogar lieber, wenn wir nicht in ganz so schönen Gegenden sind.“

Und wenn die Spieler mal frei haben, beginne für die Physiotherapeuten die eigentliche Arbeit: Behandeln auch der nicht verletzten Spieler, um die Statik zu verbessern sowie Trainingsvorbereitung. Natürlich sieht Braunger auch positive Seiten. „Im Gegensatz zum Praxisalltag bin ich da an der frischen Luft.“

Kimmich, Gnabry und Brandt

Von der U 15 bis zur U 19 hat Braunger beim DFB alle Jugenden betreut – und dabei so manch einen aktuellen Star kennengelernt. Natürlich verfolge er den Weg der jeweiligen Spieler weiter, sagt Braunger. So hat er schon mit den deutschen Nationalspielern Timo Werner (RB Leipzig), Joshua Kimmich, Serge Gnabry (beide beim FC Bayern), Nico Schulz (TSG Hoffenheim) sowie Julian Brandt (Bayer Leverkusen) gearbeitet. Zudem auch mit den beiden Torhütern Bernd Leno (Torwart bei Arsenal London) und Loris Karius (FC Liverpool, zurzeit ausgeliehen an Besiktas Istanbul) oder Emre Can (beim italienischen Serienmeister Juventus Turin). „Ich vergesse oft die Namen und denke: Mensch, den hast du doch auch schon mal behandelt“, räumt Braunger ein.

Beim DFB werde erwartet, dass die Physiotherapeuten „aktiv“ an Trainingseinheiten teilnehmen. Soll heißen: Nicht rumsitzen, sondern schon in Stehbereitschaft sein, um schnell bei einem Spieler zu sein.

Mit Berti Vogts in Aserbaidschan

Dies kam bei Berti Vogts allerdings nicht so gut an, erzählt Braunger. Parallel zu seinem Engagement beim DFB war der Physiotherapeut 2014 nämlich auch für die Nationalmannschaft Aserbaidschans zuständig, die damals von dem ehemaligen deutschen Nationaltrainer Vogts (Europameistertitel 1996) betreut wurde. Hier signalisierte Braunger – wie er es kennengelernt hatte – Bereitschaft und stand bei Szenen regelmäßig auf, was Vogts ihm aber wieder austrieb. „Er sagte zu mir: Jetzt bleib doch mal sitzen, du machst mich ganz nervös. Du siehst doch, dass da nichts ist‘“, erinnert sich Braunger.

Bei einem Qualifikationsspiel habe Braunger mal ausgeholfen und wurde prompt engagiert. Nun reiste er mehrmals nach Aserbaidschan, in ein Land, dass zwar fußballerisch zum europäischen Fußballverband gehört, aber größtenteils doch ein asiatisches Land sei, wie er feststellte. „Es ist eine ganz andere Kultur. Auch von der Disziplin und vom Trainingseinsatz her, da geht es eher lockerer zu.“

Nach Einschätzung Braungers verdienen die Fußballer dort wie so manch ein Erstligaprofi in Deutschland, fußballerisch sei das Niveau der obersten Liga allerdings eher mit der 3. Liga in Deutschland zu vergleichen. Dementsprechend habe sich sein Engagement für ihn auch finanziell gelohnt, räumt Braunger ein.

Neben Pirlo und Buffon

Doch was viel stärker ins Gewicht fiel: Er nahm mit Aserbaidschan an der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 teil. „Wir haben in Italien gegen die ganz Großen gespielt“, gerät Braunger dann doch ins Schwärmen. Es sei halt schon beeindruckend, wenn man neben Italiens Mittelfeld-Regisseur Andrea Pirlo oder Torwartlegende Gianluigi Buffon laufe. „Ich war dennoch professionell und habe nicht gesagt: ,Oh, Gott, du bist doch der Buffon! Kann ich vielleicht dein Trikot haben?‘“, betont Braunger.

Zudem wäre Aserbaidschan im Oktober 2014 um ein Haar die große Überraschung geglückt: Bis kurz vor Schluss stand es in Palermo 1:1, ehe der große Favorit Italien in der 82. Minute den 2:1-Siegtreffer erzielte. Die Spieler Aserbaidschans hätten sich allerdings so sehr verausgabt, dass sie nur wenige Tage später in Kroatien „die Hucke voll bekommen haben“, erinnert sich Braunger an das 0:6 in Osijek.

Erfahrung mit Berti Vogts und Uli Stein

Aserbaidschan belegte letztlich den vorletzten Platz in seiner Quali-Gruppe und Vogts habe gekündigt, sagt Braunger, für den damit auch sein Engagement beendet war. Mit dem ehemaligen deutschen Nationaltrainer verbinde er nur Positives. Auch heute noch halten die beiden Kontakt. „Er ist ein sehr sympathischer Mensch und hat ein sehr gutes Herz“, sagt Braunger über Vogts. „Die Mannschaft hat er mit einem brutalen Ehrgeiz betreut und es nicht einfach auslaufen lassen. Er wollte da wirklich etwas aufbauen.“

Mit im Team als Torwarttrainer war auch Uli Stein (ehemaliger Bundesligatorwart, unter anderem bei Arminia Bielefeld, dem Hamburger SV und Eintracht Frankfurt). „Uli war ja damals schon so ein Enfant terrible und ist oft angeeckt. Aber auch er ist ein super herzlicher Mensch, wir hatten ein gutes und witziges Verhältnis“, sagt Braunger und fügt eine Anekdote an: „Er hat mich mal geärgert. Und weil ich ihn damals in meinem Panini-Sammelalbum hatte, kam von mir die Warnung:  ,Das Erste, was ich mache, wenn ich heimkomme, ist, dass ich dich aus meinem Album rausreiße.‘“

Insgesamt erinnert sich Braunger sehr gerne an die Zeit mit Vogts & Co. So durfte er mit der Nationalmannschaft Aserbaidschans in San Francisco auch bei einem Freundschaftsspiel gegen die USA unter dem damaligen Trainer Jürgen Klinsmann antreten. Vogts habe zu der Zeit auch als Scout für die US-Auswahl gearbeitet, da Klinsmann eine hohe Meinung von ihm gehabt habe, so Braunger. Und es ging auch mal nach Moskau – wo er hier unter anderem den Roten Platz besuchte. Vogts sei nämlich zwar ehrgeizig, habe aber auch stets Wert darauf gelegt, dass Spieler etwas Kulturelles mitbekommen.

Mit „U 2“ in New York

Braunger ist somit schon weit herumgekommen in der Welt. „Was eigentlich gar nicht meinem Naturell entspricht“, wie er sagt. „Eigentlich bin ich ein sehr heimischer Typ.“ Da passt das Jahr 2014 so gar nicht ins Bild. Ein Bekannter aus der gemeinsamen Zeit beim VfB Stuttgart vermittelte Braunger einen weiteren Job, der alles andere als alltäglich ist.

Im Dezember 2014 ging es für Braunger zunächst nach Irland, wo die irische Band „U 2“ seine Dienste benötigte. Prompt wurde er für den Auftritt von „U 2“ in New York engagiert. Beim Benefiz-Konzert trat die Band zwar ohne ihren verletzten Sänger Bono (hatte einen Fahrradunfall), dafür aber mit Bruce Springsteen und Chris Martin von der Band Coldplay auf. Eine Woche sei er mit der Band unterwegs gewesen, erinnert sich Braunger. Das eine oder andere Bandmitglied habe er behandelt, allerdings nicht Springsteen und Martin.

„Das sind echt sehr bodenständige und sehr sympathische Menschen“, so Braunger, der anfügt: „Meistens sind diejenigen, die etwas erreicht haben, normaler. Ich habe schon Regionalliga- oder Jugendspieler betreut, die die Nase weiter oben hatten.“ Allerdings räumt er humorvoll auch ein: „Eine Zeit lang danach konnte ich das U-2-Lied ,With or Without You‘ nicht mehr hören.“

Freundin stärkt den Rücken

Zudem sei im Gespräch gewesen, dass Braunger auf eine dreijährige Tournee der Band mitgehe. Dies habe sich allerdings aus diversen Gründen nicht ergeben. Unter anderem wollte er alles andere nicht aufgeben und seine Beziehung zu seiner Freundin Jutta Wittlinger, mit der er schon über 18 Jahre zusammen ist, nicht aufs Spiel setzen. „Sie musste viel zurückstecken, hat mir aber immer den Rücken gestärkt. Vielleicht wäre es ihr allerdings lieber, ich hätte eine Praxis in Gerstetten“, so Braunger.

Mit Stars zu arbeiten ist für Braunger fast schon etwas Alltägliches. Ob’s an seinen magischen Händen liegt? Das hört er allerdings nicht so gern, dann handelt man sich auch ein „Um Gottes Willen!“ ein. Im Gegenteil, er sei vielleicht nicht der beste Therapeut. Allerdings sei die menschliche Seite wichtig, betont Braunger. „Der Patient muss sich in erster Linie wohlfühlen.  Wenn die Chemie nicht stimmt, dann kann ich behandeln wie ich will.“

Damals mit den Klitschko-Brüdern

Wie man sich selbst zurücknimmt, möchte Braunger an einem Beispiel deutlich machen. Einige HZ-Leser kennen ihn sicherlich als Physiotherapeuten der beiden Boxer Vitali und Wladimir Klitschko  (2008 bis Anfang 2012). „Die Klitschkos wollten immer, dass ich so einen Gürtel reintrage, da es eine große Ehre vor Kämpfen ist. Ich habe aber abgelehnt, mit der Begründung, dass ich daheim nur ausgelacht werde.“ Und er hätte über sich selbst dann gedacht: „Was für ein Spinner.“ Ein Therapeut sollte immer im zweiten Glied stehen und sich selbst nicht so wichtig nehmen.

Vielleicht kommt diese Art Braunger zugute, schließlich kommen immer wieder Stars auf ihn zu. So machte Braunger vor der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich Bayerns Jérôme Boateng, Weltmeister von 2014, nach einem Muskelbündelriss wieder fit.

Jérôme Boateng „zuvorkommend“

Zweimal am Tag gab es mit Boateng, den Braunger als „lieb und zuvorkommend“ bezeichnet, eine ausführliche Behandlung. Dabei wurde viel an der Statik gearbeitet – Halswirbelsäule, unterer Rücken, ob die Wirbel alle im Lot sind und ob auch organisch alles in Ordnung ist. „Natürlich hat die Verletzung und Muskulatur einen hohen Stellenwert“, führt Braunger an. 2017 sollte er zwar noch einmal mit Boateng zusammenarbeiten, dies habe aber von seiner Seite aus beruflichen Gründen nicht geklappt, sagt Braunger.

Interessanterweise habe seinen engeren Freundeskreis die seiner Meinung nach sehr aufregende Zeit mit den Klitschkos eher weniger interessiert. Dieser sei nicht so sportaffin. „Andere Freunde, die sich für Fußball interessieren, fanden es aber toll, dass ich mit Vogts in Italien gespielt habe“, sagt Braunger. Wegen weiterer Anfragen möchte er allerdings Stillschweigen bewahren, schließlich sei Diskretion Ehrensache. Für Experten, die im zweiten Glied stehen.