Herbrechtingen/Blaustein / Edgar Deibert Der 35-Jährige ist der ranghöchste Handballtrainer im Landkreis Heidenheim. Die schwierige Aufgabe sieht er auch als persönliche Entwicklungschance.

Wie ein Regiepult wirkt der Sprungkasten, den sich Sandro Jooß in der Blausteiner Lixsporthalle am Spielfeldrand hingestellt hat. Darauf liegen eine Magnettafel, mit der verschiedene taktische Varianten gezeigt werden können, und ein Laptop. Mithilfe eines Programms werden Anwesenheit und Trainingsintensität der Spieler erfasst. Zudem geben Jooß’ Schützlinge an, wie ihr Schlafrhythmus ist. Alles wird erfasst, um das Training besser dosieren zu können. Belastungsmonitoring nennt sich das im Profisport.

Und an diesem schnuppern die Handballer des TSV Blaustein nach ihrem Aufstieg in die 3. Liga Süd, einer von vier Drittligastaffeln in Deutschland. Fast die Hälfte der Vereine arbeitet hier am Rande der Professionalität, sagt Jooß. Dem Vernehmen nach haben manche Teams einen Etat von einer halben Million Euro. Der TSV ist dagegen mit einem Etat im untersten sechsstelligen Bereich eher idealistisch aufgestellt.

„Wir machen das, was möglich ist“, so der Herbrechtinger, der das Team seit dieser Saison betreut und damit der ranghöchste Trainer aus dem Landkreis Heidenheim ist. In Blaustein wird auf viele eigene Spieler, die aber auch höherklassig Erfahrung gesammelt haben, gesetzt. So stieg der heutige Spielertrainer Jan Behr 2011 mit dem Bergischen HC in die Bundesliga auf. „Auf dem Niveau haben wenige Teams so viele Spieler, die aus der eigenen Umgebung kommen“, sagt Jooß.

Den Vorgänger abklatschen

In der vergangenen Saison war es relativ früh klar, dass der 35-Jährige, der noch immer in der Nähe der Herbrechtinger Bibrishalle wohnt, die Mannschaft übernehmen wird. Da spielten die Blausteiner noch in der Oberliga Baden-Württemberg. Ob vierte oder dritte Liga, Jooß wollte die neue Herausforderung annehmen und war in den letzten zehn Saisonspielen nah dran am Team.

Überhaupt verbindet ihn mit seinem Vorgänger, Aufstiegstrainer Tim Graf, eine enge Freundschaft. Zusammen spielten sie beim SC Vöhringen, auch heute schaut Graf kurz vorbei und klatscht Jooß ab. Graf möchte sich nun auf seinen Beruf konzentrieren. Der 33-Jährige ist Assistenzarzt, bleibt aber dem TSV als Team-Arzt erhalten. „Das sind natürlich riesige Fußstapfen“, ist sich Jooß der Herausforderung bewusst. Der Aufstieg sei nicht geplant gewesen. Bereits in der Vorsaison seien andere Mannschaften individuell besser besetzt gewesen. Da sein Team im Vergleich zu den anderen körperlich unterlegen ist (bei anderen Mannschaften gibt es zwei Meter große Rückraumspieler), setzt auch der neue TSV-Coach wieder auf eine offensive Deckung. Mit dieser hatten die körperlich überlegenen Gegner in der Aufstiegsrelegation Probleme.

Eine einfache Rechnung: Wer kleiner ist, muss mehr Aufwand betreiben, also läuferisch mehr investieren. „Fit ist meine Mannschaft, da gibt’s überhaupt nichts“, betont Jooß. Bei drei direkten Absteigern sei aber allen bewusst, dass es für Blaustein auch gleich wieder runtergehen könnte.

Vier mal vier Wochen Vorbereitung liegen hinter dem TSV, wenn am Samstag die Saison mit dem Auswärtsspiel beim HC Oppenweiler/Backnang beginnt (20 Uhr). Wie bei Handballern üblich, gab es nach den ersten vier Wochen eine kurze Trainingspause. Jooß nutzt die freie Zeit um komplett runterzufahren. „Das brauche ich zweimal pro Jahr. Ich bin gut erholt und habe neue Energie“, sagt der gelernte Chemiker, der aufgrund der hohen Trainingsintensität (viermal die Woche, in der Vorbereitung auch öfter) den Trainerjob mit seinem Arbeitgeber abgestimmt hat.

SHB-Kapitän wünscht Glück

Mit seinem Heimatverein, der Spielgemeinschaft Herbrechtingen/Bolheim, stieg Jooß 2016 in die Württembergliga auf (die fünfthöchste Klasse in Deutschland), trat aber nach der Saison 2017/18 aufgrund erhöhten beruflichen Aufwands – unter anderem Reisen nach Brasilien – zurück. Inzwischen arbeitet Jooß aber wieder größtenteils in Ulm.

Nun sieht er die 3. Liga als Entwicklungschance für sich und seine Mannschaft. SHB-Kapitän Michael Kling, der selbst in Blaustein gespielt hat, habe ihm nach seiner Verpflichtung sofort Glück gewünscht und gemeint, dass es passt, erzählt Jooß. Auch sonst habe er noch Kontakt zu Spielern der SHB, hauptsächlich dem A-Jugend-Jahrgang, den er 2012 zum baden-württembergischen Meistertitel geführt hat.

Kein Laptoptrainer

Die Frage, ob er denn ein Laptoptrainer ist, verneint Jooß. Und holt wie zum Beweis ein beschriebenes Blatt Papier heraus. „Ich bin auch ein Freund von Zettelwirtschaft“, sagt der TSV-Coach und wendet sich einer neuen Trainingsübung zu.

Sandro Jooß hört am Saisonende als Trainer des Tabellenzehnten SHB auf. Im Interview erklärt der 34-Jährige seine Beweggründe für diesen Schritt – und was er plant.

Untersuchung von Wasser und Böden – Terbeck und Tovmasyan in Blaustein

Bei der Laborgruppe Eurofins Scientific ist Sandro Jooß Gruppenleiter für zwei Bereiche und hat zehn Mitarbeiter. Unter anderem werden dort Obst und Gemüse, Wasser und Böden auf Pestizide untersucht und Messmethoden für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln entwickelt, erklärt der Diplom-Ingenieur (Chemie).

Mit Jan-Philipp Terbeck und David Tovmasyan sind zwei den Handballfans aus dem Kreis bekannte Spieler in der 3. Liga dabei. Terbeck lief einst für den TV Steinheim auf und ist deutscher Vizemeister im Beach-Handball. Tovmasyan trug dank Doppelspielrecht in der vergangenen Saison auch das Trikot der SHB (und von Bad Saulgau).

19 Jahre lang arbeitete Jooß in Herbrechtingen als Trainer, davon war er sechs Jahre Coach der Männermannschaft. Im vergangenen Jahr betreute er zusammen mit Stephan Hofmeister die A-Junioren des VfL Günzburg (Bundesliga).