Herbrechtingen / Edgar Deibert Bei der SHB haben sie angefangen, heute stehen sie für Zweitligist Nürtingen auf dem Platz: Als vor Kurzem beide Teams im Testspiel aufeinandertrafen, war das ein besonderer Moment.

Für einen kurzen Moment schien es wie früher zu sein. Manche würden auch sagen, wie „damals“: Ines Rühle und Carmen Siller gemeinsam auf dem Spielfeld. Ein kurzer Blickkontakt, ein Spruch, gefolgt von Lachen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Dieses Mal trugen sie verschiedene Trikots und traten mit ihren jeweiligen Teams gegeneinander an. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Als Landesligist absolvierte die Spielgemeinschaft Herbrechtingen/Bolheim (SHB) um Ines Rühle ein Testspiel gegen den Zweitligisten TG Nürtingen mit Carmen Siller.

Das „Damals“ klingt weit weg. Seit der D-Jugend spielten Rühle und Siller zusammen, wurden später mit der A-Jugend der SHB württembergischer Meister.
Danach trennten sich die Wege der beiden, die nach dem jüngsten Freundschaftsspiel aber so vertraut miteinander umgingen, als wäre dieses „Damals“ doch nicht so lange her.

„Die ganze Mannschaft hat Talent gehabt, es sind super Mädels“, erinnert sich Petra Rühle gerne zurück. Die Mutter von Ines Rühle war unter Trainerin Sabine Schweda „Co“ und hebt die tolle Zeit hervor.

Anna Klotzbücher ärgert sich

Den Rückraum des damaligen Meisterteams bildete neben Carmen Siller und Ines Rühle auch Anna Klotzbücher, die seit dieser Spielzeit ebenfalls das Trikot der TG Nürtingen trägt. Die heute 25-Jährige verpasste allerdings das große sportliche Wiedersehen in der neuen Bibrishalle aus beruflichen Gründen. „Das hat mich schon sehr geärgert, ich hätte gerne gespielt“, betont sie.

Nach dem Test ließ man abends vor der Bibrishalle die alten Zeiten noch einmal aufleben. „Die Mädels waren von der D-Jugend an ein gutes Team und haben für Handball gelebt“, sagt Carmens Vater, Jürgen Siller.

Die Familie musste mitspielen

Von Anfang an mussten die Familien der Spielerinnen aber auch sehr viel Zeit investieren. Jürgen Siller lässt dabei wie beiläufig die Umschreibung „ein Autoleben“ fallen, sagt es aber mit Stolz im Hinblick auf den großen Zusammenhalt innerhalb der Handballerfamilie – und die dazugehörenden Feste: „Wir Eltern haben uns auch sehr gut verstanden.“

Während Ines Rühle nach ihrer Jugendzeit zu den Aktiven der TSG Schnaitheim (Landesliga) wechselte, ging es für Anna Klotzbücher und Carmen Siller zum TV Holzheim (bei Göppingen) und somit gleich in die Oberliga. Letztere begann eine Ausbildung zur Physiotherapeutin in Günzburg und pendelte dementsprechend bis zu 140 Kilometer täglich.

In vier Jahren kamen so knapp 170 000 Kilometer zusammen, hat Vater Jürgen Siller überschlagen. Einen ähnlich großen Aufwand betrieb auch Anna Klotzbücher, die zwischen Holzheim, Herbrechtingen und ihrer Arbeitsstelle in Göppingen pendelte.

Ab in die höchste Schweizer Liga

Nach dem Aufstieg in die 3. Liga ging Carmen Siller 2016 nach Konstanz und spielte zwei Saisons für Kreuzlingen in der höchsten Liga der Schweiz. Die Leistungsstärke sei mit der in der 3. Liga in Deutschland vergleichbar, sagt sie. Die Topteams hätten aber Zweitliganiveau. An die kurzen Wege und die schöne Landschaft erinnert sich Carmen Siller sehr gerne zurück. Allerdings habe es sie einfach wieder heimgezogen.

In Herbrechtingen lebt sie wieder seit knapp über einem Jahr. Damals gab es ein Angebot von Nürtingen, das sie nach zweimaligem Überlegen annahm. Eigentlich wollte sie sich den Aufwand nicht mehr antun, während der Vorbereitung fährt sie unter der Woche viermal nach Nürtingen, in der Saison dreimal (Fahrtzeit knapp 70 Minuten). Dazu kommen die Spiele am Wochenende. Aber: „Für mich ist es eine Ehre, in der 2. Liga spielen zu dürfen“, sagt sie fast schon demütig.

Aufregung vor dem Spiel in Herbrechtingen

In der vergangenen Spielzeit feierte Carmen Siller mit der TG Nürtingen den Klassenerhalt, nun geht’s für sie in die zweite Saison.  Wieder stehen weite Fahrten nach Berlin oder Bremen an. Und auch bis nach Harrislee an der deutsch-dänischen Grenze. „Ohne meine Familie hätte ich das alles gar nicht gepackt“, ist Carmen Siller überzeugt. „Ich musste schon mit 14, 15 nach Stuttgart oder nach Ruit zu den Auswahltrainings.“

Daher sind solche Wiedersehen wie das in Herbrechtingen eine willkommene Abwechslung. „Ich war vor dem Spiel sehr aufgeregt“, gesteht Ines Rühle, was Carmen Siller nur vehement bejaht.

Beide harmonieren also wie „damals“, auch wenn sich Carmen Siller von Ines Rühle während der Partie folgenden Vorwurf anhören durfte: „Jetzt lauf doch nicht so viel.“ Auf der für sie noch ungewohnten Position Linksaußen spielte Carmen Siller nämlich durch – und erzielte sechs Treffer gegen ihren ehemaligen Verein. Das habe ihr allerdings schon etwas wehgetan.

„Sie war damals schon richtig gut. Ich wusste, dass sie höherklassig spielen wird“, sagt indes Ines Rühle über ihre ehemalige Mitspielerin. „Sie hat einfach den Willen. Dass sie nun in der 2. Liga spielt, ist echt klasse.“ In der Jugend habe Carmen Siller das Team angetrieben, aber auch immer gute Laune verbreitet. „Sie hat uns, zusammen mit Anna, immer mitgezogen, auch wenn wir in Rückstand gerieten. Was aber nicht oft passiert ist“, sagt Ines Rühle.

Spiele im TV verfolgen

Anna Klotzbücher sei zudem sehr bissig gewesen. „Das, was sie sich vorgenommen hat, hat sie auch durchgezogen“, so Ines Rühle, die die Nürtinger Spiele in der vergangenen Saison gerne verfolgt hat. Und da Anna Klotzbücher und Carmen Siller nun wieder zusammen spielen, müsse sie nur noch ein Team verfolgen.

Zur neuen Saison schließt sich nämlich erneut ein Kreis: Nach zwei Spielzeiten für Donzdorf/Geislingen (Oberliga) und einer Saison für Wolfschlugen (Aufstieg in die 3. Liga) wechselt Anna Klotzbücher zum neuen Spieljahr zur TG Nürtingen: „Wenn ich diese Chance jetzt nicht nutze, dann kommt sie vielleicht nie wieder. Für mich persönlich ist es ein Schritt nach vorne,“ begründet sie die reizvolle Aufgabe.

Natürlich ist es auch für sie eine Herausforderung, Beruf und Handball unter einen Hut zu kriegen. Allerdings wohnt Anna Klotzbücher, deren Bruder Till für die SHB aufläuft, mittlerweile in Eislingen und hat es daher nicht ganz so weit nach Nürtingen (knapp 25 Minuten).

Sowohl Carmen Siller als auch Anna Klotzbücher sind in der 2. Liga angekommen, was man natürlich auch bei der SHB mit Bewunderung verfolgt. „Ich bin stolz, dass ich die beiden kenne“, sagt Ines Rühle. So ehrgeizig wie ihre beiden ehemaligen Mitspielerinnen sei sie nie gewesen, fügt die 25-Jährige an, lässt die Möglichkeit einer Wiedervereinigung aber offen: „Vielleicht spielen wir irgendwann mal in einer Seniorenmannschaft zusammen.“

Zwei ehemalige SHBlerinnen auf gleicher Position

In der vergangenen Saison hat Carmen Siller in Nürtingen auf der Position Rückraumlinks und Rückraummitte gespielt. Da eine Spielerin den Verein verlassen hat und eine andere aufgrund einer Verletzung länger ausfällt, läuft Siller nun auf Linksaußen auf.

Auch Anna Klotzbücher, die sonst eher im Rückraum und in der Abwehr zu finden war, ist für die gleiche Position wie Carmen Siller vorgesehen.

In der 2. Liga spielt Nürtingen im Durchschnitt vor knapp 400 Zuschauern. Carmen Siller erhält dabei Fahrtgeld, zudem wird die Ausrüstung gestellt. Beschweren könne sie sich nicht, sagt die 24-Jährige. Zudem könne sie sich durchaus vorstellen, eines Tages wieder das SHB-Trikot überzustreifen.