Interview

Wissenschaftlich erklärt: Wie auf dem Sportplatz die Hemmungen fallen

Vom Dorfplatz bis zum Großstadtduell – immer wieder wird am Rande und im Zusammenhang mit Fußballspielen körperliche Gewalt ein Thema. Der Fußballbezirk versucht, durchaus mit Erfolg, der Lage Herr zu werden. Aber wie sind die Vorgänge wissenschaftlich zu beurteilen? Wir haben uns darüber mit Professor Dr. Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln unterhalten.

Bei vielen Menschen scheint – zumindest was Beleidigungen betrifft – eine Hemmschwelle zu fallen, sobald sie mit Bier und Wurst am Spielfeldrand stehen. Gibt es dafür eine wissenschaftliche Erklärung?

Professor Daniel Memmert: Ja. Es handelt sich um einen klassischen Effekt sozialer Enthemmung. Alkohol reduziert Selbstkontrolle, Gruppen verstärken Emotionen, und der Sportkontext erzeugt starke Identifikation mit der eigenen Mannschaft. Dadurch verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was als akzeptabel gilt. Menschen sagen dann Dinge, die sie im Alltag niemals äußern würden. Man spricht hier von „situativer Normverschiebung“. Kurz gesagt: Die Situation verändert das Verhalten stärker als der Charakter der Personen.

Dann lässt sich das gar nicht komplett verhindern?

Der Alkoholkonsum spielt eine Rolle, hier kann man gegensteuern. Die Emotionen werden sie aber nicht wegbekommen. Weshalb sollte man sonst auch auf den Sportplatz gehen, wenn nicht, um Emotionen auszuleben?

Teilweise geht es da um rassistische Beleidigungen, aber auch sonst fallen viele unschöne Worte. Sollte alles konsequent verfolgt werden oder muss man in dieser Atmosphäre auch mal das „Weghören“ lernen?

Beim Thema Rassismus darf es kein Weghören geben. Null Toleranz ist hier zwingend notwendig. Wissenschaftlich ist klar belegt: Wenn diskriminierende Sprache nicht sanktioniert wird, normalisiert sie sich sehr schnell. Bei allgemeinen Emotionen oder Frustäußerungen ist die Lage differenzierter. Sport lebt von Leidenschaft. Aber sobald Personen gezielt abgewertet oder bedroht werden, ist eine klare Grenze überschritten. Konsequenz schützt langfristig den Amateurfußball.

Oft bleibt es nicht bei Beleidigungen, auch handgreifliche Auseinandersetzungen kommen immer wieder vor. Stellen Sie eine Zunahme fest oder wird einfach mehr darüber berichtet?

Beides spielt eine Rolle. Es gibt Hinweise auf lokale Zunahmen, vor allem dort, wo Vereine strukturell unter Druck stehen oder Schiedsrichter fehlen. Gleichzeitig werden Vorfälle heute deutlich häufiger sichtbar gemacht. Früher blieb vieles am Spielfeldrand. Heute landet es online. Dadurch entsteht subjektiv der Eindruck einer stärkeren Eskalation. Die Wahrnehmung wächst schneller als die tatsächliche Gewalt.

Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule in Köln beschäftigt sich schon lange mit den psychologischen Aspekten von Sport und Fanwesen. Kenny Beele - spofo.de

Sie sprechen die sozialen Medien an, heutzutage kann jeder Fotos oder kurze Filme einstellen. Wozu führt diese übermäßige Präsenz?

Soziale Medien verstärken Konflikte. Sie verlängern das Spiel emotional über den Abpfiff hinaus. Ein Streit endet nicht mehr auf dem Platz, sondern setzt sich digital fort. Gleichzeitig erhöhen Videos den sozialen Druck auf Beteiligte. Das kann abschreckend wirken, aber auch Eskalationen verstärken, wenn Gruppen sich öffentlich gegenseitig beschuldigen. Öffentlichkeit wirkt hier wie ein Verstärker, nicht wie ein neutraler Beobachter.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie dagegen?

Man muss an die Menschen appellieren, es geht um Achtung und Selbstkontrolle. Und es geht auch darum, Verantwortung zu übernehmen. Es gibt Strafen, aber das muss immer das letzte Mittel bleiben.

Oft kracht es bei Spielen, in denen eine Mannschaft einen deutlich höheren Migrationshintergrund hat. Das ist auch im Landkreis Heidenheim immer wieder ein Thema, wobei die Vereine oft beim Gegner die Schuld sehen. Welche Faktoren kommen hier zum Tragen?

Hier wirken mehrere Ebenen gleichzeitig. Erstens Gruppenidentität: Menschen unterscheiden schnell zwischen „wir“ und „die“. Zweitens Kommunikationsprobleme auf und neben dem Platz. Drittens Vorurteile, die schon vor dem Spiel existieren. Konflikte entstehen selten spontan. Meist bringen beide Seiten Erwartungen mit ins Spiel. Entscheidend ist: Migration ist nicht die Ursache von Gewalt, sondern häufig der Kontext, in dem vorhandene Spannungen sichtbar werden.

Geht Ihrer Erfahrung nach die Aggression mehr von einer Seite aus?

Es gibt dazu keine Zahlen, aber nach meinen Erfahrungen hält sich das so ziemlich die Waage.

Wo sehen Sie Ansätze zu einer Lösung? Ein paar Fair-Play-Banner haben bisher nichts geändert.

Banner allein verändern kein Verhalten. Wir wissen aus der Forschung, dass drei Dinge wirken: klare Sanktionen, sichtbare Verantwortung der Vereine und geschulte Spielleitungen. Besonders wichtig ist Prävention im Jugendbereich. Dort entstehen Normen für späteres Verhalten. Außerdem helfen feste Ansprechpartner im Verein für Konfliktfälle. Dafür gibt es übrigens auch Online-Schulungen. Gewalt verschwindet nicht durch Appelle, sondern durch klare Strukturen. Hier hat der Amateurfußball die Chance, dann auch unsere Gesellschaft wieder ein Stück voranzubringen.

Renommierter Sportwissenschaftler

Prof. Dr. Daniel Memmert ist geschäftsführender Institutsleiter und Professor am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln. Von 2009 bis 2016 war er Institutsleiter am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Sporthochschule.

Er promovierte im Jahr 2003 (dvs-Nachwuchspreis, Bronze) und habilitierte sich 2008 an der Elite-Universität Heidelberg (DOSB-Wissenschaftspreis, Bronze). 2014 war er Gastprofessor an der Universität Wien. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation), in der Sportinformatik (Big Data, Mustererkennung und Simulation), in der Kinder- und Jugendforschung, im Bereich der Sportspiel- und Evaluationsforschung sowie in den Forschungsmethoden.