Frank Schmidt blieb auch nach dem Spiel seiner Linie treu und zeigte der Tabelle die kalte Schulter. Aus Sicht des Heidenheimer Trainers sicherlich verständlich: Gerade der bisherige Saisonverlauf mit dem zwischenzeitlich ganz oben stehenden und dann deutlich abgeschlagenen FCH hat offenbart, wie schnell sich Hochrechnungen als Trugschlüsse erweisen können.

Dennoch sei's an dieser Stelle wenigstens einmal erwähnt: Der 1. FC Heidenheim hatte vor zehn Tagen noch 13 Punkte Rückstand auf Spitzenreiter VfL Osnabrück, jetzt fehlen zum Gipfel gerade noch vier Pünktchen.

Abheben, so versicherten Spieler und Verantwortliche nach dem 4:2-Sieg am Samstag in Babelsberg, werde man sicher nicht. Stattdessen wird weiter von Spiel zu Spiel gedacht. „Wir freuen uns auf Münster“, richtet Frank Schmidt den Fokus auf die kommende Aufgaben. Doch ohne in unangebrachte Euphorie zu verfallen, darf auch vermerkt werden, dass es positive Entwicklungen gibt, die darauf hoffen lassen, dass der erfolgreiche Weg nicht wieder abrupt enden wird.

Die Aufgabe in Babelsberg war eine ganz besondere, denn vor den Toren Berlins – das hat sich einmal mehr gezeigt – ist nicht unbedingt ein Publikum zu Hause, das gegnerischen Mannschaften mit übertriebener Höflichkeit begegnet. Inmitten einer aufgeheizten Stimmung nach der frühen gelb-roten Karte für Verteidiger Assimou Toure hat der FCH bemerkenswert ruhigen Kopf bewahrt, blieb seinem Plan treu – selbst als er in Überzahl das 2:2 hinnehmen musste.

Das hat man – gerade in Potsdams größtem Stadtteil – auch schon anders erlebt. Vor zwei Jahren ließ sich der FCH bei eigener Führung ebenfalls in Überzahl noch mit 3:4 aufs Kreuz legen, vorige Saison wurde ein 2:0-Vorsprung noch in ein 2:2 verspielt.

„Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen“, sieht Frank Schmidt bei seiner Mannschaft jetzt „ein anderes Gesicht“. Kein Zusammenfallen, kein Verlust der Ordnung, kein Aufgeben der taktischen Vorgaben: Darin ist einer der Gründe für den ersten Sieg in Babelsberg zu sehen. „Wir spielen auch nach Rückschlägen weiter Fußball“, sagt Schmidt, „verfallen nicht in einen Hurra-Stil und blasen nur lange Bälle nach vorn, sondern lassen den Ball am Boden flach zirkulieren.“

Zweitens: Nach der schwachen Phase der ersten 15 Minuten nach der Pause, als sich der FCH gegen zehn Babelsberger zu tief fallen ließ, fand die Mannschaft auch deshalb zu spielerischer Dominanz zurück, weil die körperliche Verfassung stimmt. Drei Tage vor dem Kräftemessen in der Brandenburger Hauptstadt mussten die Heidenheimer auf extrem schwerem Boden gegen Erfurt einen 0:1-Rückstand umbiegen. Trotz dieser kräftezehrenden Zusatzschicht hatten sie auch in Babelsberg den längeren Atem.

Und drittens schließlich: Der FCH verfügt nicht nur über elf unverrückbare Stammkräfte, sondern weiß einen Nachschub hinter sich, der schnell präsent ist, wenn seine Stunde schlägt. Michael Deutsche und der später eingewechselte Gerrit Müller (Mitvorbereiter des letzten Tores) saßen bei den ersten beiden Spielen dieses Jahres noch auf der Tribüne, jetzt standen sie wieder auf dem Rasen. Und Ingo Feistle, bisher zweimal Reservist, hatte seinen ersten 90-Minuten-Einsatz im Jahr 2013.

Dass so etwas funktioniert, ist nicht nur wichtig fürs interne Klima, sondern auch für das sichere Gefühl, dass bei starker Belastung Einzelner schnell reagiert werden kann. In Babelsberg beispielsweise war Patrick Mayer nicht dabei. „Ihm fehlt augenblicklich etwas die Frische“, erläuterte Schmidt. Deshalb durfte der Stürmer zu Hause bleiben und in einem Testspiel der „Zweiten“ aushelfen. „So etwas ist ganz normal“, sagt Schmidt.

Nicht normal war für ihn am Samstag allenfalls eines: Sein Babelsberger Trainerkollege Christian Benbennek ging höchst seltsam mit der Entwicklung des Spieles um, ließ seinen Frust ungefiltert in Richtung Heidenheimer Trainerbank ab. „Er hat uns das ganze Spiel über beleidigt. Man kann sich mal fetzen oder mal anschreien, aber wenn man Worte wählt, die ich hier nicht zitieren kann . . .“, war Schmidt fassungslos.

Aber nur dieses eine Mal.

SV Babelsberg – FCH 2:4 (1:2)

Babelsberg: Löhe – Kühne, Evljuskin, Reiche, Toure – Kragl (76. Essig), Groß, Hartmann, Koc – Kreuels (46. Mihm), Albrecht (46. Göttel)

FCH: Sabanov – Malura, Göhlert, Kraus, Feistle – Strauß (78. Bagceci), Wittek, Titsch-Rivero (67. Endres), Schnatterer – Thurk, Deutsche (67. Müller)

Tore: 0:1 Malura (13.), 1:1 Kreuels (14.), 1:2 Strauß (35.). 2:2 Mihm (60.), 2:3 Bagceci (89.), 2:4 Schnatterer (90.)

Gelbe Karten: Toure – Titsch-Rivero, Bagceci

Gelb-rote Karte: Toure (21., wiederholtes Foulspiel)

Schiedsrichter: Sönder (Kiel)

Zuschauer: 1775