Schnaitheim / Edgar Deibert Die Schnaitheimerin zeigt mit ihren 63 Jahren auf den Plätzen der Region noch immer an, wo es langgeht.

Schiedsrichterin. Die einzige weit und breit. Na und? Elke Steinke macht nicht viel Aufhebens darum. Seit 1997 behauptet sie sich in der Männerdomäne Schiedsrichterei, pfeift Jugend-, Damen- und auch Herrenspiele. „Manche sagen, ich bin eine eher kernige Frau“, sagt die Schnaitheimerin, die für den SV Mergelstetten pfeift. Früher ist sie Motorrad gefahren und habe sich auch schon damals bei den Männern durchsetzen müssen. Zwei Hondas mit einem Hubraum von 250 und 500 ccm, eine Yamaha 650 ccm und eine Suzuki 750 ccm nannte sie ihr eigen.

Auf den Mund gefallen ist Steinke jedenfalls nicht. „Wenn ich gut drauf bin, dann gibt’s schon einen Spruch. Wenn die Buben immer alles besser wissen, dann sage ich manchmal: Wir brauchen junge Schiedsrichter. Ich melde dich an. Dann sind sie meistens ruhig“, erzählt die passionierte Fußballerin.

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An diesem Tag leitet Steinke die Damenpartie SG Ebnat/Waldhausen gegen den FC Härtsfeld. Bereits auf dem Weg zu ihrer Kabine gibt es den einen oder anderen humorvollen Wortdoppelpass mit den Trainern. Sie solle doch rosa wie letzte Woche nehmen, sagt ein Coach im Hinblick auf den möglichen Dress der Schiedsrichterin. Steinke nimmt diesen Witz gerne auf. „Meinst du, deine Spielerinnen sehen mich dann?“ – „Ja, dann kriegst du auch ab und zu einen Ball zugespielt.“

Auf dem Sportplatz quasi aufgewachsen

Schön wär’s. Viele Jahre ist Steinke selbst dem Ball nachgejagt, war aber auch lange Torhüterin (siehe Infokasten). Sie sei auf dem Sportplatz „quasi aufgewachsen“. Bis sie vor einigen Jahren schweren Herzens aufgehört hat. Mit fast 50 wohlgemerkt! „Es ist noch immer so, dass ich mitkicken will“, räumt sie ein. „Aber man braucht Schiedsrichter.“

Bereits vor dem Anpfiff ist Steinke in ihrem Element. Alle Fußballerinnen müssen aufgeschrieben werden, auch die Auswechselspielerinnen. „Damit keiner bescheißen kann“, sagt die gelernte Zeichnerin (Voith) – und lacht. „Dann habe ich auch noch meine Arschkarte, wie es so schön heißt“, fügt sie an. Ja, auch Schiedsrichter sagen zur roten Karte Arschkarte. Weiter geht’s auf den Platz. Ist er bespielbar? „Falls nicht, wäre das schlecht“, sagt Steinke trocken. Hat der Ball genug Luft? Gibt es Löcher in den Tornetzen? Alles Routine.

Vor dem Anpfiff macht Steinke aber dann doch etwas Außergewöhnliches. Sie betreibt Werbung und zählt einigen Fußballerinnen die Vorteile der Schiedsrichterei auf. „Es wäre toll, wenn ich noch ein paar Mitstreiterinnen hätte. Viele Mädchen haben Angst“, weiß Steinke. „Ich sage dann immer: Ihr geht auf den Platz und ihr seid dann der Chef. Ohne euch geht’s nicht.“ Sie selbst habe sich das, als sie in die neue Situation gekommen ist, von Anfang an gesagt: „Ich bin der Chef! Die Spieler können schreien und tun, was sie wollen.“

Selbstbewusstsein gehört dazu

Das klingt ganz schön selbstbewusst. Und das müssen Schiedsrichter auch sein. Schließlich geben sie 22 Individuen die Richtung vor und können dabei – in den unteren Klassen zumindest – keine Hilfe von außen erwarten. Und Alleinkämpfer können es nicht allen recht machen.

Dabei weiß Steinke, dass Erfahrung ungeheuer wichtig ist. „Ich glaube, mit 17 hätte ich es auch nicht so gepackt, wie jetzt. Ein 17-Jähriger ohne Erfahrung hat Probleme, sich durchzusetzen. Teilweise liegt das auch den Zuschauern, die versuchen abzulenken.“ Und sie selbst? Was macht sie in solchen Situationen? „Wenn Zuschauer schreien, dann schreie ich zurück: Mach doch selber den Schein und pfeif. Dann sind sie auch ruhig. Irgendwas fällt mir immer ein“, sagt Steinke.

„Ich bin kein Gecko“

Ähnlich mache sie es auch auf dem Platz. Ein Spielführer habe sich mal bei ihr beschwert, dass irgendwas hinter ihr passiert sei. Sie habe erwidert: „Tut mir leid, was ich nicht sehe, kann ich nicht ahnden. Und ich bin auch kein Gecko.“ Der Kapitän habe dann selber lachen müssen. „Die Spieler merken, dass ich kein junger Anfänger bin, sondern auch stramm auf dem Platz stehe und ab und zu auch meine Meinung sage.“

Insgesamt sei sie zufrieden, sagt Steinke, schiebt aber nach: „Es ist nicht mehr so schön wie früher, es ist herber geworden. Aber mir macht’s noch Spaß. Ich weiß mich zu wehren.“ So richtig brenzlig sei es allerdings nie gewesen, sie sei auch nie körperlich angegangen worden, sagt Steinke. Dabei verlässt sie sich durchaus auf ihre lockere Art. Auch seien noch keine Gegenstände geflogen, sagt Steinke im Hinblick auf die Zuschauer. Dann würde sie aber wahrscheinlich gleich aufhören. „Da hört’s bei mir auf.“

Mittendrin statt nur dabei

Während der Spiele ist Steinke immer mittendrin im Geschehen. Möglichst in Ballnähe, lautet ihre Devise. „Das ist immer mein Anliegen. Ich will möglichst nah dran sein.“ Die 63-Jährige weiß, dass das teilweise Kritik gibt, dass manche Unparteiischen die Partien in der Nähe des Mittelkreises verbringen.

Mittendrin statt nur dabei kann aber auch gefährlich sein. Steinke bekam den Ball auch schon mal in den Rücken geschossen („der Schiedsrichter ist ja eigentlich Luft, aber irgendwie auch nicht“) und einmal ging ihre Brille nach einem Treffer mit dem Ball kaputt. „Danach hatte ich richtig Kopfschmerzen. Aber da schüttelt man sich kurz und steckt es weg“, sagt Steinke rückblickend.

Beim Kartenverteilen sei sie eher großzügig, im Spiel zwischen Ebnat/Waldhausen und dem FC Härtsfeld kommt Steinke ohne Karte aus. „Das liegt an meiner Erfahrung als Fußballerin, eine gewisse Härte gehört dazu.“

Und was pfeift sie am liebsten? „Eher Jugend und Männer. Frauen sind ganz schwierig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, die 35 Jahre, die ich aktiv war als Spielerin und Trainerin“, erklärt Steinke und meint damit, dass es bei den Frauen verbal häufig ruppiger zugehe. Männer seien dagegen „human“. Einmal habe sie ein Lob von einem Trainer bekommen, nachdem das Spiel seines Teams zum ersten Mal von einer Frau gepfiffen wurde: „So anständig waren meine Jungs noch nie.“

Steinke hat noch nicht „fertig“

Früher hätte sie nie gedacht, dass sie mal Schiedsrichterin wird, sagt Steinke. „Ich habe aber daran Gefallen gefunden. Ich will noch ein paar Jährchen machen, bis die Jungen nachrücken.“ In der Halbzeitpause wird sie von einem Vereinsfunktionär gefragt: „Wie lange pfeifst du noch?“ Steinke weiß, dass die Frage auf ihr Karriereende abzielt, kontert aber: „Wie lange? Noch 45 Minuten!“ Sie selbst will bestimmen, wann sie aufhört. Um dann, eines Tages, ihren Lieblingsspruch zum letzten Mal anzubringen: „Habe fertig!“

Einst für den SV Mergelstetten und den TV Steinheim

80 aktive Unparteiische (und 43 passive) hat die Schiedsrichtergruppe Heidenheim. Seitdem Sybille Schiele (FC Härtsfeld) vor eineinhalb Jahren eine Pause eingelegt hat, ist Elke Steinke die einzige Schiedsrichterin.
Die Aufwandsentschädigung ist in einer Tabelle festgehalten. Für Spiele in der Bezirksliga gibt es 30 Euro, für Kreisligapartien 25 Euro (bei den Herren). Für Damenspiele gibt es in der Bezirks- und Kreisliga jeweils 20 Euro. Für A-Junioren-Begegnungen erhalten Schiedsrichter 18, ab der Verbandsstaffel 25 Euro. Bei den A-Juniorinnen immer 13 Euro. Dazu kommt immer Fahrtgeld (30 Cent pro Kilometer). Die Spesen werden allerdings zum 1. Juli erhöht.

Mit 22 Jahren kam Elke Steinke zum Fußball. Sie trug die Trikots des SV Mergelstetten und des TV Steinheim und spielte als Verteidigerin und Torhüterin.

Eine Zeit lang trainierte sie nach der Übungseinheit bei den Frauen auch bei den Männern (AH) mit. „Wegen des Tempos, die haben eine ganz andere Spielart“, sagt Steinke, die auch mit ihrer Tochter Claudia in Mergelstetten zusammenspielte. Beim SVM beendete Elke Steinke auch ihre Karriere.

Als Trainerin betreute Steinke Mädchenteams (B- und C-Jugend), als Torwartcoach auch Jungenmannschaften (B- bis D-Jugend).

Wegen des Alters pfeift Steinke Spiele nicht höher als zur Bezirksliga. Manchmal sind auch Partien mit Beteiligung ehemaliger Mitspielerinnen dabei.

Von den Schiedsrichter-Spesen kauft Steinke gerne Kleinigkeiten für ihre Enkelin Shayenne. „Es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt sie. Steinke könnte sich auch vorstellen, selbst wieder zu spielen. „Hinten als Organisator. Ich müsste nur gut trainieren und ein paar Gramm abnehmen, damit ich mithalten kann.“

Einen Neulingskurs bietet die Schiedsrichtergruppe Heidenheim im Juli an. An neun Schulungsabenden im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Heidenheim können Interessierte den Schiedsrichterschein erwerben. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.srg-heidenheim.de, anmelden kann man sich unter srg-heidenheim@web.de ed