Ausgerechnet auf der Zielgeraden einer eindrucksvollen Fußball-karriere mit drei Heidenheimer Aufstiegen hat den 31-Jährigen eine Grippe „voll erwischt“. Zehn Tage lag der gebürtige Chemnitzer flach, zwischendurch stieg das Fieberthermometer auf fast schon bedrohliche 40 Grad. „Seit gestern kann ich das Bett verlassen und wieder ein bisschen im Haus umherlaufen“, berichtete Göhlert am Dienstag. Mit Trainieren werde es diese Woche aber wohl nichts mehr.

Die Hoffnung, zum Abschied am Sonntag im Heimspiel gegen den VfL Bochum (15.30 Uhr, Voith-Arena) vielleicht doch noch für einen kurzen Augenblick auf dem Spielfeld zu stehen, hat er gleichwohl noch nicht ganz aufgegeben. Zumindest will er sich noch einmal im Stadion zeigen, auch wenn es vielleicht nicht mehr zum Einsatz reicht.

347 Pflichtspiele in Meisterschaft und Pokal

„Klar bin ich traurig, dass es jetzt so gekommen ist. Aber das ist nun mal nicht beeinflussbar. Ich kann mich ja nicht gesundhexen“, sagt Göhlert, dessen Entschluss, die Karriere als Profifußballer zu beenden, in der Winterpause gereift war

Mit dem langjährigen Leistungsträger in der FCH-Innenverteidigung geht am Sonntag fraglos ein Stück jüngerer Heidenheimer Fußball-Geschichte zu Ende. 347 Pflichtspiele in Meisterschaft und Pokal hat er absolviert, 39 Tore erzielt. Als er 2005 kam, hieß sein Klub noch HSB und spielte in der Oberliga. Mit Göhlert gelang der Aufstieg in die Regionalliga, in die 3. Liga und schließlich in die 2. Liga.

Dort, in der zweithöchsten Spielklasse, wird er als dienstältester Spieler im Profikader eines Vereins geführt. Mit Saisonende werden es elf Jahre sein, die er für den FCH auflief. Das sind zwei Jahre mehr als beim Bochumer Patrick Fabian, dem Braunschweiger Ken Reichel und Jan-Philipp Kalla vom FC St. Pauli, die es gemeinsam mit jeweils acht Jahren für ihre Klubs auf Platz zwei dieser Dauerbrenner-Liste schafften.

Noch mit Frank Schmidt zusammen gespielt

Tim Göhlert ist auch der einzige Spieler im aktuellen FCH-Kader, der noch mit dem jetzigen Trainer Frank Schmidt gemeinsam auf dem Spielfeld stand. „Tim ist so etwas wie der letzte Mohikaner aus Oberliga-Zeiten. Er ist stets mit den Aufgaben gewachsen, hat immer Leistung gebracht, ist ein intelligenter Spieler, der sicher nicht der Prototyp Profifußballer ist“, sagt Schmidt über seinen einstigen Abwehrchef, der jahrelang als Vize-Kapitän zu seinen wichtigsten Bezugspersonen im Team gehörte. Was Schmidt mit letzterem meint? „Nicht jeder schafft es, die Doppelbelastung Profifußballer und Staatsexamen unter einen Hut zu bringen.“ Auf Göhlert sei jedenfalls immer zu 100 Prozent Verlass gewesen.

Unvergessene Momente prägten seine Karriere auf dem Rasen. Göhlert köpfte beispielsweise gegen den Wuppertaler SV 2009 das erste Heidenheimer Drittliga-Tor. Und es gab auch bittere Momente. Den Schienbeinbruch im ersten Saisonspiel 2010/11 bei Carl Zeiss Jena beispielsweise, der ihn neben einer Achillessehnen-Operation noch zu Regionalliga-Zeiten zur einzigen langen Verletzungspause zwang.

Göhlert: „Es geht knallhart um Zweikämpfe und Fehler“

Den Aufstieg in die 2. Liga nennt er als größtes Ereignis seiner Profikarriere. Zugleich sagt er aber auch, er sei „fast ein bisschen sauer auf die 2. Liga.“ Dort gehe es weniger um gute Pässe oder schönes Kombinationsspiel, sondern knallhart um Zweikämpfe und Fehler. Das sei seinem Spiel nicht zuträglich. Bei aller erforderlicher Disziplin liebt Göhlert auch die Leichtigkeit, die er aber unter dem zunehmenden Leistungsdruck immer mehr vermisste.

Die letzten eineinhalb Jahre kam er nicht mehr regelmäßig zum Einsatz, musste sich häufig mit der Reservistenrolle begnügen. „Ich war da, wenn ich gebraucht wurde. Aber egal wie ich spielte, ich musste wieder auf die Bank zurück. Das war auf Dauer für mich eine zu belastende Rolle“, sagt er.

Deshalb entschloss er sich im Winter, die Laufbahn zu beenden und sich künftig dem Arztberuf zu widmen. Auch familiäre Gründe beeinflussten ihn, diesen Schritt zu tun. Seine Tochter wird in diesem Jahr eingeschult. Da sei es gut, wenn man zeitlich nicht mehr ganz so gebunden sei, wie das als Fußballprofi oft der Fall war.

Fußballprofi war kein Traumjob

Dass er zuletzt nicht mehr erste Wahl war, trug er mit Fassung, wenngleich er einräumte, auch mal enttäuscht gewesen zu sein und nicht jede Entscheidung verstanden zu haben: „Aber ich bin nicht der Typ, der sich öffentlich aufregt. Ich habe einfach versucht, im Training weiterzumachen.“

Fußballprofi, war das ein Traumjob für ihn? „Ne, war er nie“, antwortet Göhlert überraschend klar. „Das wollte ich zweitens auch nie werden und drittens finde ich es sensationell, dass es geklappt hat“, ergänzt er. Er habe sich nie dazu gezwungen gefühlt, „weil ich immer wusste, dass ich auch was anderes machen kann“. Er habe einfach nur „meine Sache durchgezogen.“

Mit gleicher Konsequenz will er jetzt in seine zweite Karriere als Arzt starten. Erst einmal ist allerdings Urlaub angesagt, „um runterzukommen vom Leistungsdruck.“; Ab 1. August will er dann mit einer 50-Prozent-Stelle in die arbeitsmedizinische Praxis von Dr. Prinz in Heidenheim einsteigen. Parallel sucht er noch eine 50-Prozent-Stelle für den Fachbereich innere Medizin - möglichst in der Nähe von Ulm, denn dort wohnt er nach wie vor mit seiner Familie.

Die Fußballkarriere des Tim Göhlert wird freilich am Sonntag noch nicht zu Ende sein. „Ich muss weiterspielen“, sagt er nach all den Jahren, wenn auch auf bescheidenerem Niveau. Zwischen Kreisliga und Regionalliga sei da im Grunde alles denkbar. Aber auch hier will er erst während seines Urlaubes letzte Klarheit bekommen. Ein Tim Göhlert überlässt eben selten etwas dem Zufall - auch außerhalb des Rasen-Rechtecks.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel stammt aus dem HZ-Archiv und wurde erstmals im Mai 2016 publiziert.