Willi Landgraf hat 508 Spiele in der 2. Liga bestritten. Einige davon zusammen mit Frank Schmidt. Deswegen kennt der Trainer des 1. FC Heidenheim die Stärken seines ehemaligen Mitspielers nur zu gut (Schmidt war von Juli 1998 bis Januar 2003 bei Aachen, Landgraf von Juli 1999 bis Juli 2006). Auch deswegen hat der Heidenheimer Coach nach der 0:3-Heimniederlage des FCH gegen RB Leipzig bei seinem Team mehr „Willi-Landgraf-Mentalität“ gefordert. Wie der Geehrte, der beim FC Schalke 04 als Trainer arbeitet, es empfunden hat, beschreibt er im Interview.
Herr Landgraf, Frank Schmidt hat in seinem Buch „Unkaputtbar“ eine Szene vor einem Heimspiel von Alemannia Aachen im März 2000 folgendermaßen beschrieben: „Willi hat das Weiße in den Augen, gleich geht es hier richtig los…“
Willi Landgraf: (lacht) Bei uns auf dem Tivoli war es etwas Besonderes. Da pumpt das Herz noch einmal mehr. Ich war vor Spielen natürlich sehr fokussiert. Und ich war ein bisschen verrückt. Da konnten manchmal selbst meine Mitspieler Angst vor mir bekommen. (lacht)
Im Buch heißt es auch: „Neben mir Willi ,das Kampfschwein‘ Landgraf. Willi, der ,Mister 2. Liga‘, nur 1,66 Meter groß, aber jeder Zentimeter geballte Energie.“
(lacht laut) Da hat der Lange mich schon gut beschrieben. Groß war ich nicht, aber ich brannte förmlich auf dem Platz. Manchmal ist das auch ein Vorteil für meine Arbeit im Jugendbereich. Ich bin ein Beispiel dafür, dass man auch als kleiner Spieler viel erreichen kann. Meine Spieler sollten aber nicht auf meine roten und gelben Karten schauen, die ich bekommen habe. In dem Punkt bin ich ausnahmsweise kein Vorbild. (lacht)
Nach der 0:3-Niederlage des 1. FC Heidenheim gegen Leipzig hat Frank Schmidt Sie erneut prominent während der Pressekonferenz erwähnt. Er wünschte sich mehr „Willi-Landgraf-Mentalität“. Fühlen Sie sich geschmeichelt?
Natürlich. Es gibt heute wenige Spieler, wie ich damals einer war. Ich freue mich, wenn ich Jungs sehe, die mit Willen, Herz und Leidenschaft Fußball spielen. Da geht mir mein Herz auf. Ich war nie in einem Nachwuchsleistungszentrum, habe anfangs bei kleineren Vereinen gespielt und musste mir viel selbst erarbeiten. Heute wird den Nachwuchsspielern vieles abgenommen – was generell nicht schlimm ist. Es kommt aus meiner Sicht aber auf den richtigen Mix an.
Viele Medien, so zum Beispiel die Heidenheimer Zeitung oder der „Kicker“, haben Schmidts Wunsch in die Überschrift übernommen: „Mehr Willi-Landgraf-Mentalität“. Frank Schmidt hatte folgendes über Sie gesagt: „Der wusste immer, da ist ein besserer Spieler, der auf ihn kommt. Aber er hat ein besseres Spiel gemacht. Weil er nie Angst hatte, weil er jeden Zweikampf zu einhundert Prozent angenommen hat.“ Wie haben Sie von dieser Huldigung erfahren?
Der Lange hat mir ein Foto von einem Artikel aus der Heidenheimer Zeitung geschickt. Ich habe ihm geantwortet: Danke, Langer. Und ich habe ihn gefragt: Aber du machst heute nicht frei, oder? Denn nach so einer Niederlage wie der gegen Leipzig, bei der Mentalität, Wille und Power gefehlt haben, geht das nicht. Da hat der Lange recht: Du musst gegen solche Mannschaften eben in anderen Bereichen besser sein.

Für Sie ist Frank Schmidt immer nur „der Lange“?
Was soll ich sonst zu ihm sagen, wenn ich neben ihm stehe? Er ist über 1,90 Meter groß. (lacht) Deswegen war er in der Offensive stärker und hat Kopfballtore gemacht. Defensiv waren wir aber gleichstark.
Wurde Frank Schmidt bei Alemannia Aachen von allen Mitspielern so genannt?
Nein, nur von mir.
Wie oft haben sie beide noch Kontakt?
Wir schreiben uns immer mal wieder. Ich würde mit meiner Familie auch gerne mal wieder hinfahren. Das ist aber nicht ganz so einfach, weil wir verschiedene Urlaubszeiten haben. Ich weiß aber, dass in der Nähe von Heidenheim das Legoland ist. (lacht) Ein schönes Ziel für meinen Sohn Noah und meine Tochter Ella.
Was war Ihr Eindruck von Frank Schmidt, wie würden Sie ihn beschreiben?
Als sehr ruhig und als Kapitän sachlich. Aber wenn es nicht gelaufen ist, hat er seinen Kopf gerade gemacht, dann hat es knack gemacht und ich wusste: Jetzt kommt eine Ansage. (lacht) Außerdem konnte Frank nur schlecht verlieren.
Bekannt ist, dass Frank Schmidt auch im Mau Mau immer gewinnen will…
Bei uns war es Backgammon. Das haben wir bis in die Puppen gespielt. Wenn der Lange mal verloren hat, wollte er gleich noch einmal spielen und gewinnen. Er war wie besessen.
Gab es zuletzt noch Berührungspunkte zwischen Ihnen und Frank Schmidt?
Ich schaue hin und wieder mit einem Auge auf Heidenheim und freue mich, wenn der Lange mit seinem Team gewonnen hat. Am intensivsten war unser Austausch zuletzt wegen Leo Scienza. Er hat bei uns in der U23 gespielt. Als er später nach Heidenheim kam, habe ich dem Langen gesagt, dass Leo ein anderer Spielertyp ist, bei dem er über viele Sachen hinwegsehen muss. Das fällt dem Langen schwer, aber ich habe ihm prophezeit: Leo wird es dir zurückzahlen. Und das hat er im Rückspiel der Relegation in Elversberg auch getan.
Werden Sie und Frank Schmidt sich eines Tages als Trainer gegenüberstehen?
Ich bin im Jugendbereich tätig. Das ist mein Bereich, das interessiert mich. Dadurch bin ich mit meinen 57 auch jung geblieben… (lacht)
Gibt es etwas, was Sie von Frank Schmidt außerhalb des Fußballplatzes gelernt haben?
Dass man beim Grillen die Würstchen vorher einschneiden soll. Das habe ich vorher immer falsch gemacht. (lacht)
Willi Landgraf: Eine neue Position bei Schalke 04
Willi Landgraf ist der neue Cheftrainer der U16 des FC Schalke 04. Zuvor war der ehemalige Profi Co-Trainer bei der U23. Während seiner Laufbahn absolvierte er 508 Spiele in der 2. Liga, ein Rekord im deutschen Fußball (Rot-Weiß Essen, FC 08 Homburg, FC Gütersloh und Alemannia Aachen/insgesamt 14 Tore). Im März 2004 besiegte Aachen im Viertelfinale des DFB-Pokals den FC Bayern München mit 2:1. Im Pokalfinale mussten sich die Aachener um Willi Landgraf dem Meister Werder Bremen geschlagen geben, qualifizierten sich aber so für den UEFA-Cup. Heute lebt Willi Landgraf mit seiner Frau Nadine und den Kindern Noah (11) und Ella (4) in Gelsenkirchen.


