Er kam über links: Als talentierter Spieler sorgte Philip Heise beim 1. FC Heidenheim in zwei Spielzeiten für Furore. Gleich in seiner ersten Saison gelang ihm mit dem FCH der Aufstieg in die 2. Liga – auch weil der Außenverteidiger mit ausgeprägtem Vorwärtsdrang am viertletzten Drittliga-Spieltag bei der SV Elversberg per Freistoß zum 1:1-Endstand traf und die Heidenheimer dadurch den vorentscheidenden letzten Punkt holten. Nach einer Saison mit dem FCH in der 2. Liga wagte Heise den Sprung zum VfB Stuttgart, der am Sonntag zu Gast in der Voith-Arena ist (19.30 Uhr). Auf dem Weg zum Training bei der Venlose Voetbal Vereniging Venlo (Fußballgemeinschaft Venlo), die in der 2. niederländischen Liga spielt, hatte der gebürtige Düsseldorfer sichtlich Spaß beim Interview.
Herr Heise, dieses eine Tor am 9. April 2014 zum 1:1 in Elversberg: Verblassen die Erinnerungen daran allmählich?
Philip Heise: Nein, keineswegs. Es ist eine schöne Erinnerung, die eine große Bedeutung hat. Nicht unbedingt das Tor an sich, sondern der damit verbundene Aufstieg in die 2. Liga mit dem FCH. Denn: Wenn nicht ich das Tor gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. (lacht)

Es folgte eine Saison in der 2. Liga mit dem FCH, dann ging es für sie zum VfB Stuttgart: Mussten Sie den Sprung wagen?
Emotional wäre ich sehr gerne in Heidenheim geblieben. Aber sportlich habe ich stets nach der nächsten Herausforderung gesucht. Ich hatte nie Angst davor, es ist eine Challenge für einen selbst. Und womöglich ist es besser, einen Verein auf dem persönlichen Höhepunkt zu verlassen, bevor der Verein dich verlässt. (lacht)
Pavel Dotchev, Frank Schmidt, Alexander Zorninger, Christian Eicher, Jens Keller, Daniel Farke – nur um einige Ihrer Trainer zu nennen: Da waren einige besondere Coaches dabei, oder?
Auf jeden Fall, jeder hatte seine Qualitäten. Aber ich muss schon sagen, dass Frank Schmidt mir am meisten geschenkt hat.
Wie meinen Sie das?
Das erste Gespräch in Heidenheim werde ich nie vergessen. Bei Preußen Münster war ich vor meinem Wechsel zum FCH zwei Jahre lang kein Stammspieler. Frank Schmidt und Holger Sanwald waren so überzeugt von mir. Sie haben in mir etwas gesehen, was viele zuvor nicht gesehen haben. Das hat mir als jungen Spieler, ich war ja erst 21, imponiert. Ich fand das richtig cool. Ich habe danach zu meinem Berater gesagt: Wie kommen sie auf mich und wieso wollen die mich haben? Nur kurz vorher hatte ich fast schon überlegt, mit Fußball aufzuhören und eine Ausbildung anzufangen. Und dann habe ich in der ersten Drittligasaison alle 38 Spiele für Heidenheim gemacht, ohne eine Minute zu verpassen. Frank Schmidt hat mir dieses Selbstvertrauen vermittelt – und ich konnte es mit Leistung zurückzahlen.
Hat Frank Schmidt Sie als damals junger Spieler nie genervt?
Nein, wir hatten eine tolle Beziehung. Okay, er war so eine Art Feldwebel, wie wir früher gesagt haben. Aber er ist ja auch ruhiger geworden. Und naja, am Anfang habe ich mich manchmal wie ein Playstation-Spieler beim Spiel Fifa gefühlt, weil er immer genaue Vorstellungen hatte, wo ich wann zu stehen und wann ich wohin zu laufen hatte. Dann habe ich immer gesagt: Franky, lass das doch mal, bitte. Da kommen meine eigenen Ideen zu kurz. (lacht)
Wie viele Trainer waren es, wissen Sie es?
(fängt an aufzuzählen) Mit den Interimstrainern waren es bei den Profis 18. Bei der ersten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf habe ich unter Norbert Meier nur mittrainiert. Dann wären es 19. Also schon einige. (lacht)

Es waren auch einige Vereine und einige Wechsel (und einige Leihen) dabei: Warum sind Sie nie länger bei einem Verein geblieben?
Weil ich immer wieder den nächsten Schritt machen wollte oder durfte. Und manchmal habe ich einen Schritt zurückgemacht, um zwei Schritte wieder nach vorn machen zu können. Beim Karlsruher SC hatte ich mich sehr wohlgefühlt, mein Vertrag wurde aber nicht verlängert. Also bin ich zu Dynamo Dresden gewechselt – und wir sind in die 2. Liga aufgestiegen.
Zwischenzeitlich ging es für Sie mit Norwich City sogar bis in die Premier League...
Ja, wobei ich dort und auch schon eine Saison zuvor in der 2. englischen Liga keine Rolle gespielt habe. Es war dennoch eine tolle Erfahrung.
Am 14. September 2019 standen Sie aber im Kader, im Heimspiel gegen Manchester City mit Trainer Pep Guardiola – und Stars wie David Silva, Kevin de Bruyne, Ilkay Gündogan oder Sergio Agüero: Was war das für ein Tag?
Ein toller Tag. Gegen Pep Guardiola hatte ich schon einmal mit dem VfB Stuttgart in der Allianz Arena gespielt, als er damals Bayern-Trainer war. Nach dem Spiel gegen City habe ich das Trikot von Riyad Mahrez (Afrika-Cup-Sieger mit Algerien 2019, Champions-League-Sieger 2023 mit Manchester City und fünfmaliger englischer Meister) bekommen.
Wo befindet sich das Trikot jetzt?
(lacht) In einer Kiste, zusammen mit anderen Trikots. Ich muss noch sortieren. (lacht)

Inzwischen spielen Sie bei Venlo in der zweiten niederländischen Liga: Wie kam es dazu?
Meine Frau Jenny und ich wollten mit unseren drei Kindern in die Heimat. Ich komme aus Düsseldorf, Jenny aus der Nähe von Düsseldorf. Wir haben ein Haus gebaut – und ich pendle jetzt etwa 45 Minuten nach Venlo. Eine wesentliche Verbesserung im Vergleich zu meiner letzten Saison in Dresden. Jenny und die Kinder sind in Karlsruhe geblieben – und ich bin an freien Tagen die 550 Kilometer von Dresden nach Karlsruhe gependelt. Es war ein Kraftakt, der aber mit dem Aufstieg versüßt wurde.
Bei Venlo sind Sie Innenverteidiger – und das, bei Ihrem Offensivdrang…
(lacht) Ja, das ist schon witzig. Vor allem, wenn man mich von früher kennt. Aber die Niederländer stellen gerne einen Linksfuß als linken Innenverteidiger auf. Ich wurde gefragt, ob ich es mir vorstellen kann. Und es läuft gut. Ich werde im Juni 35, wir haben aber eine sehr junge Mannschaft. Wenn ich nicht die Ordnung halte, dann keiner. (lacht) Vieles mache ich mit Auge und Cleverness. Aber ja, manchmal merke ich schon, dass ich den Drang habe, mich stärker ins Offensivspiel einschalten zu wollen.
Wie lange wollen Sie noch spielen?
Solange es geht. Die Zeit als Spieler bekommt man nicht zurück. Und es sieht gut aus, ich brauche noch ein paar Spiele, dann verlängert sich mein Vertrag um eine weitere Saison.

Was verbindet Sie noch mit dem 1. FC Heidenheim?
Es gibt noch lose Kontakte, zum Beispiel zu Frank Schmidt oder Marc Schnatterer. Auch mit ehemaligen Spielern wie Smail Morabit oder Adriano Grimaldi stehe ich in Verbindung. In der Fußballwelt ist es so: Wenn man sich mal sieht, dann ist es wie früher. (lacht)
Am Sonntag spielt der FCH gegen den favorisierten VfB Stuttgart, einen anderen Ex-Verein von Ihnen: Glauben Sie an eine Heidenheimer Überraschung?
Dem FCH traue ich alles zu. Wobei Stuttgart natürlich sehr stark ist.
Wie lautet Ihr Tipp?
2:1.
Wie ist Ihre Einschätzung zur sportlichen Situation des FCH?
Es ist nun einmal so, dass man nie umsonst ganz unten steht. Natürlich habe ich keine Glaskugel, ich drücke aber die Daumen, dass es mit dem Klassenerhalt klappt. Drei Jahre Bundesliga, das ist schon der Wahnsinn. Seit Frank Schmidt Trainer ist, war der Verein immer erfolgreich. Jetzt gibt es das erste Mal so etwas wie eine Delle am Auto. Das würde ich nicht überbewerten. Und: Der FCH gibt niemals auf.
Trainerausbildung mit ehemaligen Spielern
Abseits des Fußballplatzes nimmt Philip Heise am „Player’s Pathway-Programm“ des Deutschen Fußballbundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) teil. Es ist ein Trainerlehrkurs, um die UEFA C- und B-Lizenz zu erlangen. Neben Heise sind ehemalige Profis wie Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Marco Russ (Eintracht Frankfurt), Sebastian Polter (unter anderem Union Berlin) oder Pascal Groß (Werder Bremen) dabei.
Mit seiner Frau Jenny hat Philip Heise drei Kinder: Noel (9), Romeo (7) und Lola (4).
Für Leonidas Stergiou ist das Spiel am Sonntag zwischen dem 1. FC Heidenheim und dem VfB Stuttgart ein besonderes. Der 23-Jährige ist bis Saisonende vom VfB an den FCH ausgeliehen. FCH-Torhüter Diant Ramaj wurde einst in der Jugend des VfB ausgebildet. Patrick Mayer, ehemaliger FCH-Torjäger und aktuell Trainer der Heidenheimer U19, kommt ebenfalls aus der Stuttgarter Jugend und spielte auch für die zweite Mannschaft des VfB in der Regionalliga Süd.


