Und täglich grüßt das Murmeltier: „Jede Woche das Gleiche“, behalf sich Niklas Dorsch mit Galgenhumor, als er nach der 0:2-Heimniederlage des 1. FC Heidenheim gegen den Hamburger SV in die fragenden Gesichter der Journalisten blickte. Mal wieder hatte sich der FCH viel vorgenommen, Trainer Frank Schmidt hatte angekündigt: „Wir müssen liefern. Fertig.“ Mal wieder hatten die Heidenheimer über längere Phasen gut mitgehalten, waren sogar teilweise das bessere Team. Und doch stand der Tabellenletzte am Ende mit null Punkten da. Mal wieder.

Der 1. FC Heidenheim verliert 0:2 gegen den Hamburger SV
Der Rückstand auf den Relegationsplatz hat sich um einen Punkt vergrößert. Positiv ausgedrückt: Auf den ersten Nichtabstiegsrang ist der Rückstand gleichgeblieben (ebenfalls sechs Zähler). Allerdings hat sich das Torverhältnis weiter verschlechtert. Der FCH müsste sieben Punkte aufholen, lautet auch die Rechnung von Coach Schmidt. In der vergangenen Saison hatten der VfL Bochum und Holstein Kiel ebenfalls nur 21 Punkte nach 21 Spieltagen und eine ähnlich desaströse Tordifferenz – beide stiegen letztlich direkt ab.
Da müssen wir ehrlich sein. So wird es schwierig, ein Spiel zu gewinnen.
Marnon Busch, Verteidiger des 1. FC Heidenheim
Was macht also Hoffnung nach zuletzt acht Spielen ohne Sieg (sechs Niederlagen, zwei Unentschieden)? Zum einen ist es die Selbstreflexion der Akteure. Beschönigungen hört man von niemandem. „Es ist Wahnsinn, wie schnell und einfach wir aktuell Gegentore bekommen. Wir sind im Angriff, verlieren den Ball vorn. Das ist viel zu einfach“, sagte zum Beispiel Marnon Busch zum 0:1 (45.+3).

Zugleich läuft’s beim FCH vorn nicht: „Wenn man heute wieder sieht, wie viele Chancen wir haben“, brachte es der 31-Jährige im Hinblick auf die vergebenen Tormöglichkeiten auf den Punkt. „Sinnbildlich war für mich: Es kommt ein Querpass, wir treten über den Ball im Sechzehner. So einfach, wie wir Gegentore bekommen, umso schwerer ist es, dass wir vorn mal Tore schießen“, sagte der Rechtsverteidiger über die sehr gute Chance von Budu Zivzivadze in der 78. Minute. Und mehr: „Da müssen wir ehrlich sein. So wird es schwierig, ein Spiel zu gewinnen“, so Busch.
Dabei sei der FCH kurz davor gewesen, den Ausgleich zu machen. „Manchmal hast Du viele Chancen und triffst das Ding nicht. Es ist wahrscheinlich ein bisschen normal, in der Phase, in der wir sind“, erklärte Stefan Schimmer, dessen Tor zum 1:2 aufgrund einer knappen Abseitsentscheidung nicht gegeben wurde. Der Stürmer ließ aber auch einen entscheidenden Satz, über den Gegner, fallen: „Die nutzen ihre Chancen eiskalt.“
Wir haben es mal wieder verpasst, in den richtigen Momenten zuzuschlagen. Die Chancen waren wieder da.
Niklas Dorsch, Spieler des 1. FC Heidenheim
Etwas, was auf die Heidenheimer seit geraumer Zeit so gar nicht zutrifft. Dabei konnte der FCH, personell betrachtet, gar nicht stürmischer auftreten. Frank Schmidt hatte an Offensivkräften aufgeboten, was ging. „Wir haben es mal wieder verpasst, in den richtigen Momenten zuzuschlagen. Die Chancen waren wieder da“, fasste Niklas Dorsch, der selbst die erste gute Heidenheimer Tormöglichkeit hatte, nüchtern zusammen. „Wir müssen die wenigen Möglichkeiten, die wir haben, im letzten Drittel besser ausspielen“, so der 28-Jährige.

Dorsch bezog sich teilweise auf letzte Pässe, sein Trainer hob aber etwas anderes hervor: „Der letzte Pass ist zuletzt richtig gut gekommen. Auch heute“, erklärte Frank Schmidt und nahm den Querpass auf Budu Zivzivadze als Beispiel: „Budu ist frei beim Abschluss, der muss den Ball halt treffen“, so der FCH-Coach. Nur wenige Sekunden nach dieser Aktion fiel auf der anderen Seite das 0:2.
Überhaupt zählte Schmidt Heidenheimer Torchancen der vergangenen Partien auf – und auch die Spieler, die sie vergaben: Marvin Pieringer, Mikkel Kaufmann oder Arjon Ibrahimovic. „Alles Stürmer, die Chancen haben, das Tor aber nicht machen“, bedauerte Schmidt. Niklas Dorsch betonte allerdings: „Die Jungs haben die Qualität.“

Was ist also dann das Problem? „Abstiegskampf ist insgesamt einfach eine große Kopfsache“, erklärte Patrick Mainka. „Jeder Spieler muss individuell mit Druck umgehen“, so der Kapitän. „Bei Offensivspielern sieht man es immer wieder: Da kommt viel über das Selbstvertrauen. Das haben wir bislang nicht geschafft aufzubauen. Da hilft es auch nicht, wenn du im Training alles reinballerst. Da weiß jeder: Im Spiel ist es eine andere Situation“, erklärte der 31-Jährige. Es gelte, den berühmten Knoten zum Platzen zu bringen. „Das ist eine unfassbar schwere Aufgabe, die mit viel Arbeit im Kopf zu tun hat“, sagte Mainka, der ein Beispiel gab: „Wir bekommen kurz vor der Pause durch einen Konter das 0:1. Natürlich rattert’s dann im Kopf. In der Pause bauen wir uns wieder auf, kommen gut raus, dann killt uns das 0:2. Leider Gottes laufen so unsere Spiele in dieser Saison ab.“
Am Herausspielen von Torchancen, zumindest in diesem Jahr, liegt’s nicht. Jeder einzelne Offensivspieler hatte genügend Chancen, Tore zu erzielen.
Frank Schmidt, Trainer des 1. FC Heidenheim
Beim 2:3 in Dortmund vor einer Woche hatte der FCH immerhin zwei Tore gemacht. „Das war Jule Niehues – und der ist Defensivspieler“, brachte es Frank Schmidt auf den Punkt und schob nach. „Am Herausspielen von Torchancen, zumindest in diesem Jahr, liegt’s nicht. Jeder einzelne Offensivspieler hatte genügend Chancen, Tore zu erzielen“, betonte der 52-Jährige. Die Forderung des FCH-Coaches: „Da müssen die Offensivspieler das Herz in die Hand nehmen und Verantwortung übernehmen.“ Die Einstellung möchte Schmidt dabei nicht absprechen: „Sie probieren alles.“
Gegen den HSV vergaben auch Defensivspieler, vorwiegend nach Standards, gute Möglichkeiten. Oder wie Marnon Busch es knackig formulierte: „Das Scheißding (der Ball) wollte nicht rein.“ Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Hamburger SV mit Daniel Heuer Fernandes einen überragenden Torhüter in seinen Reihen hatte, wie Hamburgs Trainer Merlin Polzin erklärte. Oder wie es HSV-Kapitän Miro Muheim formulierte: „Unfassbar, wie er die Bälle da herausgefischt hat.“
Jetzt steht der FCH wieder vor einer Trainingswoche (am Sonntag, 15. Februar, geht’s zum FC Augsburg), in der vor allem auch viel Kopfarbeit gefragt sein wird. Marnon Busch betonte: „Ich bin jeden Tag in der Kabine, arbeite mit den Jungs. Ich weiß, dass da keiner aufgeben wird. Egal, wie oft es in die Fresse gibt diese Saison. Es geht immer weiter.“ Aufgeben sei keine Option, sagte auch Niklas Dorsch. Vielleicht täte aber weniger Verbissenheit in dieser Situation gut. Um aus der emotionalen Negativspirale herauszukommen.


