2. Liga / Sandra Gallbronner 28 Besucher der Voith-Arena wurden nach dem Spiel des FCH gegen Kiel am Mittwoch von der Polizei festgehalten. Nun gibt es zahlreiche Beschwerden – von Fans wie vom Verein.

Damit hatte wohl kaum ein Besucher der Voith-Arena gerechnet: Nach dem Spiel des 1. FC Heidenheim gegen Holstein Kiel am Mittwochabend kontrollierte die Polizei Fußballfans vor der Osttribüne. In einer Pressemitteilung erklärt die Polizei, gezielt gegen „mutmaßliche Gewalttäter“ vorgegangen zu sein. Dabei hätten sich die Beamten auf Mitglieder einer Gruppe aus dem Umfeld des Heidenheimer Fußballclubs konzentriert. Vermutlich handelt es sich dabei um Mitglieder der aktiven Fanszene.

Das Ziel der Beamten: „Die Täter von fast 100 Straftaten“ zu ermitteln, die im Verdacht stehen rund um Spiele des FCH Pyrotechnik gezündet, Beamte beleidigt und sich an „Ausschreitungen“ in Sandhausen beteiligt zu haben. Dazu hat die Polizei eine Ermittlungsgruppe gebildet, die zahlreiche Videos, auf denen die mutmaßlichen Täter zu sehen seien, ausgewertet hat.

Nach dem Fußballspiel am Mittwoch kontrollierten die Beamten gezielt Personen aus der Gruppe, die eine Ähnlichkeit mit den Personen aus den Videoaufnahmen haben. Schlussendlich wurden die Personalien von 28 Menschen festgestellt, die anschließend einen Platzverweis erhielten.

Junger Fan wird festgehalten

Eine von ihnen ist Romina Sabetta. Dabei habe sie mit der aktiven Fanszene nichts zu tun, sondern sei ein ganz „normaler“ FCH-Fan, der sich gemeinsam mit Freundin und Familie häufig Heim- sowie Auswärtsspiele des Vereins anschaut, erzählt sie. Dennoch geriet die junge Frau ins Visier der Beamten. „Am Ausgang haben mich zwei Polizisten fest gepackt und zu einem Polizeiwagen gebracht“, sagt die 19-Jährige. Dort musste sie sich ausweisen. Mit einer Nummer in der Hand sei sie von vorne sowie der Seite fotografiert, sagt Sabetta. „Ich habe mich wie ein Schwerkrimineller gefühlt.“

Doch warum das alles? Auf ihre Nachfragen, habe sie keine Antwort erhalten, so Sabetta weiter. „Es wurde mir nur unfreundlich mitgeteilt, dass ich strafrechtlich in Erscheinung getreten sei.“ Ihr Anruf bei der Heidenheimer Polizei gestern Vormittag brachte endlich Licht ins Dunkel. Der Vorwurf: Bei dem FCH-Auswärtsspiel ins Kaiserslautern im Mai 2018 habe die 19-Jährige Pyrotechnik gezündet. Das sei mittels Videoaufnahmen nachweisbar. Nun wird Sabetta bei der Polizei Heidenheim vorgeladen, betont aber: „Ich stand nur nah beim aktiven Fanblock. Aber ich bin unschuldig.“

Auch Sabettas Freundin Janine Kley geriet in die Polizeikontrolle. „Es war eine Verwechslung und ich durfte schnell wieder gehen“, sagt die 23-Jährige, die allerdings geschockt ist über das ihrer Meinung nach rabiate Vorgehen der Polizisten. „Es ist eine Frechheit wie provokant die Polizisten aufgetreten sind“, so Kley.

„Ich wollte einfach nur raus“, fügt ihre Freundin Sabetta an. Sie selbst müsse nun mit einer Anzeige, einem Stadionverbot oder einer Geldstrafe rechnen. Egal was kommt, sie möchte dagegen vorgehen. Zurück bleibe Unverständnis: „Obwohl ich nur den Verein unterstützen wollte, musste ich um meine Sicherheit bangen“, sagt Sabetta.

FCH war nicht informiert

Überrascht über die Personenkontrollen war auch der FCH selbst, wie es in einer Pressemitteilung des Vereins heißt: „Der 1. FC Heidenheim war bedauerlicherweise über die groß angelegte Ermittlungsmaßnahme der Polizei im Vorfeld nicht informiert worden, obwohl man sich in den letzten Wochen sowohl mit den Behörden als auch mit der aktiven Fanszene jeweils im intensiven Austausch zur Aufarbeitung der Vorkommnisse befindet.“

Als unverhältnismäßig bewerteten auch Angelo Bianco und Markus Kaiser vom Fanprojekt Heidenheim den Polizeieinsatz nach dem Spiel gegen Kiel: „Die komplette Ost- und Südtribüne wurde mit zahlreichen Polizeifahrzeugen und weit über 100 Polizisten, Pferden und Polizeihunden komplett abgesperrt. Selbst Flucht-Tore wurden auf Anweisung der Polizei verschlossen“, heißt es in ihrer Stellungnahme.

Irritiert seien die Sozialarbeiter über die von der Polizei genannten Zahl von knapp 100 Straftaten. Ihr Erklärungsversuch: Beim Zünden von Pyrotechnik im Stadion werde den jeweils umliegenden 40 bis 50 Personen die Unterstützung der Tat vorgeworfen.

Zum von der Polizei genannten Fall in Sandhausen erklären Bianco und Kaiser: „ Das ist äußerst abenteuerlich, da wir selber vor Ort waren und bestenfalls von einer zweistelligen Anzahl Beteiligter sprechen können.“

Zudem kritisieren die Sozialarbeiter das Vorgehen der Polizei am Mittwochabend: „Aus pädagogischer Sicht führt das zu einer Radikalisierung weiterer Fans, die sich ungerecht behandelt fühlen“, heißt es in ihrer Stellungnahme. Die Heidenheimer Fanszene sei friedlich und kreativ: „Als Sozialarbeiter mit den Fußballfans hier in Heidenheim müssen wir uns in diesem Fall vor unsere Fanszene stellen und dem gezeichneten Bild von gewaltbereiten Fußballfans, die vor nichts zurückschrecken, entgegenwirken.“

Unverhältnismäßiger Einsatz?

Ebenso verständnislos äußert sich der FCH in seiner Mitteilung: „Das Fehlverhalten von Einzelnen bei Spielen in der Vergangenheit rechtfertigt aus Sicht des 1. FC Heidenheim, bei allem Verständnis für den Ermittlungsdruck der Behörden, nicht solch ein massives Auftreten gegenüber rund 2000 Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche.“

Der FCH nehme die „zahlreichen Beschwerden“ von Zuschauern zum Anlass, die Gespräche mit der Polizei und der aktiven Fanszene in vermittelnder Rolle fortzusetzen. Wie die Sozialarbeiter des Fanprojekts stehe auch der FCH zu all seinen Fans, die Gewalt und gefährliches Handeln im Stadion ebenso wenig dulden. Hierzu zählt der Verein auch explizit die aktive Fanszene.

Beschwerden hagelt es auch im Internet. So haben sich auf der Facebookseite der Heidenheimer Zeitung noch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag viele empörte Fußballfans zu Wort gemeldet. Die HZ erreichten auch Leserbriefe zu diesem Thema.

Die Polizei möchte nun überprüfen, ob sich der Verdacht gegen die Kontrollierten erhärtet. Bis ein Ergebnis vorliegt, werde allerdings noch einige Zeit vergehen. Die Polizei aber sieht sich mit ihren Maßnahmen auf dem richtigen Weg, heißt es in ihrer Pressemitteilung. So solle „den sportbegeisterten Besuchern der Spiele mit ihren Familien ein ungefährlicher Besuch im Stadion ermöglicht und gleichzeitig Gewalttäter, die auch vor Angriffen gegen Polizisten nicht zurückschrecken, konsequent zur Verantwortung gezogen werden“. Die Polizei werde „angesichts der Vorgänge rund um die Spiele des 1. FC Heidenheim auch künftig mehr Präsenz zeigen“.

Romina Sabetta und Janine Kley wollen sich von dem Vorfall nicht einschüchtern lassen. Beim DFB-Pokal-Spiel des FCH gegen Bayer Leverkusen am Dienstag möchten sie wieder in die Voith-Arena gehen. Dennoch habe der Vorgehen der Polizei Spuren hinterlassen: „Wir gehen mit gemischten Gefühlen und Respekt ins Stadion“, sagt Kley.

Was wird der Heidenheimer aktiven Fanszene vorgeworfen?

Für etwa 100 Straftaten rund um mehrere Spiele des Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim im vergangenem Jahr sollen Mitglieder der Heidenheimer aktiven Fanszene nach Erkenntnissen der Polizei verantwortlich sein.

Im Mai 2018 wurde zum Beispiel im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern Pyrotechnik abgebrannt.

Ende November seien zudem bei einem Marsch von etwa 200 Personen durch Heidenheim aus der Menge heraus Polizeibeamte beleidigt worden, heißt es in der polizeilichen Mitteilung weiter. Zwei Tage später wurde in der Voith-Arena ebenfalls Pyrotechnik gezündet, wozu sich die Täter aber vermummt hätten.

Anfang Dezember waren Heidenheimer Aktive mutmaßlich in eine Auseinandersetzung am Rande eines Spiels in Sandhausen verwickelt. Aktuell laufen Ermittlungen der Polizei, um rund 80 der Täter noch zu identifizieren.