Heidenheim / Thomas Grüninger Der 20-jährige Neuzugang spielt bislang eine starke Saison beim 1. FC Heidenheim, kehrte jetzt von zwei U-20-Länderspielen zurück und verrät, was ihn noch mit dem FC Bayern verbindet.

Ohne Frage ist Niklas Dorsch einer der Shooting-Stars der bisherigen Zweitliga-Saison des 1. FC Heidenheim. Der 20-jährige Oberfranke konnte sich im defensiven Mittelfeld als Nachfolger von Marcel Titsch-Rivero auf Anhieb einen Stammplatz erobern und hat wesentlichen Anteil an der spielerischen Entwicklung beim FCH. Diese Woche war er neun Tage mit der deutschen U-20-Nationalelf unterwegs, die Länderspiele in Italien (3:3) und in England (0:2) bestritt.

Wie lief es für Sie in den beiden Spielen in Sassuolo und Colchester?

Beim 3:3 in Italien wurde ich erst in der 82. Minute eingewechselt. Das war so mit Frank Schmidt abgesprochen, weil ich ja zuvor auf St. Pauli einen längeren Einsatz hatte. Der Plan war, dass ich gegen England von Anfang an spiele. So war es dann auch.

Sie standen in der Startelf, wurden aber zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt . . .

Ja, genau. Wir lagen zu diesem Zeitpunkt 0:2 zurück, der Trainer wollte deshalb die Offensive nochmals verstärken. Zudem hatte ich schon früh die Gelbe Karte gesehen und musste entsprechend aufpassen.

Wie fällt nach diesen beiden Spielen Ihr Gesamtfazit aus?

Es war auf jeden Fall eine interessante Reise. So oft kommt es ja nicht vor, dass man innerhalb einer Woche gegen Italien und England spielt. In Colchester beim England-Spiel herrschte eine Super-Atmosphäre, 8000 Zuschauer im Stadion, die gegen dich sind, das hat seinen Reiz. Man merkte aber auch, dass uns die Engländer körperlich überlegen waren. Wenn wir in der ersten Halbzeit unsere zahlreichen Chancen nutzen, dann sieht das Ergebnis anders aus. Der Bundestrainer war trotz der 0:2-Niederlage mit der spielerischen Leistung sehr zufrieden.

Spielen Sie in der U 20 die gleiche Rolle wie beim FCH?

Es ist ähnlich. Ich habe bei der U 20 sicherlich ein bisschen mehr Verantwortung, weil ich dort mit meinen 20 Jahren schon zu den Älteren gehöre.

Was bedeutet es für Sie, in die U 20 berufen zu werden?

Es ist schon Wahnsinn, wenn man die Chance bekommt, für sein Land zu spielen. Das realisiert man im ersten Moment noch gar nicht, erst später wird einem bewusst, zum Beispiel gegen England gespielt zu haben. Ich bin aber überzeugt: Hätte ich den Schritt hierher nach Heidenheim nicht gemacht, dann wäre es gar nicht so weit gekommen.

Läuft es aus Ihrer Sicht in Heidenheim bislang optimal?

Optimal? Ich weiß nicht, ob man das sagen kann. Optimal wäre, wenn wir Erster wären (lacht). Als ich kam, hatte ich ein Bundesligapiel absolviert, wovon ich mir mit Sicherheit nichts kaufen kann, ansonsten spielte ich nur in der Regionalliga. Wenn man dann so aufgenommen und unterstützt wird, ist das für mich überragend. Ich denke, das konnte ich auch auf dem Spielfeld zurückgeben. Hier kämpft jeder für jeden. Das kannte ich in der Form bisher nicht. Beim FC Bayern war es so, dass jeder ein Stück weit für sich selbst spielte.

Wenn man von einem Klub wie Bayern München zum 1. FC Heidenheim wechselt, ist das nicht ein bisschen so, als gehe man vom Supermarkt in den Tante-Emma-Laden?

Solche Fragen habe ich schon öfter gehört. Aber ich sehe es persönlich genau anders herum. Beim FC Bayern war ich ein Regionalliga-Spieler, vielleicht der 25. Mann im Profikader. Ich bin den Schritt von der Regionalliga in die 2. Liga gegangen, nicht in erster Linie den Schritt von München nach Heidenheim.

Wieso hat es bei den Bayern nur zu einem Bundesliga-Einsatz gereicht?

Unter Carlo Ancelotti hatten es die jungen Spieler prinzipiell schwerer. Bei Jupp Heynckes war es anders. Da war ich einmal im Profitraining, danach hat er zu mir gesagt: Du trainierst jetzt fest bei uns mit. Aber der Kader bei Bayern ist natürlich groß, gespickt mit Weltklassespielern. Es ist doch unwahrscheinlich, dass der Trainer sagt: Ribery, bleib du mal zu Hause, ich nehme den Dorsch mit. Auch jetzt ist die Situation nicht anders. Einige junge Spieler haben einen Profivertrag bekommen, aber keiner hat bisher ein Spiel gemacht. Ich wollte nicht einfach nur eine Nummer sein.

Aber dann kam der erste Bundesliga-Einsatz. Hat Sie das nicht noch einmal ins Wanken gebracht?

Nein. Im ersten Interview nach dem Spiel habe ich gesagt, ich sei trotzdem überzeugt, dass mein nächster Schritt nicht beim FC Bayern sein wird. Ich wusste die Situation richtig einzuordnen. Bei dem Tor konnte ich nach dem Pass von Sandro Wagner nicht mehr sehr viel falsch machen. Ein Spiel und ein Tor konnten an meiner Entscheidung nichts ändern.

Hätten die Bayern gerne mit Ihnen verlängert?

Es gab Gespräche. Aber schon Mitte der vergangenen Saison war ich mir vollkommen sicher, dass ich was Neues will.

Wäre es nicht die erste Option gewesen, bei einem anderen Bundesligaverein anzuheuern statt in der 2. Liga?

Das wäre doch das Gleiche in einer anderen Farbe gewesen. Ich wollte einfach zu einem Verein, bei dem ich die faire Chance bekomme, zu spielen. Nach dem ersten Gespräch in Heidenheim war ich mir sofort sicher: Hier bin ich richtig. Ich wollte nicht irgendwo die Nummer 20 sein und dann halt in der zweiten Mannschaft spielen.

Haben Sie noch Kontakt zu einigen Profi-Kollegen vom FC Bayern München?

Zu Mats Hummels, zu Joshua Kimmich. Das sind übrigens alles Jungs, die ich zum gleichen Friseur gebracht habe. Sie haben mich gefragt: Dorschi, wohin gehst du zum Haareschneiden? Da habe ich gesagt: Kommt mit. Seitdem gehen wir da zu viert oder fünft hin. Ach ja, zu Sandro Wagner habe ich auch noch Kontakt. Der hat den gleichen Berater wie ich. Er ruft ab und zu an und fragt, ob alles okay ist.

Wie sehen Sie Ihre eigene Entwicklung seit Sie beim FCH spielen?

Wenn ich mein erstes Spiel in Heidenheim mit meinem letzten Spiel vergleiche, merke ich einen Riesenunterschied. Ich habe ein ganz anderes Gefühl, viel mehr Selbstvertrauen, viel mehr Sicherheit. Vor allem im Spiel mit dem Ball haben wir uns gut weiterentwickelt.

Wie sehen Sie den bisherigen Saisonverlauf für den FCH?

Natürlich gab's auch ein paar Spiele, in denen wir mehr hätten holen können. Aber wir sind sehr häufig in Führung gegangen. Das heißt, wir verstecken uns nicht. Und wenn man dann doch den Ausgleich kassiert, kann man in dem Moment gut damit umgehen, wenn die Art und Weise unseres Auftritts stimmt. Ich denke, das war fast immer der Fall.

Wo steht der FCH am Saisonende?

Wir müssen so weitermachen wie bisher, dürfen nicht nachlassen, müssen sogar noch was draufpacken. Dann gelingt es uns eines Tages auch, nach einem 1:0 nachzulegen oder einen knappen Vorsprung zu halten. Die Entwicklung muss weitergehen. Dann wird man ja sehen, wo wir am Ende stehen.

Sie haben drei Jahre Vertrag beim FCH. Aber Ihr Ziel wird es sicherlich sein, in der Bundesliga zu landen . . .

. . . am liebsten mit dem FCH.