„Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ – Mit dieser Frage wird Ines Husic schon ihr ganzes Leben konfrontiert. Heute greift die 23-jährige Fußballerin genau solche Vorurteile auf Social Media auf – und zeigt, wie sie gelernt hat, damit umzugehen:
Von Anfang an war es ein Teil ihres Lebens: Fragen, Blicke und Kommentare. „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ – Sätze wie diese hört Ines Husic schon seit ihrer Kindheit. Heute begegnet die Innenverteidigerin des 1. FC Heidenheim diesen mit Gelassenheit und macht sie sogar zum Thema auf Social Media.
Auf der Plattform Instagram stellt sie sich bewusst den Kommentaren und reagiert mit Videos wie „Ich bin eine Frau.“ Was für viele wie eine Provokation wirken mag, ist für sie längst Alltag geworden. Im echten Leben seien die Reaktionen deutlich harmloser als im Netz, erzählt die 23-Jährige. „So krasse Kommentare wie im Internet bekomme ich im Alltag nicht.“ Zwar habe sie sich schon als Kind immer wieder rechtfertigen müssen – kurze Haare, „Jungskleidung“ und ihr Auftreten führten regelmäßig zu Nachfragen. Doch die Anonymität des Internets verschärft den Ton.
Harte Kommentare, doch nur im Netz
Unter ihren Beiträgen finden sich immer wieder beleidigende Stimmen. „Alles schön und gut, aber wieso ziehst du dich auch noch an wie ein Mann oder zumindest so, wie die Mehrheit denkt, wie ein Mann angezogen sein sollte oder müsste?“, schreiben einige. Andere formulieren es noch direkter: „Ich wollte das auch nicht irgendwie kritisieren. Aber wenn man sich alle Mühe gibt, wie ein Mann auszusehen, wieso beklagt man sich dann, dass man für einen gehalten wird? Das ist ein asoziales Verhalten.“ Für Ines Husic sind solche Kommentare nichts Neues, denn schon als Kind wurde sie wegen ihrer kurzen Haare und Kleidung hinterfragt. Kommentare, die ihr Geschlecht hinterfragen, begleiten sie seit Jahren.

Doch neben Kritik gibt es auch viel Unterstützung. Einige Nutzer stellen grundlegende gesellschaftliche Erwartungen infrage: „Das Konzept, dass wir bei unserer Geburt in eine von zwei Kategorien eingeordnet werden, die darüber entscheidet, was wir anziehen, wie wir sprechen, wofür wir uns zu interessieren haben… Und praktisch alles, was uns am Ende ausmacht, ist einfach nur absurd, wenn man mal zwei Sekunden darüber nachdenkt.“

Trotzdem nimmt Ines Husic die Online-Kommentare nicht ernst. „Ich weiß, dass das nicht die Realität ist“, sagt sie. Viele Menschen würden sich hinter Fake-Accounts verstecken und Dinge schreiben, die sie im echten Leben nie sagen würden. „Die Leute, die einfach Kommentare schreiben und dann auch noch so doofe Kommentare, sind einfach auch nicht mit ihrem eigenen Leben zufrieden, dass sie das halt irgendwie, irgendwo herauslassen müssen.“ Diese Distanz hilft Husic, gelassen zu bleiben.
Frühere Erfahrungen prägen
Ganz spurlos sind die Erfahrungen jedoch nicht an ihr vorbeigegangen. Besonders aus der Kindheit sind ihr einige Situationen im Gedächtnis geblieben. Etwa ein Schwimmunterricht in der Grundschule, bei dem sie sich wegen ihres Aussehens rechtfertigen musste. „Als Jugendliche hat mich das schon mehr getroffen“, gibt Ines Husic zu. Doch mit der Zeit entwickelte sie eine innere Stärke – auch, weil sie solche Kommentare eben schon ihr ganzes Leben lang gehört hat.
Gerade die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt. „Ein bisschen selbstbewusster bin ich schon geworden“, sagt die Fußballerin. Das zeige sich auch in alltäglichen Situationen – etwa beim Gang auf die Frauentoilette, der früher mit Unsicherheit verbunden war.

Heute geht sie offensiver damit um: „Ich bin eine Frau, also gehe ich da rein.“ Dennoch kommt es immer wieder zu unangenehmen Situationen. Ein besonders einschneidendes Erlebnis hatte sie vergangenen September, in einem Club in London, als ein Sicherheitsmitarbeiter sie ohne Vorwarnung am Eingang zur Frauentoilette festhielt, weil er sie für einen Jungen gehalten hatte. Erst nachdem sie erklärte, dass sie eine Frau ist, entschuldigte er sich.
Auch beim Fußball gibt es Vorurteile
Auch im Fußball hat Husic ähnliche Erfahrungen gemacht. Als sie früher mit Jungen spielte, wurde sie teilweise unterschätzt – manchmal saß sie zunächst auf der Bank, weil Trainer ihr weniger zutrauten. Erst nach ihren Leistungen auf dem Platz folgte die Anerkennung. „Die Menschen suchen sich oft das raus, was für sie gerade passt“, sagt sie. Mal wird sie als Junge wahrgenommen, mal als Mädchen – je nachdem, welche Annahme gerade ins Bild passt.
Neben dem Fußball arbeitet Husic im Landschaftsbau – ein Job, den sie erst über ein Praktikum für sich entdeckte. Zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Automobilkauffrau begonnen, diese aber abgebrochen. „Im Büro sitzen ist nichts für mich. Ich muss draußen sein, mich bewegen“, erklärt sie.
Das sagen Mitspielerinnen über Ines Husic
Emma Rebhan, ihre Teamkollegin vom FCH verfolgt Husics Präsenz auf Social Media aufmerksam. „Ich finde es toll, dass Ines darauf aufmerksam macht, dass es eben Menschen gibt, die nicht in die Stereotypen passen“, sagt die Abwehrspielerin. Rebhan betont, dass es egal sei, wie man aussieht, sich anzieht oder wen man liebt, und dass es auf den Charakter ankomme und darauf, wie eine Person sich verhält. „Außerdem finde ich es toll, dass Ines auf Frauenfußball aufmerksam macht, vor allem, da es in der Region, aber auch deutschlandweit leider noch nicht die Sichtbarkeit bekommt, die es verdient hätte.“

Bezüglich der Hasskommentare findet Emma Rebhan es stark, dass Ines Husic diese nicht einfach so stehen lässt und dadurch ihren starken Charakter zeige. „Ines zeigt den Menschen auch, dass es falsch ist, sich im Internet hinter Fassaden zu verstecken, um solche Dinge zu äußern, und macht ebenfalls deutlich, dass es etwas mit Menschen macht, wenn man so etwas abbekommt.“ Rebhan betont, dass ihre Teamkollegin eine sehr liebevolle Person ist, die ganz viel Freude ausstrahlt und immer gut gelaunt ist. „Oft komme ich ins Training und hatte mal einen schlechten Tag, und dann sehe ich Ines und wir haben zusammen immer was zu lachen.“
Nicht zu früh urteilen
Was würde Ines Husic Menschen raten, die ähnliche Erfahrungen machen wie sie? Ihre Antwort ist klar: „Bleibt ihr selbst. Wer sich zu sehr an anderen orientiert, wird nicht glücklich. Kritik gibt es immer, entscheidend ist, wie man damit umgeht.“ Die Erfahrungen haben sie geprägt – vorwiegend im Umgang mit anderen Menschen. „Ich bilde mir keine Meinung nach dem ersten Eindruck“, sagt die Fußballerin. Stattdessen nehme sie sich Zeit, jemanden kennenzulernen.

