Brasilianische Lebensfreude und schwäbische Schaffer-Mentalität, technisch starke Ballkünstler und ehrliche Fußball-Arbeiter – das müssen nicht unbedingt Gegensätze sein. Ein Beweis dafür ist die große Gruppe von Brasilianern, die seit Jahren bestens integriert im Landkreis zu Hause ist, von denen sich viele zu den begeisterten Anhängern des 1. FC Heidenheim zählen. Sie werden auch am Samstag wieder im Stadion sein, wenn der FCH im Heimspiel gegen St. Pauli (15.30 Uhr) nach dem letzten Strohhalm in Sachen Klassenerhalt greift.
Zu der Gruppe gehört der Deutsch-Brasilianer Mauricio Malisi, dessen aus Heidenheim stammender Vater einst durch die Firma Voith nach Südamerika kam und dort eine Brasilianerin heiratete. Vor 36 Jahren ging Malisi dann den Weg zurück, ist seither in Heidenheim bei Voith tätig und dort auch im Betriebsrat.
Die „dritte Halbzeit“
Die Fußballbegeisterung hat er nach Deutschland mitgebracht, früher in der zweiten Mannschaft des Heidenheimer Sportbundes gespielt – ebenso wie zahlreiche seiner Kollegen. „Ich habe immer versucht, auch meine brasilianischen Wurzeln einzubringen“, sagt der 56-Jährige und erklärt mit einem Schmunzeln, dass beim Fußball das Feiern nicht zu kurz kommen dürfe: „Die dritte Halbzeit ist die wichtigste.“

Anhänger des 1. FC Heidenheim ist Malisi seit Drittligazeiten und schon lange Besitzer einer Dauerkarte. Und dabei kann er sich durchaus mit dem Heidenheimer Fußball und den Maßstäben von Trainer Frank Schmidt identifizieren. „Mich begeistert diese Kampfbereitschaft. Wenn ich sehe, wie fertig die Spieler am Ende sind, das ist immer ein Kampf bis zur letzten Sekunde“, sagt Malisi, der auch bei der Relegationsrettung in Elversberg dabei war.
Kampfbereitschaft begeistert
Neben dieser Partie begeisterten ihn vor allem die Spiele gegen Bayern München, sei es bei der spektakulären 4:5-Pokalniederlage 2019 oder natürlich beim Heimsieg im ersten Bundesligajahr. „Nie vergessen werde ich auch, als Marc Schnatterer damals sein Trikot zerrissen hat“, sagt Malsi mit Blick auf das Drittligaduell gegen den Karlsruher SC von 2012.
Keine Dauerkarte hat dagegen Maria da Silva-Eder, die sich alle zwei Wochen auf die Jagd nach einem der begehrten Tickets macht. Die selbstständige Fußpflegerin hat die Spiele früher schon im Fernsehen verfolgt, als sie dann zwischenzeitlich in der Nachbarschaft von „Mauri“ Malisi wohnte und von ihren Freunden ein Trikot geschenkt bekam, war die Leidenschaft geweckt. Wenn möglich, steht die 53-Jährige bei den anderen Brasilianern auf der Osttribüne, wenn sie eine Eintrittskarte in einem anderen Bereich ergattert, ist das aber auch kein Problem. „Egal wo sie steht, die Maria kennt überall jemanden“, sagt Malisi lachend.
Die Jagd auf ein Ticket
Die Brasilianerin fühlt sich auf allen Rängen wohl: „Ich mag einfach diese Stimmung im Stadion, sogar im Winter“, sagt Maria da Silva-Eder, die in ihrer Heimatstadt Fortaleza – dessen Fußballklub im Wappen übrigens dieselben Farben wie der FCH trägt – selbst acht Jahre lang bei einer Betriebsmannschaft Fußball spielte. Im Jahr 2010 kam sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann nach Deutschland und könnte sich inzwischen nicht mehr vorstellen, woanders zu leben.
Circa 20 bis 30 Leute, so schätzen Malisi und da Silva-Eder, sind bei jedem Spiel dabei, die brasilianische Gemeinde in Heidenheim ist aber noch deutlich größer. „Bei unseren Partys – zu denen jeder willkommen ist – sind es rund 100 Leute“, berichtet "Mauri" und Maria ergänzt: „Wir treffen uns einmal im Monat mit den hier lebenden Brasilianerinnen – da wird es immer ziemlich laut.“ Natürlich will man auch zusammen die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft anschauen, was aufgrund der Anstoßzeiten aber nicht immer ganz einfach wird.
Die Begeisterung für den FCH ist übrigens auch schon über den Atlantik geschwappt. „Bei unseren Verwandten und Bekannten läuft der FCH im Sport-TV“, erzählt Malisi und im kleinen Laden seiner Schwägerin in Bombinhas hängt ein FCH-Trikot.
Abstieg wäre kein Drama
Aktuell leiden natürlich auch die brasilianischen FCH-Fans unter dem Saisonverlauf, Malisi sieht den drohenden Abstieg aber realistisch: „Es war eine schöne Reise und es bleibt eine schöne Reise. Wir sind glücklich über die drei Jahre und natürlich bleibt in der 2. Liga alle zwei Wochen der Heimspieltag reserviert.“
Vielleicht wäre es ja mit etwas mehr südamerikanischer Spielkultur besser gelaufen? „Als ich Frank Schmidt einmal gesagt habe, dass doch ein Brasilianer der Mannschaft guttun würde, hat der geantwortet: Es gibt auch gute deutsche Stürmer“, erinnert sich Malsi lachend. Zeitweise ging der Wunsch in Erfüllung, doch Leo Scienza verabschiedete sich nach einem Jahr wieder aus Heidenheim. „Er war ein guter Spieler, aber es hat nicht ganz gepasst“, so Malisi.
Für Maria da Silva-Eder würde ein Abstieg ebenfalls nichts an der Begeisterung ändern. „Ich werde immer Fan der Heidenheimer Fußballer bleiben – egal in welcher Liga“, sagt das FCH-Mitglied. Zu ihrem fußballerischen Glück fehlt nur noch eines: eine Dauerkarte.

