Nach dem Abpfiff am Samstag um 14:50 Uhr schwappte eine Welle von Emotionen vom Heidenheimer Schlossberg. Der 1. FC Heidenheim und Jahn Regensburg hatten sich gerade ein unglaubliches Duell geliefert, die Fans erlebten beim 5:4-Sieg der Gastgeber eine Achterbahnfahrt, gegen die der Europapark alt aussieht.

Das Sieben-Tore-Spektakel von Sandhausen war gerade erst drei Tage her, da setzte der FCH – bei dem Kevin Sessa den verletzten Rechtsverteidiger Marnon Busch ersetzte und Denis Thomalla anstelle von Norman Theuerkauf begann – doch tatsächlich noch eins drauf.

Die Anfangsphase gehörte allerdings den Gästen aus der Oberpfalz, die nach zwölf Minuten auch in Führung gingen: SSV-Stürmer Prince Osei Owusu löste sich schön von Patrick Mainka und köpfte im Rückwärtslaufen präzise ins linke untere Eck.

FCH kommt schwer ins Spiel

„Wir hatten Probleme, ins Spiel zu kommen, weil Mersad (Regensburgs Trainer Selimbegovic) etwas verändert und uns andere Aufgaben gestellt hat, als wir erwartet hatten. Wir haben dann umgestellt, besseren Zugriff bekommen“, so Schmidt nach der Partie.

Dabei half wieder eine Standardsituation: Niklas Bestes Eckball verwertete Tim Kleindienst nach 21 Minuten zum Ausgleich. Jahn-Keeper Thorsten Kirschbaum segelte dabei zwar unter dem Ball durch, hatte es aber auch nicht leicht – Bestes scharfe Hereingaben haben die Qualität der Heidenheimer Standards deutlich erhöht.

Aus 0:1 mach 3:1

Und dann lief es: Sessa, der Busch defensiv nicht Eins-zu-eins ersetzen konnte, aber offensiv immer wieder mit Flankenläufen für Gefahr sorgte, bediente nach 36 Minuten Adrian Beck und der traf mit einem präzisen Schuss zum 2:1. In der 39. Minute vollendete Kleindienst nach erneutem Ballgewinn von Beste den Konter abgezockt zum 3:1 und der FCH schien einem sicheren Sieg entgegenzusteuern.

Doch wie schon am Mittwoch hatte das Spiel noch viele Kapitel parat: Es lief die Nachspielzeit der ersten Hälfte, als der FCH das Regensburger Passspiel nicht unterbinden konnte und am Ende Charalambos Makridis von der Strafraumgrenze zum 3:2 traf. Kevin Müller war noch dran, der Ball rutschte aber von seiner Hand ins Dreieck.

Das gab den Gästen natürlich noch einmal Mut, und auch wenn der FCH zunächst gut in die zweiten 45 Minuten kam, übernahm Regensburg – angetrieben vom starken Kaan Caliskaner – das Kommando. Nach dem verdienten Ausgleich durch Nicklas Shipnoski blieb der Jahn am Drücker, unter anderem landete ein Schuss von Blendi Idrizi am Innenpfosten und sprang wieder ins Feld.

FCH rafft sich nochmals auf

Zum Abschluss gab’s nicht nur das beste (Spiel), es ging auch der Beste (Niklas). Der Mittelfeldspieler musste wegen einer Muskelverletzung vom Platz – eine Schwächung für die Heidenheimer, bei denen bereits zur Pause Norman Theuerkauf und Andreas Geipl für Tim Siersleben und Christian Kühlwetter gekommen waren. Trotzdem raffte sich der FCH noch einmal auf und Denis Thomalla traf nach zu kurzer Abwehr mit einem sehenswerten Volleyschuss in der 76. Minute zur erneuten Führung.

Man muss die Regensburger bewundern, wie sie auch diesen Rückschlag wegsteckten, in der Schlussphase das Heidenheimer Tor berannten und sich scheinbar auch belohnten: Der eingewechselte Aygün Yildirim traf in der zweiten Minute der Nachspielzeit nach wildem Gestocher zum 4:4. Danach brachen bei den Gästen alle Dämme, sie feierten, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen – was emotional auch durchaus verständlich war.

„Noch ist alles möglich“

„Regensburg belohnt sich in dem Moment für die Leistung, die sie hier gezeigt haben. Ich muss ehrlich sagen, dass ich dann kurz in mich reingesunken bin, aber ich habe meinen Teammanager dann gefragt, wie lange es noch geht – zwei Minuten. Und dann denkt man: Es ist noch alles möglich“, beschreibt Schmidt seine Gefühle.

Und es war noch alles möglich: Der FCH verliert den Ball, gewinnt ihn zurück, Jonas Föhrenbach stürmt über links nach vorn, flankt präzise, die Regensburger konzentrieren sich auf Kleindienst und der sich mal wieder als Edeljoker erweisende Stefan Schimmer befördert den Ball mit dem Kopf per Innenpfosten zum 5:4 ins Tor.

Emotionen ohne Ende

Der absolute Wahnsinn, nicht nur dem Stadionsprecher versagte fast die Stimme, auch manche Heidenheimer Fans hatten kurz Tränen in den Augen. Bei Regensburg kippten die Gefühle natürlich ins Negative und Coach Selimbegovic fiel die Analyse schwer: „Es tut richtig weh. Bei dem Spielverlauf wäre ich auch mit einem Punkt nicht zufrieden gewesen, aber leider fahren wir wiederholt mit leeren Händen nach Hause.“

Schmidt hatte da durchaus Mitgefühl: „Das Spiel heute hatte sowieso keinen Verlierer und vielleicht auch keinen Sieger verdient. Für uns unglaublich schön und euphorisch, für Regensburg brutal bitter.“ Aber natürlich hatte auch seine Mannschaft eine Wahnsinnsmoral gezeigt. In der Nachspielzeit den Ausgleich zu kassieren und dann doch noch mal zuzuschlagen zeugt von außergewöhnlichem Willen.

Die Zahlen

Nach all den Emotionen bleibt ein Blick auf die Zahlen. Mit 33 Punkten hat der FCH die beste Hinrunde seiner Zweitligageschichte gespielt, liegt nur einen Punkt hinter dem Zweiten HSV und vier Zähler vor dem Vierten Kaiserslautern. Die abschließende „englische Woche“ absolvierten die Heidenheimer mit drei Siegen und 12:7 Toren, in der Liga sind sie seit fünf Spielen ungeschlagen und holten 13 von 15 möglichen Punkten.

Und trotz dieses Laufes kommt die Pause wohl genau zum richtigen Zeitpunkt. Derartig aufwendig und wild kann eine Mannschaft nicht auf Dauer spielen, auch kleinere Verletzungen zeigen, dass der FCH so langsam seine „letzten Patronen“ verschossen hat. Aber mit denen hat er noch mal voll getroffen.

Stimmen zum 5:4 gegen Regensburg FCH-Spieler: Am Schluss war es pure Ekstase

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