Binnen weniger Tage wurden in und für Herbrechtingen zwei Entscheidungen getroffen, die bezeichnend sind für das sich öffnende Dilemma, wenn man Tourismus fördern möchte, aber gleichzeitig eine sensible Natur zu schützen hat. Das Wort vom sanften Tourismus suggeriert zwar, dass es hierfür schon eine Lösung gibt. Tut es aber nicht. Es scheint eher der Begriff für eine Utopie zu sein.

Touristen bringen Geld, können aber auch die Umwelt schädigen

Auch im zweiten Sommer unter Corona-Bedingungen wird man im Landkreis die Erfahrung machen, dass Touristen zwar durchaus willkommene Geldbringer sind, dass sie aber stellenweise so massiert auftreten, dass es zu Gefährdungen und Schädigungen der Umwelt kommt. Eine solche Situation hatte sich in den vergangenen Jahren im Eselsburger Tal aufgebaut. Die Boote standen auf der Brenz im Stau. Das Landratsamt hat nun nach langem Beobachten zurecht mit Strenge eingegriffen und das Befahren der Brenz für bestimmte Monate ausgeschlossen. Damit sollen Wasservögel wieder in Ruhe brüten können. Ein bislang geltendes Verbot nur von gewerblichen Touren hatte sich als nicht zielführend erwiesen, da dessen Einhaltung nicht überprüft werden konnte.

Eselsburger Tal bei Herbrechtingen Wann Bootfahren und Baden künftig verboten sind

Herbrechtingen

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Doch nur wenige Tage später wird in Herbrechtingen just am Eingang zum Eselsburger Tal die Einrichtung eines Wohnmobilstellplatzes begonnen. Auch wenn dafür auf dem Festplatz nur vier Parkflächen reserviert werden, so sind diese doch auch eine Einladung an die rapide wachsende Zahl der Wohnmobileigentümer und -mieter, Herbrechtingen in ihren Tourenplan aufzunehmen.

Die Geister, die man rief

Es ist nun ein purer Zufall, dass es auch ein Herbrechtinger war, der sich besonders die Förderung des Tourismus im Landkreis zum Ziel gesetzt hatte. Unter Hermann Mader als Landrat wurde die Tourismusförderung zur Chefsache. Die Werbung um Tagesausflügler, Nah-Erholer und Gäste mit verlängertem Wochenende wurde griffiger und gezielter. Der Landkreis putzte sich heraus für die, die da kommen sollten. Leader-Mittel der EU halfen beim Einrichtungen von Pensionen und anderen Übernachtungsmöglichkeiten, Attraktionen wie der Archäopark oder das Steiff-Museum kamen dazu. Auch der Schäferwanderweg zeitigt Wirkung. Wandern ist wieder en vogue.

Mit diesen Entwicklungen könnte man leben, gut leben sogar. Wenn nur nicht das Gros der Touristen lemminghaft sogenannte Sehenswürdigkeiten ansteuern würde. Der Fotonachweis auf Instagram „Ich war auch da“ ist nur der Exzess einer weit verbreiteten Haltung, das sehen zu müssen, was schon anderen sehenswert war. Deswegen müssen es die Steinernen Jungfrauen sein, das Felsenmeer im Wental, die Höhlen im Tal der Lone, die Brenzquelle in Königsbronn und vor allem der Itzelberger See. Man könnte an Goethes „Zauberlehrling“ denken: „Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.“

Vielleicht sollten wir Einheimischen deswegen einsichtiger sein und zum Schutz unserer Lebenswelt in diesen Sommer uns andere Ziele stecken. Wir kennen uns doch hier aus. Der Landkreis hat auch an den Nebenwegen so viel Schönes, dass man die „Sehenswürdigkeiten“ durchaus den Gästen überlassen kann. Mit Wanderkarte, Kompass (oder GPS) lassen sich Touren im Abseits und viele Entdeckungen machen. Denn anders als in der Ballade vom Zauberlehrling kann bei den touristischen Strömen niemand als Meister den erlösenden Satz sprechen: „In die Ecke Besen, Besen…“