Washington / Peter DeThier Immer mehr Menschen demonstrieren gegen Rassismus und Gewaltbereitschaft der Polizei. Inzwischen brechen auch einige Beamte das Schweigen – und fordern Reformen. Von Peter DeThier

Elf Tage nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd hatten sich die Wogen ein wenig geglättet. Doch vergangenen Freitag fachte die Erschießung des Schwarzen Rayshard Brooks in Atlanta, der lediglich am Steuer seines Autos eingeschlafen war, die Debatte um Rassismus in der US-Polizei erneut an. Die hitzige Diskussion über die ­Ursachen, die gesellschaftlichen Hintergründe und Wege, das Problem anzugehen, läuft auf Hochtouren.

Die Forderungen bei den vielen Massendemos gehen mittlerweile deutlich weiter. Demonstranten halten nicht nur Schilder mit den Worten „Gerechtigkeit für George“. Auch stechen nicht nur schwarze Jungen ins Auge, auf deren T-Shirts die lakonische Frage steht „Bin ich als nächster dran?“.

„Polizeireform jetzt!“ lautet der neue Schlachtruf der „Black Lives Matter“-Bewegung. Die Diskussion rankt sich um den unnötigen Einsatz von Waffen und um die Minderheiten, die innerhalb der Polizei unterrepräsentiert sind. Selbst die Rolle der übermächtigen Gewerkschaften kommt zur Sprache sowie die „blaue Mauer des Schweigens“. Das beschreibt den Eindruck, dass Polizisten selbst dann zusammenhalten, wenn sie Verbrechen begangen haben.

Dabei kommt der Wunsch nach einem zivileren Umgang mit Tatverdächtigen nicht nur von den Demonstranten. Auch  die wenigen Polizisten ethnischer Minderheiten selbst melden sich zu Wort. Unter ihnen sind vorwiegend Afroamerikaner, die gerade einmal elf Prozent aller Polizisten in den USA stellen. Im Gegensatz dazu sind fast drei Viertel weiß. Aber auch Latinos und sogar Polizeibeamte irischer Abstammung wollen sich der Reformbewegung anschließen.

Deutlich weiter als die kürzlich verabschiedete Polizeireform in New York, die Würgegriffe verbietet und die Veröffentlichung der Führungszeugnisse gewalttätiger Polizisten vorschreibt, will daher Charles Billups gehen. Er vertritt als Präsident des „Grand Council of Guardians“ mehr als 3000 schwarze Polizisten des New York Police Department (NYPD). „In Amerika ist eine neue Ära angebrochen“, sagt er. Dabei seien gerade Afroamerikaner gefordert. „Häufig haben unsere Familien dieselbe Gewalt erlebt wie Floyd und Brooks.“ Folglich könnten schwarze Mitglieder der NYPD „als Vermittler auftreten und helfen, einen zivilen, friedlichen Dialog einzuleiten“.

Ähnlich sieht NYPD-Präsident Dermot Shea die Rolle von Polizisten irischer Abstammung. Laut Shea, dessen Eltern in den 50er Jahren in die USA auswanderten, sei er für die aktuellen Spannungen besonders sensibel. Im 19. Jahrhundert hatten Boston und New York die ersten Polizeibehörden gegründet, um gegen eingewanderte Iren vorzugehen, die nach der „Großen Hungersnot“ in ihrer Heimat in die USA flüchteten und von den Einheimischen als Kriminelle angesehen wurden. Da man nachvollziehen könne, was es bedeutet, ein unschuldiges Opfer von Gewalt zu sein, könnten auch seine Landsleute die friedliche Diskussion anregen, glaubt der Polizeipräsident.

Zudem wird der Waffeneinsatz in harmlosen Fällen thematisiert. Der amerikanische Soziologe Paul Hirschfeld von der Rutgers Universität verweist auf die tief verwurzelte Waffenkultur. Der Einsatz von Schusswaffen habe bei der Polizei in den USA ganz andere Hintergründe als in Europa. „Wir sind in Sachen Waffen und Gewaltanwendung eher mit Lateinamerika zu vergleichen. Dort sind wie auch in den USA krasse soziale Gegensätze, weit verbreitete Armut und eine lange Tradition der Radikalisierung der Polizei zu beobachten“, sagt der Soziologe.

Aber selbst wenn Demonstranten und einflussreiche Vertreter der Polizei an einem Strang ziehen und gemeinsam Reformen fordern, haben sie dennoch hohe Hürden zu nehmen. So verteidigt Steve Gaynor, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft in Atlanta, energisch seinen Kollegen Garrett Rolfe, der Rayshard Brooks erschossen hatte und deshalb mittlerweile aus dem Polizeidienst entlassen wurde. Brooks hatte nämlich eine Elektroschockwaffe abgefeuert, die er vorher beim Ringen mit zwei Polizisten an sich gerissen hatte. „Es war Notwehr“,  sagt Gaynor. Die Aufregung versteht er nicht.

Auch andere weiße Polizeikräfte, die wegen unnötiger Gewaltanwendung am Pranger stehen, wissen, dass sie wegen der „blauen Mauer“ niemals verraten werden und sie zudem die Rückendeckung der mächtigen Gewerkschaften haben, die Reformen ablehnen. Dann obendrein der Widerstand im Weißen Haus.

Anstatt ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz zu unterschreiben, das noch auf sich warten lässt, zieht Präsident Donald Trump nämlich erneut den Alleingang per Dekret vor. Ein solches unterschrieb Trump nun in Washington und verteidigte darin erneut die Polizei, auf deren Gewerkschaften er für seine Wiederwahl dringend angewiesen ist.