Berlin / Nina Jeglinski Einst waren sie weit verbreitet, dann wurden sie verkauft. Doch jetzt entdecken Staat und Firmen die Idee der Mitarbeiter-Unterkünfte wieder – auch während der Corona-Krise. Von Nina Jeglinski

Bis Anfang der 2000er-Jahre gab es in Deutschland noch jede Menge Werkswohnungen. Doch die Bestände wurden fast ausnahmslos verkauft, das Modell galt bei Post, Bahn und auch bei Siemens als veraltet. 2009 verkaufte der Tech-Konzern die letzten 4000 Wohnungen in Erlangen, München und Karlsruhe.

„Damals hatte der Vorstand entschieden, sich von Werkswohnungen zu trennen, da es nicht der Kernaufgabe eines Industriekonzerns entsprach“, sagt Guido Jagusch, Sprecher der Siemens Real Estate. Nun überlegt man, in welcher Form es wieder Mitarbeiterwohnungen geben könnte. Aktuell laufen zwei Projekte, bei denen der Konzern selbst als Bauherr aktiv werden will. Trozt Corona-Krise entstehen in Berlin und Erlangen gerade Siemensstadt und Siemenscampus.

In Berlin sollen 2750 Wohnungen gebaut werden, die auch für den freien Markt zur Verfügung stehen. Rund ein Drittel der Wohnungen wird mietpreisgebunden sein, also unter zehn Euro pro Quadratmeter vermietet werden.

„Die Idee, neue Wohnangebote für das eigene Personal zu schaffen, entsteht bei den meisten Firmen, nachdem die Beschäftigten in Großstädten und Ballungszentren über unbezahlbare Mietpreise und immer größere Pendeldistanzen klagten. Die Zahl der Bewerbungen in solchen Regionen ging in der Folge immer weiter zurück“, heißt es in einer Studie des Berliner Forschungsinstituts Regio Kontext.

Simon Wieland, Projektleiter beim Regio Kontext, spricht von einer „doppelten Kehrtwende“, die bei Unternehmen und bei öffentlichen Arbeitgebern gleichermaßen zu beobachten sei. Erst haben die Konzerne und die öffentliche Hand ihren Bestand an Werkswohnungen verkauft, nun suche man nach neuen Modellen, um Wohnraum für einen Teil der eigenen Beschäftigten anbieten zu können.

Sowohl mittelständische Betriebe als auch Großkonzerne brauchen immer länger, um Stellen zu besetzen. Beide beschäftigen hochqualifizierte Mitarbeiter, aber auch Angestellte mit niedriger Qualifikation und geringen Löhnen. Die Frage nach geeigneten Mitarbeiter-Wohnraum-Konzepten steige, so die Autoren der Studie.

Auch Vater Staat hat Bedarf an neuen Wohn-Ideen. Seit es für viele Beamte im mittleren Dienst fast unmöglich ist, auf den angespannten Mietmärkten in München, Stuttgart oder Berlin eine bezahlbare Wohnung zu finden, hat der Bund die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) damit beauftragt, neue Wohnungen für seine Beamten und Beschäftigten zu bauen.

So wie früher, als es in vielen Städten so genannte Bedienstetenwohnungen gab. Dafür muss die BImA sich allerdings ganz neu ausrichten. Denn bisher konzentrierte sie ihre Bautätigkeit auf Dienstgebäude von Ministerien, Behörden, Bundeswehr, Zoll und Co. Die Bundesanstalt hat für ihre neue Aufgabe bereits 180 Grundstücke in ihrem Portfolio ausgesucht. Insgesamt will sie in den kommenden Jahren deutschlandweit zwischen 6000 und 8000 Wohnungen bauen.

Damit das Wohnen in BImA-eigenen Bauten dauerhaft bezahlbar bleibt, beschloss der Bundestag im vergangenen Jahr einen neuen „Haushaltsvermerk zur Festsetzung von Wohnungsmieten der BImA“. Er sieht vor, dass die Bundesanstalt ihre Bestands- und Neuvermietungsmieten in angespannten Wohnungsmärkten und in Großstadtregionen auf zehn Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter deckelt.

Deckelung könnte Vorbild sein

Ziel der Regelung ist es, dass Beamte und Angestellte des Bundes aus den unteren und mittleren Einkommensgruppen – an die sich die Wohnungsangebote vor allem richten – nicht mehr als 30 Prozent ihres durchschnittlichen Brutto-Monatseinkommens für Miete ausgeben müssen. Dieses Modell könnte langfristig auch für große Unternehmen als Vorbild dienen, es gibt dazu aber noch keine gesetzlichen Überlegungen.

In Espelkamp, einer 25 000-Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen, geht man indes eigene Wege. Dort ist Anfang Juli Baubeginn eines speziellen Mitarbeiterwohnhauses. Das Wohnprojekt entstand nach den Plänen von jungen Angestellten, die nach dem Studium in die ländliche Gegend gezogen sind. Für Jörg Schmidt, Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens Aufbaugemeinschaft Espelkamp und Bauherr des Hauses, ist dieses Modell der Mitarbeiterwohnungen vor allem etwas für Menschen, die nicht aus der Region stammen und erst einmal ankommen und neue Kontakte knüpfen müssen. „Auf diese Weise soll der unvermeidliche Stadt-Land-Clash abgemildert werden“, sagt Jörg Schmidt.

Das neue Haus wird 14 Wohnungen haben, als Besonderheit gibt es im Dachgeschoss eine Gemeinschaftsküche und einen Garten. Die Wohnungen werden entweder direkt an Unternehmen aus der Stadt vermietet oder eine Firma erwirbt ein Belegrecht für eine Mindestdauer von zehn Jahren. „Der Fachkräftemangel bleibt uns erhalten, auch während und nach der Corona-Pandemie“, sagt Rolf Oestreich, Prokurist bei der Aufbaugemeinschaft Espelkamp.

Für Experten wie Simon Wieland werden solche individuellen Modelle in Zukunft immer stärker an Bedeutung gewinnen, die klassische Werkswohnung aus dem 19. und 20. Jahrhundert werde keine Wiedergeburt erleben.