Berlin/München / Mathias Puddig / NBR Ohne Impfstoff gibt es keine Rückkehr zum alten Alltag. Doch auf die „neue Normalität“ sind nicht alle Schulen vorbereitet. Das nachzuholen, wird ein Kraftakt. Von Mathias Puddig

Inken Pauli ist stinksauer. Seit gut zwei Monaten unterrichtet die Münchner Mutter ihre zwei Kinder zu Hause, und noch immer erhalten die beiden statt digitalem Unterricht eine „Arbeitsblätterschlacht“. „Wir bekommen einmal pro Woche Arbeitsblätter, und von den Lehrern hören wir nichts Richtiges“, beklagt Pauli. Zwar läuft es bei ihrem Sohn, der eine Grundschule besucht, besser als bei ihrer Tochter, einer Gymnasiastin. Doch für Pauli zeigt das nur, wie sehr die Bildung von den einzelnen Lehrern abhängt. „Bildung ist im Moment ein Glücksspiel“, so ihr Zwischenfazit.

Das darf nicht so bleiben. Denn auch wenn die Bundesländer nach und nach die Schüler zeitweise in die Schulen zurückkehren lassen, so ist der Normalbetrieb noch immer weit weg. „Was bis jetzt passiert ist, war keine echte Öffnung der Schulen“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) neulich. Eine andere, wichtigere Wahrheit sprach ihre Landeskollegin Karin Prien (CDU) aus Schleswig-Holstein aus: „Wir müssen damit rechnen, dass wir auch im nächsten Schuljahr keinen regulären Unterricht haben. Darauf müssen wir uns vorbereiten.“

Für Vorbereitung keine Zeit

Und das ist noch nicht geschehen. „Es gibt keine Richtlinien oder Mindeststandards“, sagt Inken Pauli. „Es ist immer noch ein totales Durcheinander.“ Gemeinsam mit Charlotte Rosprich, mit der sie im Elternbeirat sitzt, verlangt Pauli deshalb in einer Online-Petition einheitliche Konzepte für den Digitalunterricht und eine einheitliche Bildung für alle Schüler. „Klar, das Schuljahr ist jetzt gelaufen“, sagt auch sie. „Man muss sich jetzt komplett aufs nächste konzentrieren.“

Doch obwohl absehbar ist, dass es ohne Impfstoff keine Rückkehr zum normalen Schulbetrieb geben kann, denkt das Rahmenkonzept der Kultusminister über die Sommerferien nicht hinaus. Das hat verschiedene Gründe. In den ersten Wochen der Krise ging es darum, den Notunterricht sicherzustellen. Als der stand, mussten die Abschlussprüfungen organisiert werden, an denen die meisten Bildungspolitiker unbedingt festhalten wollten. Anschließend mussten Hygienepläne entworfen, Pausenzeiten geregelt und die Beförderung zu den Schulen organisiert werden, um den Präsenzunterricht für diejenigen Schüler sicherzustellen, die wieder zur Schule dürfen. Es gab schlicht kaum Zeit, über den Tag hinaus zu denken.

Gerade das Bildungswesen ist deshalb auf die „neue Normalität“ in Pandemie-Zeiten nicht gut eingestellt. Das beginnt schon bei der technischen Ausstattung. Damit es nach den Sommerferien ein Nebeneinander zwischen Online- und Präsenzunterricht geben kann, brauchen die Schüler digitale Geräte. Die fehlen jedoch oft. Während einige Eltern für die Corona-Zeit schnell noch ein neues iPad besorgen, müssen sich anderswo die Jugendlichen mit ihren Geschwistern ein Smartphone teilen. Aus einer Sonderauswertung der internationalen Bildungsstudie ICILS ging jüngst hervor, dass 36 Prozent der Jugendlichen in armen Familien höchstens ein digitales Gerät zu Hause haben. In besser gestellten Familien war das nur bei 15 Prozent der Fall.

Schüler werden überschätzt

Die Folge: Das deutsche Bildungssystem, das bei der Chancengleichheit im internationalen Vergleich ohnehin weit hinten liegt, wird noch ungerechter. „Wenn es keine Bildungsoffensive für die Abgehängten gibt, müssen die Konsequenzen getragen werden“, sagt der Bildungsforscher Rolf Strietholt. Er warnt davor, das Problem kleinzureden: „Auf zehn Schuljahre gerechnet ist ein halbes Jahr Totalausfall gravierend.“

Dazu kommt ein folgenschwerer Irrtum. Während manche Lehrer beim Einsatz digitaler Mitteln zu sehr zögern, werden die Fertigkeiten der Schüler oft überschätzt. „Es macht mich fassungslos, wenn Schülerinnen und Schüler immer noch als ‚Digital Natives’ bezeichnet werden“, beklagt Birgit Eickelmann. Die Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Paderborn hat den deutschen Teil der ICILS-Studie verantwortet, die 2019 festgestellt hat, das ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland auch von ihren digitalen Fähigkeiten her abgehängt ist. Doch genau diese Fähigkeiten werden jetzt gebraucht. Diese Lücken in der Krise zu schließen, wird eine große Kraftanstrengung.

Inken Pauli droht indes, schon vorher zu resignieren. Wenn der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) behauptet, dass Corona „Lernen fürs Leben“ bedeutet, dann hält sie das für „eine Frechheit“. „Natürlich werden die Kinder jetzt selbstständiger, aber was lernen sie denn fürs Leben? Kochen und Putzen?“, fragt sie – und geht sogar noch weiter: „Wenn die Kinder sowieso alles autodidaktisch erlernen müssen, warum brauchen wir die Schule noch?“

Deutschland im Mittelfeld