Peking / Fabian Kretschmer Entlang der Grenze zu Indien eskaliert eine Auseinandersetzung der Armeen. Jetzt bemüht sich Peking, die Situation mit Diplomatie zu entschärfen.

Eine gewisse Komik lässt sich dem indisch-chinesischen Grenzkonflikt bei aller Tragik dennoch abgewinnen: Da stehen sich also die Armeen der zwei bevölkerungsreichsten Nationen der Welt gegenüber, Atommächte wohlgemerkt, doch die Austragung erfolgt in der Nacht zum Dienstag quasi wie auf dem Pausenhof: mit Fäusten, Steinwürfen und Knüppelschlägen. Angesichts der Opferzahlen ist jedoch jedes Schmunzeln unangebracht.

Ein Rückblick: Beide Länder beschuldigen sich gegenseitig, entlang der chinesisch-indischen Grenze das jeweilige Territorium übertreten zu haben. Bislang kursieren mehrere Versionen, die sich jedoch nicht unabhängig bestätigen lassen. Laut Medienberichten aus Neu-Delhi hat es sich wie folgt zugetragen: Indische Soldaten wollten demnach ein chinesisches Zelt abbauen, das sich ihrer Ansicht nach auf dem eigenen Territorium befand. Daraufhin marschierten chinesische Soldaten los und brachen einen handfesten Streit vom Zaun.

Dieser sei – scheinbar im Affekt – eskaliert: Am Ende beklagten die Inder mindestens 20 Tote auf ihrer Seite. Einige Opfer sollen in einem Fluss gestoßen worden und bei eisigen Temperaturen erfroren sein. Wie viele chinesische Soldaten getötet wurden, ist bislang nicht bestätigt; indische Medien sprechen von bis zu 43 Opfern.

„Mein Verständnis ist, dass die chinesische Seite nicht will, dass die beiden Völker die Todeszahlen gegeneinander aufrechnen, um die öffentliche Stimmung aufzuheizen“, schreibt der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“ Hu Xijin auf Twitter. Ironischerweise sorgt der Publizist nur wenige Stunden später höchstpersönlich für das Aufheizen des Volkszorns: Dass indische Soldaten gestorben seien, lege die Mängel der Armee offen, Notfallbehandlung bereitzustellen. „Das ist keine Armee mit modernen Kampffähigkeiten“, schreibt Hu.

In einem Leitartikel besagter „Global Times“, die meist relativ die Position der Kommunistischen Partei reflektiert, heißt es: „Die Arroganz und Rücksichtslosigkeit der indischen Seite ist der Hauptgrund für die konstanten Spannungen entlang der Grenze.“ Ebenfalls wird Neu-Delhi vorgeworfen, dass es dank strategischer Unterstützung der USA glaube, bei Provokationen keine Gegenreaktion erwarten zu müssen.

Von offizieller Seite ist die Regierung in Peking jedoch sehr darum bemüht, die Situation zu deeskalieren. China wolle keine weiteren Zusammenstöße, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Mittwoch. Beide Länder versuchten den Konflikt über einen Dialog zu lösen. Zweifelsohne ist sich die Kommunistische Partei in China der brisanten Lage bewusst - und möchte eine weitere Eskalation verhindern.

Fabian Kretschmer