Berlin / Dominik Guggemos In den wichtigen Erdumlaufbahnen fliegt fast eine Million Objekte herum. Bald kommen tausende Satelliten hinzu. Regeln, um Kollisionen zu vermeiden, gibt es bisher kaum. Von Dominik Guggemos

Erstmals seit neun Jahren sind wieder Astronauten von den USA aus zur Raumstation ISS geflogen – erstmals mithilfe eines privaten Raumfahrtunternehmens. Die US-Raumfahrer Robert Behnken und Douglas Hurley dockten nach rund 20 Stunden Flug mit der „Crew Dragon“­-Raumkapsel an der Internationalen Raumstation ISS an. Kurz nach ihrem Start war die erste Raketenstufe sicher auf einem Schiff im Atlantik gelandet. Die Wiederverwendung von Raketenstufen und Raumkapseln ist ein wichtiger Teil der Strategie des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX von Elon Musk.

Ganz so selbstverständlich war der gelungene Start nicht. Denn rund um die Erde kreist ein gern vernachlässigtes Problem: der Weltraumschrott. Ohne Verkehrsregeln mit dem Auto fahren – unvorstellbar? Im Weltraum ist dieses Chaos Realität. Wenn dort zwei Objekte auf Kollisionskurs sind, muss improvisiert werden. Oft sind die Absprachen untereinander schwer, weil die simpelsten Fragen nicht einfach zu beantworten sind: Wer ist für das Objekt zuständig? Wie kann man den Akteur erreichen? Momentan herrscht eine ziemliche Anarchie im Kosmos.

Das Problem droht durch tausende Satelliten, die in naher Zukunft in den sogenannten Mega-Konstellationen ins All geschossen werden (siehe Interview), noch größer zu werden. Satelliten sind für das Leben auf der Erde von höchster Bedeutung: für Internet, Navigation, Wettervorhersage, auch für kritische Infrastruktur wie die Energienetze. Deswegen wird es höchste Zeit, das Weltraumrecht zu reformieren, findet Kai-Uwe Schrogl. Der Präsident des Internationalen Instituts für Weltraumrecht gilt als Vordenker unter den Kosmos-Juristen.

Das Universum ist (vermutlich) unendlich, die wichtigen Erdumlaufbahnen sind es nicht. Im Moment befinden sich etwa 23 000 Objekte im Orbit. Die Zahl bezieht sich auf bereits von den USA katalogisierte Objekte, manche Schätzungen gehen von 34 000 aus. Dazu kommen noch rund 900 000 Kleinteile, weniger als zehn Zentimeter groß. Da sie mit 27 000 Kilometern pro Stunde durch den Weltraum rasen, können auch sie schon den Totalausfall eines Satelliten verursachen.

Der aktuelle rechtliche Status Quo basiert auf dem Weltraumvertrag von 1967. Damals ging es, ganz in der Logik des Kalten Kriegs, um Fragen wie: Darf ein Satellit über das Staatsgebiet eines Landes fliegen? Bevor der erste Mensch den Mond betrat, war nicht absehbar, dass Privatfirmen wie Kuiper (Amazon) oder Starlink (Elon Musk) zu Akteuren im Weltraum werden. Aber warum hat man die Regeln nicht angepasst, wo jetzt tausende Satelliten ins All geschossen werden? „Erst, wenn etwas richtig Schlimmes passiert, setzen sich die Länder zusammen und machen dann schnell und ernsthaft internationale Regeln“, sagt Schrogl.

Noch ist der Druck also nicht groß genug. Allerdings dürfte sich das in den nächsten Jahren ändern. Es gibt schon freiwillige Initiativen wie die „Space Data Association“; Zehn Satellitenbetreiber koordinieren untereinander ihre Bewegungen, führen eine Art Verkehrskontrolle durch. Schrogl: „Das ist sicher positiv, aber auch ein Alarmzeichen, dass es langsam gefährlich wird.“

Rein statistisch müsse man derzeit alle fünf bis neun Jahre mit einer „katastrophalen Kollision“ rechnen, sagt Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das bedeutet, dass ein Satellit vollständig zertrümmert wird. Tendenz: deutlich steigend.

Über all dem schwebt die Gefahr des „Kessler-Effekts“. Diese Theorie des US-Physikers Don Kessler besagt, dass irgendwann, vergleichbar mit dem Klima, ein Kipppunkt erreicht ist, an dem Kollisionen zu immer mehr Kollisionen führen und dadurch bestimmte, elementar wichtige Umlaufbahnen für immer unbenutzbar werden.

Instrument des Schreckens

„Der Kessler-Effekt ist ein sehr hilfreiches Instrument des Schreckens“, sagt Weltraumrechtler Schrogl. Er warnt: Ein größerer Unfall könnte Auswirkungen haben, die noch nicht absehbar seien. Der Weltraumrechtler hat einen Wunschzettel für Reformen. Man müsse wissen, welches Objekt sich wo befindet. Außerdem seien Verkehrsregeln wichtig. Diese könnten recht nah an Regelungen für den Luft- und Schiffsverkehr sein. Und dann stellt sich die Frage: Wer kontrolliert das alles?

Es gibt klare Haftungsregeln, allerdings nur, wenn ein Weltraumobjekt Schaden auf der Erde anrichtet. Dann haftet der Staat, der für das Objekt verantwortlich ist, unbegrenzt. Im Weltraum müsste man Verschulden nachweisen, was laut Schrogl nicht möglich ist.

Die Vermeidung von Weltraumschrott funktioniere schon sehr gut, findet Schrogl. Er ist optimistisch, dass sich auch die Entsorgung durchsetzt. Dafür wäre es wichtig, dass sich Satelliten kurz vor dem Ende ihrer Laufzeit auf eine Umlaufbahn begeben, in der sie als Schrott keinen Schaden anrichten.

Für die Beseitigung der vorhandenen Objekte gibt es verschiedene Ansätze. Einer ist das „De-Orbiting“, bei dem ein Roboter den Satelliten nach unten zieht, damit er auf der niedrigen Umlaufbahn verglüht. Mit großen Objekten geht das nicht. „Die müsste man eigentlich entfernen“, sagt Metz vom DLR. Die Europäische Weltraumagentur (ESA) plant, neuartige Abschleppsatelliten einzusetzen. Damit ließen sich besonders gefährliche Trümmerteile entfernen. Das Problem: Jeder Einsatz wäre viele Millionen Euro teuer.