London / Jochen Wittmann Pflege- und Altenheime sind von der Ausbreitung des Virus besonders betroffen. Es mangelt an Schutz.

Die britischen Senioren trifft es in der Corona-Krise am schlimmsten. Während in den Krankenhäusern des Königreichs die Zahl der Covid-Todesfälle abnimmt, grassiert die Seuche in den Alten- und Pflegeheimen des Landes weiter. Wie jüngste Zahlen der nationalen Statistikbehörde ONS zeigen, starben in britischen Seniorenheimen bis zum 1. Mai 40 Prozent aller Covid-Opfer. Nach den Zahlen des Gesundheitsministeriums sind bis zum Dienstag 32694 Menschen an der Lungenkrankheit verstorben. Doch die Dunkelziffer liegt höher. Allein für Alten- und Pflegeheime in England und Wales muss man nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters mit bisher mindestens 20 000 Opfern rechnen.

Die Katastrophe war zum Teil hausgemacht. Als im März absehbar war, dass auf das nationale Gesundheitssystem NHS eine Pandemie-Welle zurollt, reagierten panische NHS-Manager damit, Betten in den Krankenhäusern freizuräumen. Dabei wurden viele ältere Menschen in Alten- und Pflegeheime überwiesen. Oft handelte es sich dabei auch um schon an Covid-Erkrankte.

Abgeschoben aus der Klinik

Wie eine Untersuchung der „Alzheimer‘s Society“ herausfand, mussten ein Drittel ihrer Heime Patienten aus Krankenhäusern übernehmen, die sich dann als Covid-positiv herausstellten. Geschäftsführerin Katie Lee sagte: „Es wird tragisch deutlich, dass Pflegeheime alleingelassen wurden – und immer noch sind – im Kampf gegen Coronavirus. Es fühlt sich an, als ob wir abgeschrieben wurden.“

Die Zeitung „Daily Telegraph“ zitiert einen Arzt aus einem Londoner Krankenhaus, der kein Blatt vor den Mund nimmt. „Wir haben bekannte, vermutete und unbekannte Covid-Fälle in Altenheime entlassen, die darauf nicht vorbereitet waren“, sagte der Kardiologe, „ohne eine Warnung, dass diese Patienten infiziert waren.“ Für diese Heime habe es keine Tests gegeben und keine Schutzkleidung für das Personal, um weitere Ansteckungen zu verhindern. „Wir haben diese Krankeit aktiv ausgesät in eine Bevölkerung, die am anfälligsten war.“

Rund 400 000 Senioren leben in britischen Pflegeheimen. Sie sind besonders gefährdet, weil sie oft Vorerkrankungen haben, und die Seuche sich aufgrund fehlender Isolierationsmöglichkeiten schnell ausbreiten kann. Dazu kommt, dass der Pflegesektor nicht zum NHS gehört und daher sehr viel weniger Ressourcen hat. Es fehlt an Tests ebenso wie an angemessener Schutzkleidung. Zwar hatte der Gesundheitsminister Matt Hancock Ende April versprochen, dass sämtlich Mitarbeiter und Bewohner in Pflegeheimen – insgesamt rund 1,9 Millionen – getestet werden würden, aber bisher konnten nur einige zehntausend Tests ausgeführt werden. Schuld daran ist nicht zuletzt ein bürokratisches Chaos, weil sich verschiedene staatliche Organisationen gegenseitig die Verantwortung zuschieben.

Jochen Wittmann