Berlin / Hajo Zenker Oberster Kassenarzt beklagt „Flatrate-Mentalität“ der Patienten – und erntet Widerspruch

. Die Deutschen gehen deutlich häufiger zum Arzt als Österreicher, Schweizer oder Schweden. Und leben trotzdem nicht länger. Dafür sind die Wartezimmer besonders voll. Weshalb Andreas Gassen, als Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oberster Vertreter der 150 000 niedergelassenen Ärzte, mindestens einmal im Jahr die „Flatrate-Mentalität“ der Patienten beklagt, die zu unnötigen Arztbesuchen führe. Das hat Gassen gerade wieder getan. Es dürfe nicht so bleiben, dass „jeder Patient jeden Arzt jeder Fachrichtung beliebig oft aufsuchen“ könne. Wer jederzeit zu jedem Mediziner gehen möchte, solle mehr bezahlen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. „Eine Unverschämtheit“, poltert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Und Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Krankenkassen, argwöhnt, dass „durch die Hintertür Strafzahlungen für kranke Menschen vorbereitet werden, die sich hilfesuchend an die vermeintlich falsche Stelle wenden“. Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, wirft Gassen „maximale Patientenverunsicherung“ vor.

Hausarzt entscheidet anderswo

Die freie Arztwahl solle eingeschränkt werden. Wenn die Patienten aber tatsächlich nach Prioritäten gesteuert werden sollten, müsse das sowieso die Politik entscheiden. Möglich wäre das auf jeden Fall. Ob in Holland, Dänemark oder Großbritannien – zuerst muss man zum Hausarzt. Der entscheidet, ob man zu einem Facharzt darf. Einfach beim Spezialisten aufzutauchen, wie in Deutschland gang und gäbe, ist dort undenkbar. Dabei hat es auch in der Bundesrepublik andere Zeiten gegeben: In den 1980er-Jahren hatte jeder Patient nur einen, höchstens zwei Überweisungsscheine für einen Facharztbesuch je Quartal. Die mussten vom Hausarzt unterschrieben werden. Mit der Einführung der Krankenversichertenkarte 1995 ging die Steuerung verloren. Der Versuch, durch die 2004 eingeführte Praxisgebühr von zehn Euro dauerhaft die Arztbesuche zu reduzieren, schlug fehl. Lediglich einkommensschwache Schichten gingen seltener in eine Praxis. 2013 fiel die Gebühr weg. Seitdem ist die völlige Wahlfreiheit wieder kostenlos. Hajo Zenker