Berlin / André Bochow / NBR Kaum hatten wir die Verdoppelungszahlen verstanden, waren sie unwichtig. Nun verwirrt uns die R-Zahl.

Droht eine zweite Corona-Welle, wenn die Reproduktionszahl größer als 1 ist? Ja, war bis kurzem die Antwort. Schon bei einem Wert von 1,3 könnte im Juni das Gesundheitssystem überlastet sein, teilte die Kanzlerin mit. Aber geht nicht die Kurve seit Wochen nach unten? „Tatsächlich bedeutet die abnehmende Zahl der noch Infizierten, dass die effektive Reproduktionszahl dauerhaft kleiner als 1 war“, sagt Frank Schlosser, Physiker an der Humboldt-Universität Berlin.

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) gab jetzt ein bisschen Entwarnung. Die Reproduktionszahl sei nicht das einzige Kriterium. So sieht man das auch in Berlin. Dort wurde gerade die Corona-Ampel eingeführt, um besser über eventuelle Verschärfungen der Schutzmaßnahmen entscheiden zu können. Bei Neuinfektionen in einer Woche weicht die Hauptstadt von der Bundeszahl 50 auf 100 000 Einwohner ab. Rot gibt es schon ab 30 Neuinfizierten. Momentan sind es 6,18. Rot leuchtet auch auf, wenn die Intensivbetten zu 25 Prozent ausgelastet sind. Aktueller Wert: 9 Prozent. Und bei der Reproduktionszahl wird ab 1,2 Alarm geschlagen. Zurzeit liegt man in Berlin bei 0,79.

Dabei gibt es nach wie vor einige Verwirrung über die R-Zahl. Zunächst einmal muss man die Basisreproduktionszahl von der effektiven Reproduktionszahl unterscheiden. Die erste Kennziffer gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, wenn keinerlei Gegenmaßnahmen getroffen werden. Bei Sars-Cov-2 geht das RKI von einer Basisreproduktionszahl zwischen 2,4 und 3,3 aus. Bei Masern liegt sie bei 15 bis 18. Entscheidend ist aber die effektive Reproduktionszahl. „Die schätzt man aus den Neuinfizierten ab“, sagt Frank Schlosser, der sich mit der „Epidemiologischen Modellierung von Infektionskrankheiten“ befasst. Da die Inkubationszeit im Durchschnitt 5 Tage beträgt, wird das berücksichtigt. Mittlerweile gibt es den Versuch, aktuelle Reproduktionszahlen zu bestimmen. Die sogenannten Nowcasts. Also: Wie viele Menschen steckt heute ein Infizierter an? Die Schwankungsbreite ist erheblich. „Diese Nowcasts muss man mit Vorsicht betrachten“, sagt Schlosser. Wenn da der Wert mal über 1 rutscht, heißt das nicht gleich, dass die zweite Epidemie-Welle anrollt.“

Zumindest die Summe der aktuell Infizierten lässt sich gut ermitteln. Dafür muss man die Zahlen der Gesundeten und Toten von der Gesamtzahl der Infizierten abziehen. Laut RKI waren demnach gestern 14 612 Menschen in Deutschland infiziert. Tendenz: Weiter fallend.

Bleiben die Dunkelziffern. Dagegen helfen nur mehr Tests. „Je mehr wir testen, desto schneller und besser können wir einzelnen Infektionsketten nachverfolgen, sagt Frank Schlosser. „Und wenn wir das können, dann haben wir die Pandemie tatsächlich im Griff.“ André Bochow