Fallen der Corona-Krise jetzt auch noch die Sommerferien zum Opfer? Ein Vorschlag von Wolfgang Schäuble sorgt für großes Aufsehen. Der Bundestagspräsident hat angeregt, die Ferienzeit zu nutzen, um verpasste Unterrichtszeit nachzuholen und Eltern zu entlasten. Dabei wollen die das gar nicht unbedingt. Zumindest der Deutsche Familienverband hält den Vorstoß für falsch. „Eine Ferienverkürzung hat aus Sicht des Deutschen Familienverbandes keine Priorität“, sagt dessen Bundesgeschäftsführer Sebastian Heimann. Erst einmal müsse geklärt werden, wie jetzt der Unterricht organisiert werden kann.

Schäuble war jedoch gar nicht der erste mit der Idee, die großen Ferien für Bildungsangebote zu nutzen. Der wissenschaftliche Beirat des Familienministeriums hatte schon zuvor die Idee eingebracht, auch in den Ferien Bildungs- und Freizeitangebote für Schüler zu organisieren. Auch die Bildungsexperten wurden kritisiert. „Einige haben das in den falschen Hals bekommen und gemeint, wir wollen den Kindern die Ferien wegnehmen“, sagt der Kinderpsychiater Jörg M. Fegert. Darum gehe es aber überhaupt nicht. „Jeder braucht Ferien.“ Die Ferien müssten allerdings unter veränderten Bedingungen vernünftig gestaltet werden. Die Debatte sei wichtig.

Ob Schäuble dieser Debatte nun einen Gefallen getan hat, ist aber zu bezweifeln. Nicht nur der Familienverband und die Lehrergewerkschaft GEW laufen Sturm gegen die Idee, auch der Lehrerverband kritisiert sie. Präsident Heinz-Peter Meidinger sagt, eine Ferienverkürzung könne höchstens eine Einzelmaßnahme sein. „Wir brauchen ein Gesamtkonzept.“

Meidinger warnt zudem vor der sich öffnenden Bildungsschere: „Wir haben eine große Schülergruppe, die durch die Schulschließungen abgehängt wird.“ Vor allem sorgt er sich um Grundschüler, die noch nicht selbstständig arbeiten können, Kinder mit Migrationshintergrund, Schüler mit Förderbedarf und jene, die im Elternhaus keine Unterstützung finden, oder wo es nur einen Computer gibt, den die Eltern fürs Homeoffice brauchen. Um den Stoff aus der Corona-Zeit aufzuholen, steht der Lehrerpräsident daher freiwilligen Angeboten wie Sommerakademien auch in den Ferien offen gegenüber.

Doch selbst wenn die Sommerferien wie geplant stattfinden, sind die Ziele wohl sehr überschaubar. Seit März gilt die Empfehlung der Bundesregierung, auf Reisen zu verzichten, insbesondere auf nicht notwendige, touristische. Das Auswärtige Amt sprach sogar eine Reisewarnung aus, die vorerst bis zum 3. Mai gilt, aber durchaus auch verlängert werden könnte. „Die Gründe für die Reisewarnung dauern leider immer noch fort“, erklärt Bundesaußenminister Heiko Maas. „Der internationale Flugbetrieb ist nach wie vor weitgehend eingestellt.“

Unabhängig von der Frage, wohin man überhaupt noch kommt, bestünde bei Reisen das Risiko, im Ausland zu stranden und nicht wieder zurückzukommen. Viele Länder hätten zudem eine Einreisesperre verhängt. Es sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht absehbar, in welchem Maße sich der Reiseverkehr international wieder normalisiere.

Das bekommen die mehreren Tausend Deutschen weltweit zu spüren, die bislang nicht mit der größten Rückholaktion von Touristen in der bundesdeutschen Geschichte zurückkehren konnten. 240 000 gestrandete Deutsche sind bereits, teils mit gecharterten Maschinen der Bundesregierung, wieder hier gelandet. Bis in die nächste Woche hinein werden noch mehrere Flüge aus Südafrika sowie aus Südamerika und von den Pazifikinseln stattfinden, bevor es an die Abarbeitung vieler Einzelfälle geht.

Wer per Auto oder Zug ins Ausland fahren will, wird an den EU-Grenzen der meisten Nachbarländer Deutschlands kontrolliert. Polen, Österreich und Frankreich führen Kontrollen durch.

Die derzeit eingeschränkte Reisefreiheit schlägt sich auch in den Urlaubsplänen der Deutschen wieder. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge hat ein Drittel der Bevölkerung die Ferien aufgrund der Corona-Krise verschoben oder gar storniert. Nur 28 Prozent der Menschen wollen an ihren Urlaubsplänen festhalten.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sieht darin eine Chance für Ferien in Deutschland. Er rechne mit einem Run auf die touristischen und gastronomischen Angebote innerhalb Bayerns, sagte er am Donnerstag. So könnte die Gastronomie- und Hotelbranche derzeitige Verluste kompensieren und sich von dem Lockdown erholen.

Entsprechend nervös sind die Reaktionen der Tourismuswirtschaft auf den Sommerferien-Vorstoß. Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft spricht von „blanker Existenzangst“. Generalsekretär Michael Rabe kritisiert Schäubles Vorstoß als „unverantwortlich“. „Wir alle hoffen, dass im Sommer Reisen und Ausflüge – im Sinne von Bürgern wie Unternehmen – zumindest in Teilen und unter Auflagen wieder möglich sein werden.“